Summerwars – ein Gleichnis über die Macht sozialer Netze

Der Kino-Anime „Summerwars“ von 2010, inzwischen jährt sich sein Erscheinen auf DVD, kommt auf den ersten Blick modisch daher mit dem Thema „Social Networks“ in seinen Spielarten. Doch ist er mehr als eine weitere Adaption zum Thema Virtualität, tatsächlich zeigt er eine andere Art sozialer Netze – die im wahren Leben.

Titelplakat zu "Summerwars"
Offizielles Titelplakat zu „Summerwars“

Wie viele Vertreter seiner Art spielt auch „Summerwars“ (Samā Wōzu) im Milieu japanischer Schüler.Kenji, leicht nerdiger Oberstufenschüler mit Spezialfähigkeit „Mathematik“, hatte sich mit seinem einzigen Freund ursprünglich für ein Wartungsprojekt bei „OZ“, dem neuen Social Network der Zukunft gemeldet. Doch er wirft seine Ferienjobpläne spontan über den Haufen, als er von der Schulschönheit Natsuki gefragt wird, ob er einen persönlichen Ferienjob bei ihr zuhause annehmen will. Schon auf der Hinfahrt wird ihm aber klar, dass Natsukis Familie etwas speziell ist, denn er lernt eine ganze Menge Persönlichkeiten aus der Großfamilie der Jinnouchi kennen, bevor er schließlich auf die Grande Dame, Natsukis Uroma, trifft, die zu ihrem anstehenden 90zigsten Geburtstag eingeladen hat. Erst beim Zusammentreffen mit der Hausherrin wird Kenji klar, dass seine eigentliche Aufgabe darin besteht, sich als Natsukis Verlobter auszugeben, was allerlei Turbulenzen zur Folge hat.

Doch nicht genug damit, zeitgleich breitet sich im Netzwerk OZ ein Supervirus namens „Lovemaker“ aus, dass zunächst nur im Cyberspace sein Unwesen treibt, mehr und mehr aber auch die Lebenswelt von Kenji und Natsuki in Mitleidenschaft zieht, bis es zu einer globalen Lebensbedrohung anwächst. Klar, dass Kenji, Natsuki und die Takedas die Welt retten müssen, ganz genreüblich. Wie sie das tun, nämlich weniger durch geniale heldenhafte Geniestreiche, sondern eher über ihre Familiarität, ist aber die besondere Botschaft, die der Kinostreifen mitgeben kann: „Soziale Netzwerke“, das sind keine noch so technisch ausgefeilten Computerprogramme, sondern in ihrem Kern die Beziehungen zwischen Menschen: Freundschaft, Familie und Liebe. Und mögen diese Beziehungen auch noch so hoffnungslos und skurril erscheinen, wie sie im wahren Leben oft sind, so sehr sind sie doch letztlich das, was das reale Leben wahr macht – und das selbst über den Tod hinaus.

Teilweise ist die Botschaft für einen Familienzeichentrickfilm schon happig. Das Happy End ist nicht vollständig, es gibt Unglück und es gibt auch Tod. Aber das gehört zum wahren Leben dazu und unterscheidet es von virtuellen Fantasywelten: Hoffnung entsteht durch reales Handeln, nicht durch realitätsfremde Visionen. Der Film wird selten religiös, in japanischer Tradition sieht er das Gute in der Tat der Menschen. Indem dem Computerbösewicht „Lovemaker“ virtuell buddhistische Konnotationen auferlegt werden, vermittelt der Film Medien- wie Religionskritik. Durch Ironisierung bis zum Schluss bleibt auch die letztlich etwas flache „Civil-Religion“-Botschaft: „Familie ist der wahre Wert im Leben“ verdaubar, anders als in typischen Hollywood-Produktionen.

Der Regisseur Mamoru Hosoda ist für Animefans kein Unbekannter. Seine Neuadaption des Klassikers „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“ hinterließ einen bleibenden Eindruck und erhielt seit Erscheinen mehr als zwei Dutzend Auszeichnungen.

Das Niveau der Vorgängerproduktion erreicht Hosoda mit „Summerwars“ leider nicht. Gewohnt kunstvoll sind Landschaften und Hintergründe gezeichnet, die Filmmusik diesmal aber eher durchschnittlich. Wie in neuerer Zeit üblich, neigt auch dieser Anime teilweise zu drastischen Slapstickeinlagen, die oft über ihr Ziel hinausschießen. Oft verhindert das ein Moralisieren der doch eher ethischen Grundbotschaft, manchmal konterkariert es diese aber auch, vor allem gegen Ende. Die Liebesbeziehung zwischen Kenji und Natsuki ist so leider nicht mehr wirklich ernst zu nehmen, will es vielleicht aber auch nicht sein. Einige der Protagonisten sind schablonenhaft überzeichnet, vielleicht auch mit Absicht, charakterlich gefällt die Klischeebetonung aber nicht immer.

Freilich ist das Niveau von „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“ aber sicher auch ein Meisterwerk, was die Latte allgemein sehr hoch ansetzt. Es reichte für „Summerwars“  seit 2010, als der Film auf der Berlinale gezeigt wurde, immerhin für einige Auszeichnungen und lobende Erwähnungen und zu den besseren Animeproduktionen zählt der Zeichentrickfilm auf jeden Fall. Aufgrund seiner bleibend aktuellen Botschaft taugt er vielleicht sogar für den Schulunterricht, kann man mit ihm doch auch das Thema „Soziale Beziehungen versa Social Networks“ gut aufarbeiten. Auf der passenden Webseite www.summerwars.de findet man neben weiteren Infos zum Film und dem offiziellen Presseheft auch ein paar Materialien für den Schulunterricht.

Mir hat der Film auch aufgrund einiger persönlicher Überschneidungen gut gefallen und er gehört zu den Filmen, die ich mir mehrmals angeschaut habe, weil der Film recht vielseitig konzipiert ist. Stellenweise hat er mich auch wirklich berührt, wenngleich auch nicht so sehr wie „Toki o kakeru shōjo„.