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Ein Vögelchen im Winter (Foto: Erik Karits via Pexels)
Ein Vögelchen im Winter (Foto: Erik Karits via Pexels)

Dass 2020 für die Kunst, auch für die Musik, kein verlorenes Jahr gewesen ist, beweist unter anderem das neue Album „Be All Merry“  von The Choral Scholars of University College Dublin.

Zugegeben, Chormusik hatte es 2020 generell nicht einfach in Zeiten von COVID-19-Eingrenzungsmaßnahmen. Glücklicherweise befand sich da das Album „Be All Merry“ bereits in der Post-Produktionsphase und zumindest ein Song des Albums – „We Toast the Days“ – spielt auch darauf an. Das Album zeugt von der Kraft und Stärke, die der Musik und besonders der Stimme als menschlicher Ausdrucksform auch im Jahr 2020 innewohnte.

Cover des Albums "Be All Merry" (2020) von The Choral Scholars of University College Dublin.
Cover des Albums „Be All Merry“ (2020) von The Choral Scholars of University College Dublin.

Allerdings verlangt das Album dem Zuhörer einiges ab – es ist eben nicht ein weiteres Weihnachtsalbum, das man leichthin nebenher hören könnte. Stattdessen erfordern die meisten Stücke Konzentration vom Zuhörer, da sie durchaus recht komplexe und oft dissonante Kadenzen aufweisen. Stile wechseln, die Lautstärke schwankt stark, mal brausen die Klänge, mal ebbt die Tonfolge fast bis zur Stille ab. Das Album ist passagenweise doch eher ernste statt Unterhaltungsmusik. Doch nicht alle Tracks können gehobenen klassischen Ansprüchen genügen, einige bedienen auch den Publikumsgeschmack, wenn man auch nie bis zum Kitsch hinabsinkt, dankbarerweise.

Drei der Stücke wurden speziell für die Choral Scholars komponiert, darunter auch das titelgebende Stück „Be All Merry“ von Eoghan Desmond aus dem Jahr 2018. Es bietet die komplette konzertante Klangfülle auf, die der Produktion zur Verfügung stand: Chor, Kammerorchester und Solisten. Gleichwohl ist es meiner Ansicht nach nicht das beste Stück auf dem Album, wenn es auch handwerklich sehr gut gemacht ist, wie alle anderen Stücke übrigens auch: Die Violinistin Katherine Hunka spielt mit starkem Bogen, wie auch sonst das Irish Chamber Orchestra, der Chor singt kraftvoll und rein. Aber „Be All Merry“ klingt nicht wirklich weihnachtlich, hat auch nicht wirklich eingängige Melodien oder Akkorde, ist eher konzertantes Kunststück. Weihnachtsstimmung kommt viel eher beim ersten Song des Albums auf, „In Dulci Jubilo“, das von Matthew Culloton neu gesetzt wurde, oder auch beim dritten Stück „God Rest Ye Merry, Gentlemen“.

Aber die musikalischen Höhepunkte finden sich in der Mitte des Albums: „Curroo Curroo“, auch „Carol of the Birds“ genannt, ist eine Komposition von Elaine Agnew aus dem Jahre 2008, sie verzaubert mit Harfe, dezentem Einsatz von Chor und Orchester, „The Adoration of the Magi“, komponiert von Timothy Stephens nach einem Gedicht von W. B. Yeats bietet mit seinem gälischen Text und seinem komplex durchkomponierten Chor- und Orchestereinsatz das wohl anspruchsvollste Stück des Albums. Dafür überzeugen „Suntrái“ mit seinem geradezu himmlischen Sopransolo und Desmond Earleys Version von „The Wexford Carol“ mit spiritueller Tiefe, ebenso das sanft beginnende „O Magnum Mysterium“, à capella vom Chor gesungen, das gut zu einer Mitternachtsmesse im Kerzenschein passen würde.

Auch die restlichen Songs des Albums sind durchaus hörenswert, wenn auch „Have Yourself a Merry Little Christmas“ stilistisch vergleichsweise seicht wirkt – es kann seine Musicalherkunft nicht verleugnen, wenn der Bariton darin auch mit Timbre überzeugt. Trotzdem wirkt es auf dem Album melodisch eigenartig deplatziert.

Mit dem folgenden Stück „We toast the Days“ geht das Album dann zur Neujahrsthematik über. Obwohl im Jahre 2016 verfasst, wirkt die Melodieführung traditionell. Den Schluss des Albums bildet der allseits bekannte Neujahrssong „Auld Lang Syne“ – nicht umsonst bewirbt das herausgebende Label Signum Classics das Album „Be All Merry“ auch mit diesem Stück.

Wer für die Festtage noch etwas spirituelle Tiefe sucht, die er in diesem doch etwas anderen Jahr 2020 nicht finden konnte, wird mit dem Album „Be All Merry“ fündig. Gleichwohl ist es ein konzertantes Album, das dem Rezipienten stellenweise einiges an Dissonanzentoleranz abverlangt, eben doch meist Chormusik für das 21. Jahrhundert, von einigen Plattitüden abgesehen.

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Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau, arbeitet am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.