Es ist doch nicht ganz das Wahre, sagte Luisa

Aus dem Leben einer Botschafterin, Teil 13

Die Villa Mondia bei Nacht
Die Villa Mondia bei Nacht

Die drei blickten ganz gespannt, wie sie reagieren würde. Sie tappte etwas unbeholfen im grünen Gras umher, unbeholfen, weil sie immer noch nicht fliegen konnte, unbeholfen aber auch wegen der Augenbinde, welche man ihr aufgesetzt hatte.

„Jetzt, Mami“, sagte Thassi, „jetzt kannst Du die Binde abnehmen“ und zog von hinten an dem Stoffbändel, dass Luisa fast umgekippt wäre. „Sachte“, mischte sich sorgenvoll Una ein, „lass Mama das selber machen“ und Luisa kramte sich das Leintuch vom Köpfchen und blickte unsicher und geblendet vom Sonnenlicht umher, wo sie erst die lustig herumspringende Tochter, dann Una und schließlich auch ihre unverhoffte neue Schwester entdeckte. Letztere, Telia Atanavi, interessierte sich augenscheinlich mehr für den Park als für die große Überraschung.

Es war nicht ganz das, was Luisa erwartet hatte, und so sehr sie auch versuchte, ihre Enttäuschung zu verbergen, merkte man es ihr doch an. Nein, sie war nicht wieder zuhause in Mondia, und wenn auch Legat Jitro Messalinas wieder keine Aufwände gescheut hatte, die Feen zu beglücken, worin er zwischenzeitlich, zumindest finanziell, seinen Ex-Kollegen Keto Celladin längst in den Schatten gestellt hatte, es war ihm wieder nicht gelungen, die Trauer der kleinen Fee zu vermindern.

Jitro Messalinas hatte keinen sehr beneidenswerten Job als nunmehr einziger Chefdiplomat, sein Job war nun noch stressiger, und der „alte Mann“, wie er sich oft scherzhaft nannte, weil er der älteste Legat in kaiserlichen Diensten war, sogar fünf Jahre älter als Keto Celladin, der ja mit seinen hochbetagten 170 Elbenjahren kürzlich in den Ruhestand geschickt worden war, manchmal stöhnte er schon über die ganzen Bedrängnisse. Allerdings war Jitro Messalinas nicht umsonst Legat des Ostens, und 175 Lenze waren für einen Andraskaner auch noch kein Alter, denn sie konnten gut 450 Jahre leben, wenn sie keine Krankheit vorher dahinraffte. Zuletzt war Messalinas wie viele andere aber recht kränklich gewesen, darum hatte es wohl auch etwas länger gedauert mit Luisas Überraschung.

Luisa hatte zuvor eine recht komfortable Suite in der medizinischen Forschungseinrichtung Megara erhalten, wo sie am Mittwoch, den 12. Oktober 498 nach nitramischer Zeitrechnung wieder aufwachte, gut 11 Monate, nachdem sie ins Koma gefallen war. Davon wusste sie aber nichts mehr, das letzte, woran sie sich erinnern konnte, waren jene schrecklichen Momente in der Volksversammlung, wo ihr „Freund“ Keto Celladin für sein diplomatisches Versagen abgestraft worden, und daran, wie sie im Hotel danach zusammengebrochen war.

Die Suite war sehr hübsch hergerichtet und die Chefärztin persönlich, eine Tyrillianerin mit besten Referenzen, behandelte sie, verhätschelte sie, aber wie immer, wenn sie sich bemuttert fühlte, gefiel das Luisa überhaupt nicht und umso erboster wurde sie, als sie feststellte, dass sie nicht mal mehr zaubern konnte. Das war natürlich kein Zufall, denn ihr allzu ausgiebiger Zauberkraftverbrauch hatte ihren Kollaps ja erst verursacht. Daher hatten ihr die Ärzte einen Magieblocker verabreicht, der ihre Kräfte für einige Wochen unterbinden würde. Deswegen waren Luisas zaghaft-schwächliche Fluchtversuche natürlich nicht von Erfolg gekrönt und ein sehr freundliches und geduldiges Krankenhauspersonal führte sie immer gleich wieder in ihr Krankenzimmer zurück.

