Oma Juna will es wissen! (Teil 1)

Aus dem Leben einer Botschafterin, Teil 17

Unsere Geschichte beginnt nicht im krisengeschüttelten Ninda, und auch in keiner der bekannten großen nitramischen Städte, sondern in den Uferhügeln, zwischen orange und gelb blühenden Meermohnfeldern, irgendwo draußen, unter einem meerblauen Himmel, auf dem, zwischen Regenwolkenbergen, zierliche Mjöschwalben schneeweiß ihre Kreise zogen, worunter zwischen Klippen und Uferkiefern ein kleines, zerfallendes Häuschen stand. Dieses Häuschen gehörte der alten Juna.

Ja, Juna war alt, selbst für andraskanische Verhältnisse – denn sie war sicher schon weit über 480, ein Alter, in dem auch Andraskaner eigentlich längst die Welt zu verlassen hatten – aber die alte Juna dachte gar nicht daran, und das war schon etwas frech! Drunten, im kleinen Küstendorf wusste keiner so genau, wie alt sie war, nur, dass sie auch schon alt gewesen war, als sie vor fast 100 Jahren hergezogen war. Und davor war sie auch schon alt gewesen, in ihrer alten Heimat.

Nun scherte sich Juna eigentlich nicht so darum, was sich bei anderen Leuten so gehört, weshalb es ihr eigentlich auch ziemlich egal war, dass sie eigentlich schon ziemlich unerhört alt war, aber auch, dass sie schon bei ihrem Umzug vor 100 Jahren hätte irgendeiner Behörde ihre neue Adresse mitteilen müssen. Und weil ihr das egal gewesen war, hatte man sie anderorts schon vor fast einem Jahrhundert für tot erklärt, weshalb man sich offiziellerseits auch gar nicht mehr darüber wunderte, dass sie noch am Leben war.

Da Juna trotz ihres hohen Alters immer noch stur ihrem Handwerk nachging, sie war Hutmacherin, und weil sie dem Dorfvogt brav ihre Abgaben entrichtete, kümmerte man sich unten im Dorf auch nicht groß um sie. Viel Umsatz hatte sie mit ihren bunten Kräuterblumenhüten auch nicht, denn hier, nahe beim Meer, trug man selten hübsche Hüte. Dann und wann, für eine Hochzeit oder ein Frühlingsfest machte sie aber doch genug Gewinn, um gerade so über die Runden zu kommen. Daneben zog sie sich noch ein paar Bienenvölker, deren Würzhonig sie aber meistenteils selbst verspeiste, neben allerlei Wiesenkräutern und der frischen Seeluft und dem klaren Wasser aus der kleinen Quelle neben ihrem Haus. Vielleicht war das einer der Gründe, warum sie sich noch so wohl fühlte.

So lebte die alte Juna eigentlich ganz gemütlich allein und ohne weiter groß auf die große weite Welt zu achten in ihrer kleinen Hutmacherkate und hätte sich auch nicht um das Leben „da draußen“ geschert, nicht mal um Weihnachten, wenn nicht ein eiliger Kunde, der in letzter Minute eine Weihnachtsmütze bestellte, bei ihr eine Zeitung im Geschäft vergessen hätte. Und da las sie es auf der Titelseite: Kaiser Nuriel war gestorben, und Jitro Messalinas sollte der neue Kaiser werden!

So uninteressiert die alte Juna auch sonst an Politik war, so sehr interessierte sie sich doch für diesen neuen Kaiser – „Jitro“, was für ein Zufall, so hatte vor langer Zeit auch ihr einziger Enkel geheißen, und seltsamerweise war Jitro Messalinas auch so alt wie ihr Enkel nun wäre. Stutzig wurde sie, als sie weiterlas, dass dieser Jitro hier aus einer alten Heilerfamilie stammte und als Waisenkind in Deanera aufgewachsen war. Deanera, das war einst auch ihre Heimat gewesen, bevor sie dort vor 172 Jahren im Streit mit ihrer Familie weggezogen war. Ihr einziger Sohn hatte dort in eine angesehene Heilerfamilie eingeheiratet, war dann wie seine Frau aber einer Seuche erlegen, und bisher hatte sie immer geglaubt, mit ihnen auch ihr einziges Enkelkind, die kleine „Morgendämmerung“. Da war sie sich nun aber nicht mehr so sicher, zumal als sie hörte, dass der angehende Kaiser mütterlicherseits ein Nachfahre des legendären Vizekönigs Danil Dinopetra sei. Das waren zu viele Übereinstimmungen, um bloßer Zufall zu sein! Adoptiert worden war der kleine Jitro, so las sie weiter, von einem liberalen kaiserlichen Handelsmagistraten namens Messalinas, dem er auch seinen neuen Nachnamen verdankte. Sein voriger Nachname war nicht angegeben.

