Dream Brother

Black and White - closeup Ivory (Bryan Geraldo via Pexels)
Black and White - closeup Ivory (Bryan Geraldo via Pexels)

Dienstag, der 28. April 2020 – endlich regnet es wieder. Endlich. Und zu Regen passt Jazz und Piano, beispielsweise Brad Mehldau.

Brad Mehldau hat schon lange einen Platz in meiner Musikbibliothek, meist aber im Ensemble, nicht solo – obwohl er auch als Solo-Pianist einiges zu bieten hat. Ich stieß darauf über einen Umweg bei ARTE, wo das Jazz Trio JAZZRED im Rahmen der „Springtime Jazz“ Hauskonzerte ihre Version von „Blackbird“ vorspielte. Das weckte mein Interesse. Der bekannte Song von Paul McCartney wurde auch schon früher vielfach gecovert, beispielsweise von Brad Mehldau – und findet sich auf dessen mondäner CD-Sammlung „10 Years Solo Live“ aus dem Jahr 2015, die aus acht LPs, oder vier CDs besteht und 32 Songs aus 10 Jahren Live-Konzerten umfasst. Billig ist diese Sammlung nicht – und ob ihrer düsteren Klangfarben und jazzigen Kadenzen auch nicht unbedingt eine leichte Kost. Aber sie ist durchweg sehr hörenswert.

„Blackbird“ ist der zweite Song in dieser Sammlung, noch eindrücklicher fand ich die Nr. 1 – „Dream Brother“, ein Song, den ursprünglich Jeff Buckley verfasste. Brad Mehldau interpretierte ihn mehrmals auf Live-Konzerten. Sein Vortrag auf dem Vienna Jazz Festival (2010) unterscheidet sich dabei deutlich von der Einspielung vom November 2013, die er für das Album übernahm. Während die Variante von 2010 teils hektisch wirkte, als hätte man den Song durch einen Arpeggiator gejagt, kommt die Variante auf dem Live-Album wesentlich dezenter, gleichwohl mit eindringlicher Depressivität daher, doch auch mit leichteren, helleren Momenten. Die Songs der Sammlung „10 Years Live Solo“ wurden von Brad Mehldau bewusst neu geordnet, insofern ist es wohl kein Zufall, dass das Album mit diesem „Dream Brother“ einsteigt, quasi als Overtüre – und „Blackbird“, wesentlich heller gestimmt, die Fortsetzung bildet. Es ist ein Auf und Ab über die vier CDs, eine klangliche Expedition in übernommene, angeeignete und eigene Klangebenen, die schließlich mit einer fast 17minütigen Adaption von „God Only Knows“ abschließt.

Hoffen wir, dass es noch ein paar weitere Regentage gibt, denn für solche Tage ist diese Art der Musik genau das richtige. Die Seele kann sich so erholen – und die Natur im Klettgau kann den Regen auch brauchen.

Über Martin Dühning 1162 Artikel
Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau, arbeitet am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.