Damit sich Luisa auch wirklich schonen würde, hatte man ihr keine Zeitungen, keinen Infopanel, nur ein Audiophon mit angenehmer Heilmusik sowie ein paar Aquarellfarben bereitgestellt, die Luisa zunächst sehr ausgiebig ignorierte. Ansonsten bestand das Mobiliar nur aus einigen Sofas, einem riesigen, weichen Bett, unzähligen Kissen und einer mächtigen, blaugrün-schimmernden Blumenvase in einer Ecke. Daneben gab es noch ein kleines Bad mit Dusche.

Die Panoramafenster gaben den Blick frei auf einen ihr unbekannten Planeten und einen weiten Sternenhimmel, woraus Luisa nur schließen konnte, dass sie weit weg von zuhause war. Das war weder Ninda, noch Tyndalis, noch sonst ein Ort, wo sie schon mal gewesen war. Vielleicht war sie auf einem Raumschiff, vielleicht auf einer Raumstation, aber irgendwie sah hier alles etwas moderner und fremdartiger aus als die anderen, die sie auf früheren Reisen besucht hatte.

Auf ihre Nachfrage bei der sehr fürsorglichen Ärztin erfuhr sie nur, dass sie hier in Sicherheit sei, dass für alles gesorgt sei, sie sich um ihre Tochter Thassi und ihre Freundin Kara nicht sorgen brauche und dass sie einfach nur ausspannen und sich erholen solle, einfach ein bisschen chillen, Musikhören und wenn sie Lust habe, dürfe sie auch die Farben benutzen und malen, um ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Luisa betrachtete also vom Sofa aus lange und sehr intensiv die Fenster und die große Vase und überlegte, ob es sinnvoll sei, damit vielleicht die Fensterscheiben einzuschlagen. Aber wahrscheinlich, so vermutete sie – ganz richtig übrigens – war die Vase auf dem Boden festgeschraubt.

Daraufhin wollte Luisa aus lauter Zerstörungslust eine Kissenschlacht veranstalten, merkte dabei aber, dass ihre Ärmchen doch irgendwie schlaff und müde waren und sie schon das Hochheben eines Kissens sehr anstrengte. Also beschloss sie, zu malen.

Sie malte Teufel, viele Teufel. Viele rote und violette Teufel, so primitiv und hässlich wie möglich, mit grausigen Fratzen, bis alle Papierblätter verbraucht waren. Später kam die Ärztin vorbei, betrachtete geduldig Luisas grafisches Werk, seufzte, und meinte nur, dass Luisa offensichtlich immer noch nicht entspannt genug sei. Daher orderte sie etwas Lavendeltee, Passionsblüten und Melissentee, Luisa bedankte sich ganz freundlich, und kaum war die Ärztin weg, schüttete sie alles in die Vase.

Später, als man ihr neues Papier gebracht hatte, setzte sie ihr Teufelswerk kontinuierlich fort.

So ging es weitere zwei Tage lang, Luisa hätte sich gerne ganz verweigert, am liebsten gar nichts gegessen, aber sie konnte doch einigen der vielen Süßigkeiten, die man ihr ständig brachte, nicht widerstehen. Irgendjemand musste denen hier verraten haben, was ihre Lieblingsspeisen waren. Es waren sogar einige der wunderbaren Kreationen dabei, die Kara und sie damals auf Keto Celladins Raumschiff mit dem tollen Bonbonautomaten selbst erfunden hatten. Ob vielleicht Kara hier war? Oder Keto Celladin?

Doch zu ihrer großen Enttäuschung meinte die Ärztin, beide wären nicht da, auch Una, Thassi und irgendeine Telia, die sie bald besuchen wollten, könnten derzeit nicht zu ihr kommen, weil wieder ein medizinischer Notstand herrsche und der Verkehr daher gesperrt sei. Aber Luisa solle sich keine Sorgen machen, es gehe allen gut und sie bekomme bald Besuch. Aber bitte, sie möge sich doch endlich schonen und sich erholen. Dazu sei sie ja hier. Wenn ihr das Quartier auf Megara nicht gefalle, könne sie demnächst auch eine Kur antreten, irgendwo unter freiem Himmel.

