Die meisten Hochfeste der Weihnachtszeit sind auch in Ninda vorüber, doch hier geht Weihnachten ja bekanntlich bis Maria Lichtmess. Vizekönigin Luisa Amiratu zieht im Interview eine Zwischenbilanz.
Anastratin.de: Frau Vizekönigin, waren es frohe Weihnachten?
Luisa Amiratu: Ja, die Weihnachtstage in dieser Saison waren froh, froh im Sinne von spirituell, nicht vom Kommerz her. Dank Alke Sedosar, der dieses Jahr für die Organisation der Weihnachtsdekoration zuständig war, hatten wir wirklich wunderschöne Weihnachten und wir haben einen äußerst festlichen großen Christbaum in Juletree. Den hat Alke sehr schön ausgesucht.
Anastratin.de: Juletree hat sich inzwischen ja zu einem Zentrum von Feierlichkeiten entwickelt. Was ist für diese Stadt geplant?
Luisa Amiratu: Ja, Juletree ist ein Zentrum für Feierlichkeiten aller Art. Wir hatten eigentlich geplant, die Stadt noch ein wenig auszubauen, es ist aber schwierig geworden, dort Bauplätze zu finden, ohne dass der Festivalplatz dann zu sehr eingeschränkt wird oder die Bahnhofsanlagen, weil sich hier ja wichtige Bahnlinien kreuzen. Deshalb wollen wir es auch nicht übertreiben. Juletree gilt als eine der schönsten Städte in Ninda und eine Stadt wird nicht schöner dadurch, dass man sie zubaut. Insofern bin ich auch froh, dass wir uns rechtzeitig dazu entschieden haben, die Parkanlagen zu erweitern und wir haben glücklicherweise auch darauf geachtet, die Grundstücke im Umfeld der Bahnhofsanlagen zu schonen, sodass wir keine Unterwasserbahnhöfe bauen müssen wie Menschen anderorts, weil man dort der Immobiliengier zum Opfer gefallen ist. Stadtentwicklung bedeutet nämlich nicht, die Einwohnerschaft irgendwelchen Immobilienhaien zum Fraß vorzuwerfen, sondern die Kultur und Lebensqualität zu fördern – und das in Rücksichtnahme auf die Umwelt. Deshalb bauen wir aktuell auch sehr langsam und vorsichtig. Vielleicht müssen wir sogar Baugenehmigungen zurückziehen, wenn es sich als notwendig erweist.
Anastratin.de: Wird das nicht zu juristischen Konflikten führen, wenn sie Baugenehmigungen zurückziehen?
Luisa Amiratu: Wir sind natürlich der Rechtsstaatlichkeit verpflichtet und jeder Bürger hat auch bei uns das Recht, seine Anliegen einem fairen Gericht zur Prüfung zu übergeben. Eine Baugenehmigung ist aber kein ewigwährender Generalerlass – wenn sie nicht umgesetzt wird. Und es sei darauf verwiesen, dass das nindanische Recht auch Zwangsenteignungen erlauben würde, sollten sie notwendig sein, was ich aber vermeiden möchte und ich sehe auch nicht wirklich, dass das gerade Sinn machen würde. Das ist deshalb auch bitte nicht als Drohung zu verstehen.
Anastratin.de: Es wird ja derzeit viel gedroht in der Weltpolitik.
Luisa Amiratu: Da haben Sie recht, wir leben ja leider in Zeiten politischer Horrorclowns, all überall um Nitramien herum. Ich bin, wie eigentlich alle Politiker innerhalb Nitramiens, aber der Vernunft und Fairness verpflichtet, daher wird es bei uns keine marktschreierische Politik geben. Wenn man Werte wie Demokratie, also Volksherrschaft, oder republikanisches Denken, also dass Anliegen öffentlich verhandelt werden, ernst nimmt, dann geht das auch nicht an, mit Drohungen um sich zu werfen. Ich bin deshalb sehr erstaunt, dass es heutzutage anderorts so oft praktiziert wird.
Anastratin.de: Wie reagieren Sie darauf?
