Blind sind die Herzen …

Syrische Kinder spielen in einem Flüchtlingslager (Foto: Ahmed Akacha via Pexels)
Syrische Kinder spielen in einem Flüchtlingslager (Foto: Ahmed Akacha via Pexels)

„Wer nur einen Hammer hat, für den ist die ganze Welt ein Nagel“ , sagte einst Joseph Weizenbaum im Hinblick auf Technokraten. Mehr noch als diese aber regiert der Kommerz die Welt, mit schlimmen Folgen.

Wenn man genau hinzuschauen wagt, falls man sich im Konsumstress überhaupt noch den Luxus leisten kann, in Ruhe darüber nachzudenken, dann muss einem doch augenscheinlich auffallen, wie sehr die ganze Welt aktuell doch in das Raster kommerzieller Denkmuster gepresst wird. Egal, um welches Problem in dieser Welt es sich handelt, es soll mit den magischen Kräften der Wirtschaft und der Märkte gelöst werden, ob es sich nun um politische, ökologische, soziale oder kulturelle Probleme handelt. Hat man Probleme, übernimmt auch man nicht mehr selbst die Verantwortung dafür, sondern delegiert sie einfach an Privatunternehmen. Das sei professioneller. Das sei modern.

Es stellt sich allerdings die Frage, ob es im Sinne eines Privatunternehmens ist, ein so zugetragenes Problem dann auch wirklich grundlegend zu lösen – denn damit würde es seine Dienstleistungen ja obsolet machen. Und welches vernünftige privatwirtschaftliche Unternehmen untergräbt schon seine eigene Existenzgrundlage?

»Weltliche Weisheit lehrt, dass es besser für den Ruf ist, konventionell zu versagen, als unkonventionell erfolgreich zu sein.« – John Maynard Keynes

Vielleicht deswegen leben wir im öffentlichen Bereich mit so vielen Problem-Baustellen, die nie ein Ende zu nehmen scheinen und die nur durch immer neue erweitert werden.

Vergessen ist, was John Maynard Keynes einst alles über die wahre Moralkraft des Kapitalismus zu sagen wusste, vergessen ist die Kulturkritik eines Albert Schweitzer, oder was ein Jeremia oder Amos schon vor bald 3000 Jahren wussten, nämlich dass Eigennutz nicht zu einer besseren Welt führt, sondern nur zu einer, wo sich die Reichen nehmen, was sie wollen und wo sie sich in ihren ethisch fragwürdigen und geistig beschränkten Privatutopien verbarrikadieren – auf Kosten der Armen und Schwachen in der Gesellschaft.

»Ihre Häuser sind voller Tücke, wie ein Vogelbauer voller Lockvögel ist. Daher sind sie groß und reich geworden, fett und feist. Sie gingen mit bösen Dingen um; sie hielten kein Recht, der Waisen Sache führten sie nicht zum Erfolg und halfen den Armen nicht zum Recht.« – Jeremia 5,27-28

»Auf egoistischem Boden kann das Ethische nicht wachsen.« – Albert Schweitzer

Dass sich jeder selbst der Erste ist, ist nicht verwunderlich, denn wer will schon seine Besitztümer verlieren? Wohl aber gibt zu denken, dass sich im gesellschaftlichen Diskurs überhaupt kein Korrektiv mehr findet, um wohlstandsbürgerliche Lebenslügen aufzudecken. Da gibt es keine ernstzunehmend große Partei mehr, die vielleicht in Frage stellen würde, dass Monetarität vielleicht doch nicht der höchste Wert einer Gesellschaft ist – oder warum wird Gemeinwohl, Wohlstand dann nur im Sinne der Profitabilität bewertet? Warum gibt es zum Neoliberalismus keine Opposition mehr? Warum fällt nicht einmal mehr eingefleischten Liberalen auf, dass eine unkritische Überbetonung ökonomischer Denkmuster, insbesondere unreflektierter Konsumismus zu einem Verlust wirklich liberaler Grundwerte führen muss, wie sie einst in der Aufklärung mühsam errungen wurden, allen voran die Mündigkeit, die Gabe und das Recht, kritisch selbst zu denken?

»AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbst-verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.« – Immanuel Kant

»Verzicht auf Denken ist geistige Bankrotterklärung.« – Albert Schweitzer

Vielleicht liegt es daran, dass unsere Gesellschaft heute gar nicht mehr so aufgeklärt ist, wie sie es immer von sich behauptet. Denn im Narrativ sind wir dem Frühkapitalismus der italienischen Renaissancefürsten sehr viel näher als der Philosophie der Vernunft und der Moralität eines Kant.

  • Warum sonst zwingt man Institutionen des Gemeinwohls wie Krankenhäuser und Altenheime, unbedingt nach den Gesetzen von Rendite und Profit zu wirtschaften, im Korsett einer kafkaesken Formularbürokratie, wo es hier doch zuallererst um Menschlichkeit gehen sollte? Warum lobt man nur verbal „systemrelevante“ Berufe in Medizin, Bildung und Gesellschaft, tut aber faktisch überhaupt nichts, um sie überhaupt attraktiv oder wenigstens einigermaßen lebenswert zu machen?
  • Warum sonst glauben wir eigentlich ernsthaft, wir könnten die ökologischen Probleme der Welt mit Geld lösen oder damit, dass wir Umweltsünden einfach über Zertifikate in Märkte einpreisen, dem Ablasshandel gleich, oder dass wir die klimakranke Welt mit gelabelten Konsumgütern ganz einfach gesundkaufen könnten?

    »Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!« – Johann Tetzel

    Eine schale Sache, nicht nur recht ineffektiv von ihrem praktischen Nutzen her, sondern auch moralisch fragwürdig, da sich damit dann ja nur derjenige ein reines Gewissen erkaufen kann, der bei diesem Konsumspiel mitspielt, wozu man dann auch über ein genügend hohes Einkommen verfügen muss. Das ähnelt allzu sehr der Heuchelei der Sadduzäer im Neuen Testament: Reinheit ist an oberflächliche, oft nur symbolische Ausführungsregeln gebunden und überaus käuflich. Wer sich das nicht leisten kann oder will, der ist ein (Klima-)Sünder.

  • Warum sonst insistiert die intellektuelle Elite darauf, Kulturmoral inzwischen fast ausnahmslos nach den Kriterien der Kulturindustrie zu klassifizieren – denn selbst „cultural appropriation“ ist letztlich ja nichts anderes als die finale Anwendung der Kulturvergütungsindustrie auf alle kulturelle Kommunikation?

Was mich als Theologen dabei besonders frustriert, ist, dass auch die großen christlichen Kirchen in Sachen Kulturkritik weitgehend das Handtuch geworfen haben und nur noch versuchen, sich selbst damit über die Tage zu retten, dass sie sich im Sinne von Medienunternehmen und der Veranstaltungsindustrie umstrukturieren. Die Folge ist ein Heimatverlust vieler, die sich eher Spiritualität gewünscht haben – und die konsumierende Masse hält man so auch kaum. Echte Partyveranstalter sind nämlich wesentlich professioneller und müssen auch nicht auf gewisse unbequeme Grundwerte achten. Denn Kirche basiert auf der Botschaft vom Reich Gottes, was sich nicht problemlos in die Konsumgesellschaft einpassen lässt.

»Da sagte er zu ihnen: Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes anvertraut; denen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen gesagt; denn sehen sollen sie, sehen, aber nicht erkennen; hören sollen sie, hören, aber nicht verstehen,  damit sie sich nicht bekehren und ihnen nicht vergeben wird.« – Evangelium nach Markus, 4,11-12

»Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.« – Evangelium nach Markus, 10,25

Gegen die Wohlstandsträume der Konsumwerbung muss das Evangelium Jesu Christi hart, unbequem, unverständlich und vor allem nicht profitabel genug erscheinen. Da geht man dann besser in den Vergnügungspark oder auf ein Partyevent. Ist das vielleicht der Grund dafür, dass im christlichen Establishment die Verkündigung der Botschaft Jesu zurückgenommen, wenn nicht sogar ganz aufgegeben wurde zugunsten einer Hausburgpolitik, die hauptsächlich ihre schwindenden Bestände zusammenklaubt?

