Von Reisen und Lebenswegen

Es gibt zwei Möglichkeiten, von einem Ort A zu einem Ort B zu gelangen: Wandern und Eilen. Für den Wanderer ist der Weg das Ziel. Er existiert nur im Voranschreiten, er freut sich, wenn er dem Ziel schrittweise näher rückt, doch mindestens ebenso groß ist ihm das Sein in der Welt.

Wanderpfad im Klettgau an Christi Himmelfahrt, 2013 (Foto: Martin Dühning)
Wanderpfad im Klettgau an Christi Himmelfahrt, 2013 (Foto: Martin Dühning)

Der Wanderer erquickt sich an Schmetterlingen, Vögeln, Blumen, Grashalmen, Hügeln, Bergen, Häusern, Ruinen, ja sogar an schnöden Hindernissen wie Kurven, Steinen, umgefallenen Bäumen oder Schlaglöchern, die ihm den Wanderpfad interessanter gestalten. Er will, wenn er  ehrlich ist, gar nicht mal ankommen, schon gar nicht allzu früh, denn der Vollzug der Wanderung beendet sein Welt-er-leb-nis. Folglich kommt es ihm auch nicht auf Leichtigkeit und Geschwindigkeit an, er muss sich auch mit niemandem messen. Nicht pure Langsamkeit, aber doch Genuss liegt ihm am Herzen. Er bleibt ganz im Sein und wenn er ein geselliger Wanderer ist und Begleitung hat, nutzt er dies für intensive Gespräche, solche, die keine Eile dulden. Ist er allein unterwegs, fühlt er sich auch nicht einsam, ist doch die ganze Welt um ihn herum und er ein Teil von ihr. Er pilgert durchs Leben.

Ganz anders aber gestalten wir unsere Straßen: Kühne Schnitte durch Wald und Flur, für hastige Menschen, die von einem Ort zum anderen sausen, manchmal in Gruppen, oft aber auch einsam ihre Wegstrecken einfach nur schnell hinter sich bringen wollen, stets in heimlicher Konkurrenz zu den anderen, die alle ja auch ein Ziel haben, ein anonymes, das sie ebenso schnell ereilen wollen.

Letztlich, wenn wir ehrlich sind, sind die Anderen da nur Verkehrshindernisse, die uns am Vorankommen hindern und die es zu überholen gilt. Der Vorgang des Eilens ist ein unangenehmer und doch berauschender: Weil wir die Welt beim Eilen nur als Aufschub betrachten, wollen wir immer schneller voran, vorspulen mit der Schnellspultaste wie bei einem langweiligen Fernsehfilm.

Und je schneller wir spulen, desto mächtiger glauben wir uns über unser eigenes Schicksal zu erheben. Tatsächlich spulen wir allenfalls uns selbst vor bis zur nächsten Eiletappe – und, was das fragilste an der ganzen Angelegenheit ist: Indem wir so eilen, glauben wir mehr Zeit für uns zu gewinnen. Und wir reihen auf diese Weise doch nur Orte und Zeiten wie Buchstaben einander, die zusammen keinen Sinn ergeben.

Traurig, wenn wir dann am Ende des Lebens feststellen müssen, dass das alles war.