Machen wir uns nichts vor: Das thematische und visuelle Spektrum des Anime-Genres, zumindest das, was davon im Westen ankommt, ist beschränkt. Umso wichtiger ist es, mit dem vorhandenen Material zu spielen – und das gelingt dem Anime „Cosmic Princess Kaguya“ außerordentlich gut.
„Cosmic Princess Kaguya!“ ist ein Anime-Film aus dem Jahr 2026, der von Studio Colorido, Studio Chromato und Twin Engine produziert wurde. Regie führte Shingo Yamashita, das Drehbuch schrieben Yamashita und Saeri Natsuo. Der Film feierte am 22. Januar 2026 auf Netflix Premiere. (Netflix handhabt Bildrechte zu seinen Filmen sehr restriktiv, weshalb es in diesem Artikel keine Grafiken dazu gibt, bis es mal eine Blue-ray-Edition davon gibt).
Zugegeben war ich vorab etwas skeptisch, als ich in der Netflix-Mediathek den Titel las – denn Ghiblis Fassung der Legende von Mond-Prinzessin Kaguya (Taketori Monogatari, auch „Die Legende vom Bambus-Sammler“) löste in mir leichte Depressionen aus, als ich den Titel damals anschaute. Die Legend handelt von einer Mond-Prinzessin, geboren in einem Bambus-Stamm, die im Zeitraffer aufwächst und dann stereotypen gesellschaftlichen Konventionen unterworfen wird bis zu ihrem „Tod“ – ohne Ausweg, was sehr bedrückend ist, weshalb ich diese Geschichte seither mied, obwohl auch dies ein Ghibli-Meisterwerk war. Außerdem spoilert ein solcher Titel außerordentlich den Inhalt, denn jeder, der mit japanischer Kultur betraut ist, kennt die traurige Legende von der unglücklichen Mondprinzessin.
Dennoch wagte ich es, das mit 2 Stunden und 22 Minuten außerordentlich opulente Zeichentrick-Opus „Cosmic Princess Kaguya!“ (2026) anzusehen und wurde überaus positiv überrascht:
Ja, die Story orientiert sich sehr stark an der japanischen Legende von Prinzessin Kaguya, durchbricht die Zuschauererwartungen allerdings regelmäßig, indem es diese munter mit Stereotypen eines klassischen japanischen Schul-Animes, Slapstick-Einlagen aus dem Magical Girls und Idols Genre und einer Brise Isekai durchbricht und alles gehörig durcheinander wirbelt, indem es dann auch noch ein Bootstrap-Paradox einbaut, was einen regelrecht zwingt, den Film dann noch ein zweites Mal anzusehen, um einige bis dahin unverständliche Bezüge in den Dialogen zu verstehen. Storytechnisch hinterfragt der Film bekannte Konventionen, wird dadurch trotz zweieinhalbstündigem Umfang nie langweilig – die Länge kommt durch einen dreifachen Schluss zustande – einen erwartbaren, der sich an der Legende orientiert, einen alternativen, der diesen in Richtung eines konventionellen Animes durchbricht und einen dritten, der alle anderen in Frage stellt (und eigentlich gibt es sogar noch einen vierten, wenn man bis nach dem Schlussabspann wartet). Wenngleich sich die philosophische Tiefe verglichen mit Werken von Hayao Miyazaki oder Makoto Shinkai eher in Grenzen hält, ist die turbulente Geschichte überaus unterhaltsam.
Nicht nur storytechnisch, sondern auch visuell spielt der Anime geradezu brilliant mit Konventionen – je nachdem, auf welcher Ebene man sich gerade befindet. Zunächst ist der Figurenstil sehr einfach gehalten, besonders bei den Slapstickeinlagen. Bei dem – für Schul-Animes unverzichtbaren – Feuerwerk am Ende der Sommerferien wird aber klar, dass dies eindeutig ein Understatement war, denn zeichentechnisch steigert sich der Film in seinem Verlauf.
Musikalisch wechselt auch hier die Untermalung passend zu den jeweiligen Genres. Das Niveau eines Joe Hisaishi (Ghibli) erreicht der Soundtrack zwar auch dann nicht, wenn eindeutig augenzwinkernd auf Ghibli angespielt wird, aber dennoch changiert die Musik deutlich über dem Durchschnitt und der Soundtrack weist auch einige Ohrwürmer auf, beispielsweise „Starry Sea“ von Aqu3ra.
Animator und Regisseur Shingo Yamashita war schon vor diesem Film kein Unbekannter – zeichnete er sich doch auch schon für „Chainsaw Man“ und „Ranking of Kings“ verantwortlich – aber mit „Cosmic Princess Kaguya“ steigt er eindeutig noch einmal qualitativ in eine ganz andere Liga auf.
Auch die deutsche Synchronisation, durchgeführt von der VSI Synchron GmbH Berlin, weiß zu überzeugen. Diese Firma hat in der Vergangenheit schon viele Netflix-Produktionen mit hochqualitativen echten deutschen Sprecherstimmen besetzt. (Es bleibt zu hoffen, dass dies so bleibt.)









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