So muss es wohl leider sein, denn die missionarische Verkündigung überlässt man ja weitgehend nur noch den Freikirchen oder den Muslimen, die diesen fatalen Fehler der inhaltlichen Selbstaufgabe vernünftigerweise nicht mitmachen. So ist die Botschaft immerhin noch nicht verloren, für jene, die suchen.

»Denn wahrlich, es sind ja nicht die Augen, die blind sind, sondern blind sind die Herzen in der Brust.« – Koran, Sure 22:45b (Al-Hagg)

Aber auch die säkulare westliche Kultur ist sich etwas zu bequem geworden, sie bleibt für die Welt gleichwohl hauptsächlich wegen ihrer unhinterfragten Wohlstandsversprechungen attraktiv.

Wirklich nachhaltig ist aber nichts von allem, wir leben in Europa einen billigen Reichtum auf Kosten der Zukunft, sowohl, was die materiellen, als auch, was die geistigen Ressourcen angeht. Dafür liegt dann vielerorts in der Realität die Menschlichkeit brach: Wir haben wieder Armut, auch in Deutschland, und das nicht zu knapp. Auch, wenn die Medienwelt meist wegsieht, sich in ihren virtuellen Berichten lieber mit ihren elitären Correctness-Diskursen und Weltuntergangsbeschwörungen verliert. Und da man die realen sozialen Probleme zunehmend privatisiert, die Leute vor Ort damit alleinlässt, droht in Zeiten, die dann mal wirklich weniger gut sind, ein hartes und unbarmherzigen Aufwachen aus der Traumwelt der Werbung und Medien. Denn es ging in der Geschichte noch nie gut aus, wenn sich die Wohlstandsschicht nur um sich selbst sorgt in Situationen, die den Zusammenhalt der ganzen Gesellschaft erfordern.

»Mit drei Gegnern hat sich die Ethik auseinanderzusetzen: mit der Gedankenlosigkeit, mit der egoistischen Selbstbehauptung und mit der Gesellschaft.« – Albert Schweitzer

Wir brauchen heute mehr als das, was aktuell geboten wird und was in den letzten Jahrzehnten geleistet wurde. Wir brauchen nicht privatwirtschaftliche Professionalität, wir brauchen gesamtgesellschaftliche Verantwortlichkeit! Wir brauchen einen freieren Geist, der nicht durch eingekreiste Diskurse gefangen wird, der auch neue Lösungen zulässt und findet. Wir brauchen, anfangen bei jedem Einzelnen mehr Verantwortung und Aufrichtigkeit.

Wir brauchen im Kleinen wie im Großen pragmatische Taten, die endlich mal die Ursachen angehen, statt nur Symptome zu vernebeln. Im weltweiten Maßstab gehören dazu eine ernstzunehmende weltweite Friedenspolitik genauso wie eine pragmatische und realitätstaugliche Auseinandersetzung mit den ökologischen und sozialen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

»Bei der Ethik handelt es sich um ein schöpferisches Tun der vielen.« – Albert Schweitzer

Was wir in den letzten 20 Jahren gesehen haben, war stattdessen nur elitäre Symbolpolitik, die oft dysfunktional war. Das sollte man nicht länger hinnehmen, wenn einem etwas an dieser Welt, den Menschen und ihren Mitlebewesen liegt. Das haben nicht nur die Millionen von Menschen verdient, die heute in Kriegsnot und sozialem Elend müssen, sondern auch unser aller Kinder, die unsere Zukunft sind!

Über Martin Dühning 1443 Artikel
Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau, arbeitet am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.