Luisa wollte stattdessen einfach nur nachhause. Sie habe ja noch soviel Arbeit.

Die Ärztin seufzte und verließ Luisas Quartier.

Dort entstand auf Aquarellpapier eine neue Legion extraordinär billig geschmierter Teufelchen.

Neuer Beruhigungstee wurde geliefert, der dann schnell dem anderen in der Vase Gesellschaft leistete. Da war ja noch soviel Platz!

Später kam tatsächlich Besuch. Aber es war nicht Kara, nicht Keto Celladin, nicht Una und nicht Thassi. Es war Luisas alter Freund Kapitän Alveran!

Er sei angeblich gerade hier in der Gegend gewesen, meinte Alveran, und er habe gehört, dass sie hier im Krankenhaus sei, und da habe er spontan entschieden, seine alte Reisegefährtin zu besuchen.

Aha, meinte Luisa.

Das sei ein außerordentlich berühmtes und modernes Krankenhaus, in das nur ausgewählte Persönlichkeiten kämen, das beste, was Legat Jitro Messalinas zu bieten habe, meinte Alveran.

Aha, meinte Luisa.

Er habe ihr ein paar tyndalische Blumen mitgebracht, meinte Alveran und stellte sie in die Vase, wunderte sich dabei, dass sie angeschraubt war, aber offenbar auch schon Wasser darinnen.

Aha, meinte Luisa, fand die Blumen aber insgeheim schön.

Ob sie vielleicht Lust hätte, mit ihm im Arboretum spazieren zu gehen? Fragte Alveran.

Luisa wollte schon Nein sagen, hatte dann aber doch Angst, dass ihr alter Freund dann vielleicht einfach wieder gehen würde und sie wieder alleine wäre mit ihren Teufeln, daher nickte sie stumm. Alveran nahm sie behutsam in seine Handflächen und trug die kleine, müde Fee aus ihrem großen Krankenquartier den Flur entlang, hin zu einem kleinen Garten inmitten des Weltalls. Hier, durch die großen Glasflächen, konnte man noch mehr Sterne sehen. Und im Garten wuchsen ein paar einsame Palmen, Blütengräser und ein Springbrunnen mit hübschen kleinen schillernden Fischen darinnen bildete eine geruhsame Mitte. Darum standen verstreut einige weiße Bänke, worauf müde aussehende Patienten saßen, überall lauerten zu Luisas Enttäuschung Krankenhausangestellte an den Türen.

Aber Alveran schaffte es doch, Luisa mit seinen Erinnerungen an längst vergangene Abenteuer abzulenken und so wurde Luisa wieder glücklicher. Allerdings erfuhr sie von Alveran auch, dass Keto Celladin nicht mehr da war, dass Alverans Büro deswegen geschlossen wurde und dass er jetzt als Frachtkapitän für die 11. Raumflotte arbeitete. Er schien ihr dabei nicht so ganz glücklich zu sein, auch wenn er sein neues Schiff in höchsten Tönen lobte. Außerdem kitzelte sie aus ihm heraus, dass in Ninda aktuell das Kriegsrecht herrschte, dass dort eine Seuche ausgebrochen und dass er nur deswegen eigentlich Zwangsurlaub hatte, weil der Frachtverkehr eingestellt sei. Alveran erzählte ihr aber auch, dass einer seiner Kollegen mit Voret Andumnognos nach Leinarkunion geflogen sei, um dort einen geheimen Auftrag auszuführen. Das habe mit einer neuen Zwergfee namens Telia Atanavi zu tun gehabt, die der Olvenias aus Emolas geschickt hatte, um Luisa zu retten.

Luisa verstand das alles nicht.

Da erklärte ihr Alveran, dass Luisa an einer lebensgefährlichen Krankheit erkrankt war und dass sie nur von einer weiteren Emolas-Zwergfee gerettet werden konnte, die sich für ein Serum zur Verfügung stellte. Mehr wisse er auch nicht, log Alveran, und verschwieg Luisa die Dauer ihres Komas – fast 11 Monate.