Luisa Amiratu: Persönlich reagiere ich auf wüste Drohungen mit Entrüstung – eine andere Reaktion wäre auch unvernünftig, politisch reagiere ich aber erst mal gar nicht, denn ich bin ja Kommunal- und nicht Außenpolitikerin. Es sei aber darauf hingewiesen, dass es allgemein höchst unklug ist, Nitramiern zu drohen, weil sie doch fast ausnahmslos recht nachtragend sind und wenn man beispielsweise vorhandene Absprachen kündigt oder plump damit droht, könnte man dafür, wie das in der Historie schon häufiger geschehen ist, von der Nitramischen Volksversammlung als „Eidbrecher“ gebrandmarkt werden – das wäre der politische Tod, denn dann wäre niemand mehr in Nitramien berechtigt, keine Organisation und keine Privatperson, irgendwelche Absprachen zu treffen, nicht einmal der Kaiser. Das ist ja schon vorgekommen in der Vergangenheit und es wirkte sich fast immer sehr fatal für die Eidbrecher aus. Nitramische Politik funktioniert nämlich normalerweise positiv und kooperativ, nicht destruktiv. Destruktiv geht aber auch und es ist in der Regel sehr verheerend.
Anastratin.de: Sie ließen vorher durchblicken, dass die Weihnachtsfeierlichkeiten spirituell froh waren, aber nicht unbedingt kommerziell. Waren sie da also nicht erfolgreich?
Luisa Amiratu: Weihnachten ist ein vorrangig spirituelles Fest, wir messen seinen Erfolg nicht an Geschäftszahlen. Allerdings muss ich zugeben, dass vor allem die Weihnachtsmärkte deutlich weniger Umsatz hatten. Das liegt teilweise an der starken intergalaktischen Inflation, die bei uns eine sehr starke Deflation ausgelöst hat. Das mag seltsam klingen, aber dadurch dass unsere Währung silberbasiert ist, sowohl der nitramische Denar als auch der nitramische Junian, und sich der Silberpreis intergalaktisch momentan vervierfacht hat im Vergleich zu dem von vor einhundert Jahren, haben sich unsere Waren derart verteuert im Ausland, dass sich der Export für uns eigentlich nicht mehr lohnt. Zudem haben wir deutlichen Personalmangel und einige Seuchen taten ihr Übriges, dass der Handel teilweise nur noch sehr spärlich abläuft. Das tut uns besonders weh, weil wir ja eigentlich gefüllte Auftragsbücher haben – umgekehrt haben wir aber auch nur noch sehr wenig importiert, weil sich einige Güter so sehr verteuert haben durch die Inflation im Einkauf, dass sich der Handel hier nicht mehr lohnt. Das betrifft vor allem auch Karas Weihnachtsmärkte, die dieses Jahr deutlich weniger Waren aus dem Ausland hatten. Wir haben aber dennoch gut gefüllte Stände, eben mit einheimischen Waren. Ich muss allerdings zugeben, dass es über Weihnachten zeitweilig einen deutlichen Brotmangel gab, weil die intergalaktischen Märkte hier nicht liefern konnten. Das brachte mich natürlich etwas in Verlegenheit als Vizekönigin, da Brot ja ein Grundnahrungsmangel ist – und ich kann der Bevölkerung ja schlecht empfehlen, stattdessen Kuchen zu essen, wovon wir übrigens viel zu viel hatten. Sie wissen ja, es gibt da so historische Präzedenzfälle, wo solche Äußerungen berechtigt zu großem Unmut geführt haben …
Anastratin.de: Haben Sie denn Möglichkeiten, den Handel zu fördern?
Luisa Amiratu: Es geht ja nicht darum beim Handel, irgendwelche Statistiken zu frisieren und aufgehübschte Zahlen zu präsentieren, es geht auch nicht bloß um Profit, sondern Handel ist eine ökonomische Umsetzung der Werte Gerechtigkeit und Freiheit – und in deren Verbindung besonders Fairness. Das basiert auf Gegenseitigkeit. Das macht es sehr schwer, mit einseitigen Maßnahmen auf besseren Handel hinzuwirken. Wenn im Ausland nicht wertgeschätzt wird, was wir auf unserer Seite tun können oder entweder bei uns oder im Ausland keine geeigneten zeitlichen und materiellen Ressourcen zur Verfügung stehen, dann gibt es eben wenig Handel. Wichtig ist allerdings, dass man Möglichkeiten dazu offen hält: Wir können uns glücklich schätzen, dass wir wirklich gute Handelspartner haben, und das ist da ja schon mal das Wichtigste. Gut, es könnten mehr sein, aber Tugendhaftigkeit ist in der Galaxis gerade nicht sehr angesagt, wo doch Horrorclowns den Diskurs bestimmen, die mit Strafzöllen um sich werfen. Das wird uns dann leider wohl auch irgendwie treffen und es verärgert uns sehr, wir werden unsere Prinzipien deshalb aber sicher nicht über Bord werfen und werden halt sehen müssen, wie wir angemessen darauf reagieren. Bei alledem scheint mir echt wertebasiertes Handeln aber die Grundlage zu sein und das bedeutet, dass Sie weder Symbolpolitik noch eine politische Seifenoper aufführen sollten. Es geht um Fairness, es geht um Nachhaltigkeit, es geht um echtes Gemeinwohl. Das kann nur jeder Einzelne selbst tagtäglich leben, man kann es nicht delegieren, man kann es nicht automatisieren.
