Das Photoshop-Syndrom

Kommentar zu den Schattenseiten des Computers

Das Innenleben der geheimen Extrafarbausgabe der Jubiläumsphoenix Nr. 50 (2008)

Einsam am PC durchgebrachte Nächte, abstürzende Textverarbeitungen und Layoutprogramme, die große Lust, den Rechner aus dem Fenster zu kicken oder doch zumindest die ganze Sache mit der Schülerzeitung einfach hinzuschmeißen. Exzentrische Grafiker, die nicht mal schnell eine Minizeichnung oder Grafik basteln können, weil es in Photoshop dazu einfach kein passendes Zauberknöpflein gibt. Endlose und absolut unnötige Diskussionen darüber, wie man denn nur ein Cover gestalten können täte, wenn man dazu die Zeit haben würde oder auch nur dazu fähig wäre – und überhaupt…

Ich weiß nicht, wie viele einst geplante Ausgaben der Schülerzeitung Phoenix nach 2000 schon am Computer und seinen Folgewirkungen gescheitert sind! Sozial gesehen ist der Computer für die Schülerzeitung eine Katastrophe: Er trennt die schreibenden Schülerredakteure von ihrer eigenen Zeitung, nimmt dem Chefredakteur – wenn der nicht selbst das Layout macht – die Macht und gibt sie in die Hände des meist einzigen Computerfreaks in der Redaktion. Dieser ist dann zum Scheitern verurteilt. Immer. Denn wenn er kein Genie ist, und wer ist das schon, wird er den Erwartungen der anderen Redakteure nicht gerecht werden: Selbstverständlich hätten die es nämlich später sowieso besser gekonnt! Oder Artikel XY kam gegenüber YZ zu kurz oder fehlt, was bestimmt ganz anders abgesprochen war, wenn überhaupt.

Bei seiner Arbeit im stillen Kämmerlein wird der Layouter bestimmt mindestens ein Viertel der Artikel nicht finden oder nicht in der richtigen Fassung vorliegen haben. Und auch bei den Anzeigen steht er
meist vor lauter Rätseln, für die es keine Lösung gibt. Der Layouter wird nach langem Grübeln – denn diverse Schülerredakteure sind ja außerhalb der Sitzungen grundsätzlich nicht zu erreichen – lauter einsame Entscheidungen treffen müssen.

Und in jedem Fall wird er viel, viel länger brauchen als von der Redaktion und auch ihm selbst vermutet. Denn die digitale Produktion dauert etwa 10mal so lange wie die althergebrachte Arbeit mit Schere,
Klebstift und einem Team von 10 Mann/Frau. Sie macht auch mindestens zehnmal so wenig Spaß, weshalb es ohnehin eigentlich niemand machen will, der davon schon Ahnung hat oder der bei Verstand ist.

Kein Wunder, dass das auch bei der Phoenix immer wieder zu Schwierigkeiten führte. Die Nr. 45 beispielsweise konnte damals ein ganzes Jahr lang nicht Erscheinen, weil sämtliche modernen Layoutprogramme an ihr zum Absturz kamen. Darüber wäre die Phoenix fast untergegangen, wenn nicht doch noch jemand unerwartet ganz von vorne mit der Arbeit begonnen hätte. Natürlich – da waren alle Artikel schon uralt. Die Nr. 46 kam nur durch die bewunderswerte und unerreichte Ausdauer und Akribie von Dominik alias „Dozilla“ zustande, was ihm wahrscheinlich bis heute nie gedankt wurde, genauso so wenig wie seinem Nachfolger bei Nr. 47, Daniel alias „Stritti“, dessen Layout redaktionsintern geradezu verrissen wurde. Über die Nr. 48 kam es dann zu einem handfesten Clinch, der zu einer Reihe von Austritten führte, wieder trug das Layout daran Mitschuld bzw. die Sommerferien, die dummerweise einfach zwei Wochen zu früh kamen.

Der Feldversuch, Streit zu umgehen, indem Chefredaktion und Layout in eine Hand gelegt wurden, endete auch nicht gut – das ist einfach zuviel für einen Schüler, der noch ein Privatleben haben will. So kommt es, dass die extragroße Jubiläums-Phoenix Nr. 50 nun gar vom AG-Betreuer gestaltet wurde, was aber sicher auch nicht das Wahre ist. Der ist nämlich nur ein Lehrer und kein Schüler, auch, wenn er irgendwann mal einer war. Immerhin erinnert sich der aber noch, dass es auch mal anders ging. Damals, als es noch keine Computer gab, nur Schreibmaschine, Schere und Klebstifte, und Pizzasessions und viel Spaß im Team.

Ach, früher war doch alles besser! … *seufz*

Martin Dühning

Zuerst veröffentlicht in der Schülerzeitung Phoenix Nr. 50 (2008), S. 65

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