Luisa merkte das natürlich, bekam aus Alveran, aber auch aus der Ärztin, die sich zu ihnen gesellte, nicht heraus, wie lange sie geschlafen hatte. Stattdessen fragte die Ärztin Luisa nun nochmals nach ihren Wünschen aus für ihre anstehende Kurbehandlung.

Luisa wollte nach Mondia zurück in ihre Villa, weil sie noch viel aufarbeiten müsse.

Nun, da gebe es Andrasko, ignorierte die Ärztin geduldig Luisas Forderung, in Andrasko sei das Kloster Ibellin ein sehr schöner und friedvoller Ort, um ihre Verletzungen zu kurieren.

Luisa wurde schon ganz anders, als sie den Namen nur hörte.

Nun gut, eine renommierte Kurklinik sei auch Eldalonde in Tyndalis, meinte die Ärztin.

Alveran war von der Idee sofort begeistert, weil er ja demnächst Heimurlaub habe und sie dort regelmäßig besuche könne.

Aha, meinte Luisa und grummelte.

Und somit war es dann beschlossen.

Alveran und die Ärztin brachten Luisa daraufhin in ihr Zimmer und Alveran betrachtete etwas ratlos Luisas umfangreiche Malarbeiten zur Dämonologie. Er sah sich etwa die hälfte der 200 Malereien an und brummelte dann „Aha“.

Daraufhin rechtfertigte sich Luisa vor ihrem Freund damit, dass sie hier ja zur Untätigkeit gezwungen sei, nicht mal Zeitungen lesen dürfe und auch nichts schreiben. Sie werde hier völlig unterfordert!

Die Ärztin meinte etwas weniger geduldig, sie sei erst seit drei Tagen wieder bei Bewusstsein und müsse sich unbedingt noch schonen. Lesen sei zu anstrengend und arbeiten dürfe sie nun schon gar nicht.

Luisa beschwerte sich daraufhin bitterlich, dass sie hier von allen ihren Freunden völlig abgeschnitten sei!

„Nun ja“, meinte Alveran und blickte die Ärztin ganz treuherzig an, die sich schließlich dazu bewegen ließ, dass Luisa immerhin EINEN nicht allzu langen und privaten Brief an ihre beste Freundin Kara schreiben dürfe. Im Gegenzug musste Luisa Alveran aber versprechen, damit aufzuhören, „den Teufel an die Wand zu malen“.

Das versprach Luisa auch ganz heilig. Denn sie wusste ja, dass sie die Teufel auf Papier malte und nicht an die Wände – wenn die Idee auch durchaus verführerisch war.

Daraufhin verabschiedete sich Alveran und wünschte ihr weiter gute Besserung.

Die tyrillianische Ärztin untersuchte Luisa daraufhin mal wieder, nahm ihr ein Tröpfchen Blut ab und analysierte es, maulte, weil die Stresswerte immer noch zu hoch wären und der Beruhigungstee wohl offensichtlich gar nicht wirke, man müsse wohl die Dosis erhöhen und ließ ihr dann tatsächlich einen Briefumschlag, ein Blatt Briefpapier und einen Füller bringen. Das Briefpapier sah augenscheinlich aus wie das von Luisa selbst gedruckte.

So schrieb Luisa einen Brief an Kara, in dem sie ihrer Freundin all ihr Leid klagte. Der Brief wurde dann abgeholt und dabei nahm man Luisa vorsorglich auch den Füller wieder ab – sehr zu ihrem Ärger.

Das machte Luisa sehr zornig, sodass sie daraufhin wieder Legionen von ausgesprochen hässlichen Teufelchen auf Aquarellpapier malte, bis sie schließlich irgendwann ganz erschöpft darüber einschlief.

In der Nacht hatte Luisa einen furchtbaren Traum: Sie wachte mitten in der Hölle auf, um sie herum all die hunderte Aquarellteufelchen!

„Wir sind die grässlichen Aquarellteufelchen!“, schimpften die Aquarellteufelchen,

„Und wir rächen uns nun an dir dafür, dass du uns absichtlich so hässlich erschaffen hast!“ – und dann fingen die ganzen Teufelchen an, um Luisa herumzusausen und zu fauchen und die kleine Fee ganz übelst zu pieken und zu stechen, sodass Luisa schließlich laut aus dem Schlaf aufjaulte.