Ja, das war nicht schön gewesen, damals vor 175 Jahren. Ihre Schwiegertochter und sie hatten sich gar nicht gut verstanden. Sie habe sich als Vatermutter nicht in die Erziehung von Klein-Jitro einzumischen, hatte die konservativ-matriarchalische Schwiegertochter sie immer wissen lassen, wenn sie ihre Familie besuchen wollte. Und zugegeben hatte sich die alte Juna auch sehr gerne mit ihr gestritten und den Konflikt unnötig angefeuert. Bis es dann zu spät war, und ihr Sohn ihr Hausverbot erteilte. Als Vatermutter hatte sie in der tyrillianischen Tradition tatsächlich nicht viel zu sagen, doch sie war eingeborene Andraskanerin und außerdem lebten sie damals alle im aufgeklärten vierten Jahrhundert! Doch von Aufklärung hielt man in Jitros Mutterhaus nicht viel, und als die gesamte Familie dann einer Seuche anheimfiel, hatte Juna getrauert, aber doch hauptsächlich um ihren geliebten Sohn. Von einem überlebenden Enkel war nie die Rede gewesen. Allerdings hatte sie auch nicht groß nachgefragt.

Lange betrachtete die alte Juna das Foto von Jitro Messalinas und entschloss sich dann doch, der Sache jetzt nachzugehen. Freilich hatte die uralte Frau nicht mehr viele Möglichkeiten, an den künftigen Kaiser heranzukommen, denn sie war, ihr Alter ließ sich eben doch nicht ganz leugnen, nicht mehr gut zu Fuß und die Hauptstadt Julverne lag weit weg und auf einem anderen Planeten. Umso erfreuter war sie, als sie weiterlas und feststellte, dass die Krönung in Dinopolis auf Andrasko stattfinden sollte, und das lag immerhin auf dem gleichen Planeten, auf dem selben Kontinent, „nur“ 1500 km entfernt! So entschloss sich die alte Andraskanerin an diesem Vorweihnachtsmorgen recht spontan zu einer Abenteuerreise zur kaiserlichen Krönung. Sie hatte keinen Plan, wie das klappen sollte, keine Ahnung, wie sie dorthin kommen wollte und natürlich eigentlich auch gar keine Chance, überhaupt zum Kaiser vorgelassen werden. Bloß, stur wie sie war, setzte sie es sich einfach in ihren alten Dickschädel, und bloße Sturheit kann einen in der Welt ja schon mal recht weit bringen!

Juna packte eiligst ihren Koffer, füllte ihn mit drei Honigtöpfchen, einem selbstgebackenen Hefezopf und vier ihrer besten Strohhüte. Dann zog sie sich ihre alten Stiefel und einen wetterfesten Mantel an, zog sich ihren Lieblingsblumenhut auf den Kopf, schloss ihre Wohnung notdürftig ab. Sie kramte aus ihrem Holzschuppen ihr altes Aerovelo hervor, mit dem sie vor gut 100 Jahren hier angekommen war, und wie durch ein Wunder brachte sie es nach nur vier Stunden halbwegs in Gang. So schnell, wie das mit ihren 486 Jahren und dem völlig veralteten und verrosteten Gefährt möglich war, den sperrigen Koffer auf dem Gepäckträger, knatterte sie damit ins nahegelegene Dorf und wackelte von dort immerhin bis zur 15 km weiter entfernt gelegenen Fischerstadt Breskia, wo sie allerdings von einem Polizisten angehalten wurde, weniger wegen ihres irren Anblicks, als deswegen, weil ihr mit der ganzen Situation völlig überfordertes Uraltmofa überhitzte und bereits Feuer fing.

„Steigen Sie bitte ab, Sie brennen!“, wies der Civinatsbeamte kühl die skurile alte Dame an, half ihr dann, den geflochtenen Koffer in Sicherheit zu bringen und ihr altes Gefährt zu löschen. „Dürfte ich bitte Ihre Papiere sehen?“, musterte der junge Andraskaner in dunkelblauer Uniform die uralte, verschrumpelte Dame mit dem ausladenden Blumenhut kritisch. Papiere hatte die alte Juna natürlich keine dabei, alle zuhause vergessen, und auch sonst nichts, womit sie sich ausweisen konnte, außer ihrer Sozialversicherungsnummer aus dem vorletzten Jahrhundert. Der Subvisor gab die Nummer geduldig in sein Datenpad ein, dreimal wies das Gerät die Nummer als völlig veraltet zurück, dann erfuhren die beiden vom Datenpad verblüffender Weise, dass die alte Juna schon seit mindestens 100 Jahren tot war. Juna reagierte entrüstet, sie fühlte sich noch sehr lebendig! Doch der Polizist hielt das alles für einen schlechten Scherz: Es war schon recht spät, Heiligabend stand vor der Tür und er wollte endlich Feierabend, nachhause zu seiner Familie. Also nahm er dem verwirrten Großmütterchen das kaputte Mofa ab, stellte ihr auf dem Datenpad eine Rückfahrkarte in ihr Heimatdörfchen aus – glücklicherweise fuhr auch noch ein letzter Aerobus dorthin, und schickte sie dann gestrenge heim.