Anastratin.de: Wie wird es in Ninda weitergehen?
Luisa Amiratu: Meinen Sie das politisch – da versuchen wir Kontinuität zu wahren, oder vom Feiern her? Nach dem sixtinischen Kalender, der hier gilt, feiern wir noch bis zum 2. Februar, Maria Lichtmess, Weihnachten, so lange wird hier auch noch die Weihnachtsdekoration stehen. Wie gesagt, Alke Sedosar hat ganze Arbeit geleistet, der große Christbaum in Juletree ist sehr hübsch und auch noch sehr gesund, da sollte das kein Problem sein. Das nächste große Fest ist dann das lunare Neujahr, was dieses Jahr glücklicherweise auf den 17. Februar fällt, sodass es im Gegensatz zur vorigen Saison nicht mit dem Weihnachtsfest kollidiert. Das bedeutet, dass wir für das Neujahrsfest in Juletree wieder den kompletten Festplatz schmücken können. Das Neujahrsfest wird drei Tage dauern und nach dem Lunarkalender beginnt dann das Jahr des Feuerpferdes. Eventuell wird es im März dann wieder ein Sakura-Fest geben, das hängt aber davon ab, ob es diesmal wieder eine nennenswerte Kirschblüte gibt, weil das Kirschblütenfest nur gefeiert wird, wenn es auch genug Kirschblüten gibt. In der letzten Saison gab es keine, also wurde es auch nicht gefeiert. Und dann gibt es natürlich noch Ostern, wobei das in Nitramien nicht so stark dekoriert wird, weil es eher ein rein kirchliches Fest ist – das ist auch wichtig, aber vielleicht nach außen hin nicht so augenfällig wie die Feste mit starker Dekoration. Andererseits wäre auch fraglich, wie wir das dekorieren sollen, wir können ja schlecht überall Kreuze aufstellen und wirklich künstlerisch hochwertige Kreuzwege wie in der alt-emolanischen Tradition gibt es in Nitramien nicht. Wir haben Kirchen und Wegkreuze, aber die stehen immer und nicht nur zur Osterzeit. Das eigentliche Frühlingsfest feiern wir beim Kirschblütenfest oder an Beltane im Mai, daher macht es nicht unbedingt Sinn, das dann auch noch an Ostern zu tun, da gibt es außerhalb der Kirchen wenig Spezielles, abgesehen natürlich von den Ostereiern, die sind bei uns aber keine Dekoration.
Anastratin.de: Sie regieren nun schon 108 Jahre als Vizekönigin. Wie viele Weihnachtsfeiern, Neujahre und Kirschblütenfeste denken Sie, werden Sie noch als Vizekönigin feiern können?
Luisa Amiratu: (lacht) … Na ja, das liegt ja nicht allein bei mir – sondern hängt auch davon ab, wie viele Lenze mir Gott noch gönnt. Ich freue mich über jedes Fest, was ich noch feiern und gestalten darf. Aber man darf nie den Fehler machen, ewig walten zu wollen, auch wenn man schon sehr lange regiert. Immerhin vermute ich, dass man sich an meine Regierungszeit noch lange erinnern wird, sofern es noch genug Leute gibt, die sich erinnern können, denn die 108 Jahre waren schon sehr erfüllt. Und vielleicht schaffe ich auch noch 120 oder gar 144 Jahre. Aber irgendein Weihnachtsfest wird sicher mein letztes als Vizekönigin sein und deshalb feiere ich jedes einzelne so, als gäbe es nur dieses Eine. Spirituell betrachtet bedeutet Ewigkeit nicht eine endlose Menge an Jahren, sondern tiefste Erfüllung. Darauf kommt es an und das habe ich mir vorgenommen. Solange mir das gelingt, will ich es auch noch machen, sofern ich darf. Und bis zu gewissem Maße darf ich das auch, denn ich bin ja kein Faust und habe keinen Pakt mit Mephisto abgeschlossen, deshalb kann ich die Schönheit der Augenblicke genießen und befinde mich damit auch durchaus im Einklang mit der nitramischen Ethik.
Anastratin.de: Das ist vielleicht ein schönes Schlusswort, wir wünschen Ihnen weiterhin alles Gute und danken Ihnen für das Gespräch!
Luisa Amiratu: Vielen Dank auch Ihnen und haben Sie alle eine erfüllte Zeit!
Das Gespräch führte Nils Kawomba.









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