Die kleine Fee stand schreiend in einem Haufen zerknüllter Aquarellteufelchen, als das halbe Krankenhauspersonal um Drei Uhr Nachts hereinstürmte, um nach dem Rechten zu sehen. Sofort wurde die Chefärztin aus dem Bett gerissen und ins Zimmer geholt.

Die Tyrillianerin, inzwischen ziemlich ungeduldig, übermüdet und sichtlich erbost, als sie Luisa so kläglich in all ihren neuerlichen Teufelchen stehen sah, fauchte, es sei jetzt aber wirklich genug, verpasste ihr sofort eine kräftige Beruhigungsspritze und stapfte mit hochrotem Kopf aus dem Raum.

Luisa wurde von den Krankenschwestern sachte auf ihr Bett gelegt, dämmerte sofort weg und ihr Po tat ihr noch am ganzen nächsten Tag weh, sie wusste nicht, ob von den Teufelchen oder von der Spritze.

Da entschied Luisa, keine Teufel mehr zu malen und es vielleicht doch mal etwas ruhiger angehen zu lassen. Nur manchmal schluchzte sie gegenüber der Ärztin halblaut in sich hinein, dass sie doch einfach wieder heim nach Mondia wolle.

Daher malte Luisa nun wehleidig Bilder ihrer Villa in Ninda von allen möglichen Seiten, bei Tag, Nacht, Sonne, Mond und im Regen. So fand sie Legat Jitro Messalinas vor, als er sie an einem Freitagabend besuchte.

Der Legat sah etwas blässlich aus und abgemagert, so als hätte er die letzten Tage nicht richtig gegessen und geschlafen, nur seine meergrünen Augen blitzten noch so jugendlich wie damals, als er Luisa in ihrer Villa auf Mondia als neue Botschafterin willkommen geheißen hatte.

Ach, es ist lange her, seufzte er.

Es fehlt aber der Kamin, merkte Jitro Messalinas kritisch an, als er die 95 Villenaquarelle betrachtete.

Und die Perspektive stimmt auch nicht ganz, fügte er hinzu, womit er sich endgültig Luisas Zorn zuzog.

Daraufhin musste er sich eine wütende Tirade der salomenischen Botschafterin anhören darüber, wie schlecht sie hier behandelt würde und dass sie doch überhaupt nicht krank und schon wieder völlig gesund sei, wobei ihr zunehmend schwindelig wurde sodass sie irgendwann nach Luft jappste.

Dabei merkte sie, dass Legat Jitro Messalinas inzwischen auch irgendwie ungesund grün angelaufen und offenbar kurz davor war, sich in ihre Blumenvase zu übergeben. Da wurde Luisa klar, dass Messalinas im Krankenhaus wohl nicht nur ihretwegen war und dass sie beide wohl doch nicht ganz gesund genug für einen solchen Disput waren.

Jitro Messalinas keuchte etwas, fasste sich wieder und bemerkte trocken, er nehme dies zur Kenntnis, sei aber eigentlich nur gekommen, um Luisa ihren bevorstehenden Transfer nach Eldalonde anzukündigen, und drei Freunde, Una, Thassi und ihre verloren geglaubte Schwester Telia würden sie begleiten. Die anderen von ihr vorgebrachten Punkte müssten sie einandermal besprechen, er selbst müsse sich hier noch einer medizinischen Behandlung unterziehen.

Damit verbeugte er sich etwas gequält, verließ Luisas Quartier und ließ sie ratlos zurück.

Luisa betrachtete an diesem Abend noch lange ihre gemalte Villa und schlief darüber ein.

Als sie wieder zu sich kam, schien alles seltsam verändert. Die Luft fühlte sich frischer an, der Boden grasig, feucht und vor allem konnte sie nichts sehen, weil etwas ihre Augen verdeckte!

„Keine Angst, wir sind hinter Dir, Du bist gleich da!“, flüsterte eine ihr vertraute Stimme, es war Una.