Die alte Juna jedoch dachte gar nicht daran, jetzt wieder heimzufahren. Sie weinte eine Weile still ihrem geliebten alten Mofa nach, jammerte laut zu sich selbst, sie wolle doch nach Dinopolis, fasste dann aber neuen Mut und schleppte sich und ihren sperrigen Koffer in die Bahnstation hinein. Breskia war eine unbedeutende Station des Nordwester-Zuges. Tatsächlich wartete sie dort nicht lange, sondern stieg einfach in den nächstbesten Wagen, Richtung Eostre Andraskanis, obwohl das eigentlich die ganz falsche Endstation war, aber die alte Juna wollte einfach das Gefühl haben, weiter voran zu kommen, möglichst weit weg von hier und diesen bösen Leuten. Es war Heiligabend und die Bahn war nur spärlich besetzt, sodass Juna im Waggon ganz allein war.

Der Bummelzug war nicht lange unterwegs, da stellte der zugehörige Fahrkartenkontrolleur fest, dass die alte Andraskanerin offensichtlich keine gültige Fahrkarte besaß und zudem im ganz falschen Zug saß. Juna, im Geiste nun schon ganz Oma, klagte ihm ihr Leid, jammerte, sie wolle doch ihren einzigen Enkel besuchen, der für die Krönung nach Andrasko kommen würde und dass es vielleicht ihre letzte Chance wäre, ihn in ihrem Leben nochmal zu sehen! Nun hatte der Kontrolleur selbst eine Großmutter, was in Andrasko eher selten der Fall ist aufgrund der großen Abstände zwischen den Generationen, und es war ja auch bald Weihnachten und er hatte Mitleid mit der alten und baufälligen Frau, also stellte er ihr auf eigene Kosten eine Fahrkarte zweiter Klasse für den Smaragdexpress nach Dinopolis aus, warnte sie aber, dass die Fahrt damit mindestens drei Tage dauern würde und dass die Krönung dann sicher schon vorbei wäre, fragte, ob sie nicht einfach mit ihrem Enkel telefonieren wolle, aber Oma Juna klagte, sie wisse die Telefonnummer nicht. „Arme alte Frau“, dachte der Fahrkartenkontrolleur besorgt und nahm sich vor, diese Weihnachten auch seine eigene Oma mal wieder zu besuchen.

Bei der nächsten größeren Station, Telnor, begleitete er „Oma Juna“ persönlich mit dem Lokführer zum Expressbahnsteig und sorgte dafür, dass die alte Person und ihr schwerer Koffer gut im Expressliner untergebracht würde. Als sie so im Zug saß, in einem bequemen Abteil, es war nun schon nach 17 Uhr und es dämmerte, fasste Oma Juna neue Hoffnung: Sie war auf dem richtigen Weg, der Zug fuhr zielsicher Richtung Dinopolis, und das war mehr als sie noch vor ein paar Stunden zu hoffen gewagt hatte!

Hungrig, wie sie war, verspeiste sie am Abend ihren mitgebrachten Hefezopf, eingetunkt in Honig, dabei verkrümmelte sie das halbe Abteil, aber das war ihr egal. Das war ihr Weihnachtsfest: Draußen stürmte ein Regensturm, drinnen saß sie bequem und war frohgemut, auf dem richtigen Weg zu sein, und das blieb so, bis der Zug plötzlich nach Mitternacht irgendwo mitten auf offener Strecke hielt.

Der Regensturm hatte sich inzwischen zu einem Taifun weiterentwickelt, Regenfluten peitschten über die Küstenfelder, Hänge und Klippen, die Gleise drohten unterspült zu werden und die Bahnlinie an der Küste musste gesperrt werden. Oma Juna war entsetzt, als der Bahnschaffner ihr gegen zwei Uhr nachts die traurige Mitteilung überbrachte: Der Sturm sei zu schwer, der Zug müsse umkehren!

Juna war entsetzt und all ihre Hoffnung schwand mit einem Schlag – so würde sie nicht nur viel zu spät, nein wahrscheinlich würde sie so gar nicht zu ihrem Enkel Jitro nach Dinopolis kommen!

Fortsetzung folgt…

 

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Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau, arbeitet am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.