„Ja Mami, du musst noch kurz warten, es ist eine Überraschung!“, jubelte Thassi. Und dahinter tappste noch eine dritte Person durch das Gras, es war Telia Atanavi.

Die drei blickten ganz gespannt, wie sie reagieren würde. Sie tappte etwas unbeholfen im grünen Gras umher, unbeholfen, weil sie immer noch nicht fliegen konnte, unbeholfen aber auch wegen der Augenbinde, welche man ihr aufgesetzt hatte. „Jetzt, Mami“, sagte Thassi, „jetzt kannst Du die Binde abnehmen“ und zog von hinten an dem Stoffbändel, dass Luisa fast umgekippt wäre. „Sachte“, mischte sich sorgenvoll Una ein, „lass Mama das selber machen“ und Luisa kramte sich das Leintuch vom Köpfchen und blickte unsicher und geblendet vom Sonnenlicht umher, wo sie erst die lustig herumspringende Tochter, dann Una und schließlich auch ihre unverhoffte neue Schwester entdeckte. Letztere, Telia Atanavi, interessierte sich augenscheinlich mehr für den Park als für die große Überraschung.

Es war nicht ganz das, was Luisa erwartet hatte, und so sehr sie auch versuchte, ihre Enttäuschung zu verbergen, merkte man es ihr doch an. Nein, sie war nicht wieder zuhause in Mondia, und wenn auch Legat Jitro Messalinas wieder keine Aufwände gescheut hatte, die Feen zu beglücken, worin er zwischenzeitlich, zumindest finanziell, seinen Ex-Kollegen Keto Celladin längst in den Schatten gestellt hatte, es war ihm wieder nicht gelungen, die Trauer der kleinen Fee zu vermindern:

Vor Luisa stand eine lebensgroße Villa, eine Villa Mondia, doch das war nicht die Insel Mondia, es war nicht ihre Heimat Ninda, es war ein fremder Park, und Luisa erkannte den Park als den Kurpark von Eldalonde, wo Kara und sie einst Karas Mutter besucht hatten, damals, auf ihrer großen Abenteuerreise. Jemand hatte einen täuschend echten, lebensgroßen Nachbau von Luisas Villa in diesen Park gesetzt, aber auch diese Villa war nicht perfekt – sie hatte keinen Kamin!

„Gefällt es Dir nicht, Mami?“, fragte die kleine Thassi und brachte die Sache damit auf den Punkt.

„Legat Jitro Messalinas hat sich so Mühe gegeben, wir dachten, es gefällt Dir“, seufzte Una enttäuscht, als Luisa nicht antwortete.

Telia Atanavi, seltsam undeutlich im Hintergrund, wartete nur ab, was nun geschehen würde.

Luisa war tief enttäuscht. Sie hatte einen Augenblick tatsächlich gedacht, dass sie endlich wieder zuhause wäre, dass alles wieder so wäre wie früher, dass alles wieder gut wäre. Aber nun stand sie offenbar nur im Park einer Kurklinik vor einem Nachbau ihres früheren Zuhause.

Una, Thassi und Telia blickten sie weiterhin ganz gespannt an und erwarteten von Luisa nun definitiv eine etwas ausführlichere Antwort.

„Es ist doch nicht ganz das Wahre“, sagte Luisa.

Das war alles.

Alle waren ratlos.

Alle schwiegen.

„Nun ja, dann eben nicht“, musterte sie Una mit dämonischem Unterton und ihre Augen begannen dabei unheimlich rot zu leuchten.

„Dann eben nicht“, sagten auch Thassi und Telia.

Und alle drei verwandelten sich vor Luisas Augen in hässliche Aquarellteufelchen, die nur bedenklich die schlecht gezeichneten Köpfchen schüttelten und aus dem Bild spazierten. Und alles andere drum herum wurde auf einmal schwarz und zerfloss im Glitsch des Nichts.

Da erwachte Luisa mitten in ihren Häusermalereien, drumherum ihr Krankenzimmer. Nächtliche Stille. Draußen, vor dem Panoramafenster, ein fremder Planet und dahinter ein eisiger, ferner Sternenhimmel.

Über Martin Dühning 956 Artikel
Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau, arbeitet am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.