Aller guten Dinge sind drei …

Die Tardis des 14. Doctors (Grafik: Martin Dühning)
Die Tardis des 14. Doctors (Grafik: Martin Dühning)

Mit dem 9. Dezember 2023 sind nun alle drei Doctor WHO Jubiläums-Specials gelaufen und sie sehen sehr gut aus, ja sind fast sogar perfekt.

Für die drei Specials „The Star Beast“, „Wild Blue Yonder“ und „The Giggle“ hatte wieder David Tennant die Tardis übernommen, als im November 2022 der 13. Doktor, gespielt von Jodie Whittaker in den 14. Doktor regenerierte, welcher wundersamer Weise das Gesicht des 10. Doktors trug (der damals auch von David Tennant verkörpert worden war). Nach den mäßigen Jahren unter Showrunner Chris Chibnall eröffnete Russell T. Davies damit überaus überraschend in seine neue Ära. Die Fans allerdings mussten sich ein ganzes Jahr lang gedulden, bis dann Ende November 2023 die drei Specials zum 60. Jubiläum auf Sendung gingen. Das Warten allerdings hat sich gelohnt!

Neu mit dabei ist auch der Disney-Konzern, der alle neuen Folgen über sein Streaming-Portal Disney Plus außerhalb Großbritanniens weltweit publizieren darf und wohl auch Merchandising-Rechte erhält. Dadurch kommt man nun außerhalb des BBC-Kosmos schneller an neue Folgen, aber auch beim zur Verfügung stehenden Budget für die Folgen und die kommende Serie macht sich das deutlich bemerkbar. Womit wir dann auch gleich beim Inhalt wären – jedoch sei gewarnt: SPOILERS!

Nr. 1: „The Star Beast“

Für die Disney-Plus-Kunden gibt es vor der ersten Folge „The Star Beast“ noch einen Vorspann, gesprochen von David Tennant (14. Doktor) und Cathrin Tate (Donna Noble), in welcher für unkundige Neuzuschauer nochmals die tragische Vorgeschichte der beiden kurz zusammengefasst wird. Danach startet sofort die Handlung mit einer Tardis, die in einer britischen Straße landet und einem optimistisch durch die Straßennacht schreitenden Doktor, ganz im Stile der früheren Tennant-Jahre. Wie es sich natürlich nicht vermeiden lässt, stößt dieser sofort auf Donna Noble, die sich scheinbar in all den Jahren kaum verändert hat. Dabei ist den Drehbuchschreibern allerdings wohl ein Fehler unterlaufen, da in der Handlung mindestens 16 Jahre vergangen sind, in der realen Welt bis 2023 aber nur 13, sodass man sich als Zuschauer etwas wundert, warum Donna auf einmal eine 16jährige Tochter hat. Dass diese ein Trans-Mädchen ist, fällt dem Zuschauer eigentlich überhaupt nicht auf, weshalb in der Handlung mehrmals darauf hingewiesen werden muss. Man fragt sich als Zuschauer dann unwillkürlich, wieso bloß, allerdings spielt Nicht-Binarität später noch eine Rolle in der Handlung. (Ich persönlich finde ja, dass Nicht-Binarität und Trans-Sein nicht genau dasselbe sind, so wie das hier offenbar vorausgesetzt wird, aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel.)

Um der Handlung nicht zuviel vorweg zu nehmen, sei noch kurz erwähnt: Die folgende Dreiviertelstunde bietet eine überaus kurzweilige typische Doctor-Who-Handlung, mit Aliens, vielen alten und ein paar neuen Bekannten und einer Menge Easter-Eggs für Fans. Sehr augenfällig ist, dass die CGI-Effekte um ganze Klassen besser sind als die von Tennants ursprünglicher Ära, allein die holografischen Wände, welche des Doktors Schallschraubenzieher nun erzeugen kann, sind überaus beeindruckend. Auch das „Space-Kuscheltier“ Meep the Beep ist überaus überzeugend in Szene gesetzt. Das alles ist aber noch gar nichts gegen das wirklich gigantische neue Innere der Tardis, die, anders als man vielleicht aufgrund der Größe vermuten würde, nicht bloß ein CGI-Modell ist, sondern im Studio in Originalgröße aufgebaut wurde – mitsamt der neuen barrierefreien Rampen und der vielen neuen Beleuchtungseffekte. Die Hintergrundmusik zitiert sehr häufig und gut erkennbar Motive des 10., 11. und 12. Doktors und knüpft damit wieder an die Prä-Chibnall-Ära an, der den Komponisten damals gewechselt hatte. Nun ist Murray Gold aber wieder mit dabei!

Das erste Special endet, nach einigen Wendungen in der Handlung mit einem vorübergehenden Happy End, denn Donna und ihr Doktor haben sich wieder gefunden – ohne dass jemand sterben musste – dank sei der Nicht-Binarität – und selbige schafft dann das Problem auch aus der Welt, dass Donna eigentlich sterben müsste, wenn sie sich an den Doktor erinnert. Nun gut, ganz logisch schlüssig ist das alles nicht, aber immerhin sind wir hier bei Doctor Who – und dem wird es allemal gerecht. Insofern wundert man sich dann auch nicht, als ganz am Schluss die tolpatschige Donna dann doch scheinbar wieder alles ruiniert, indem sie Kaffee über die nagelneue Tardiskonsole kippt, sodass die Tardis in Flammen aufgeht und durchdreht. Das leitet dann zur zweiten Folge über.

Nr. 2: „Wild Blue Yonder“

Das zweite Special „Wild Blue Yonder“ erscheint storytechnisch gegenüber Special 1 geradezu reduziert, denn fast über die gesamte Spielfilmlänge wird es nur von David Tennant und Cathrin Tate getragen, die Doctor und Donna spielen, die es auf ein Raumschiff im Nirgendwo verschlägt – und die dort auf eigenartige Klonkopien von sich stoßen (ebenfalls gespielt von David Tennant und Cathrin Tate). Die Folge hätte so auch in der Moffat- oder Chibnall-Ära spielen können, ist also eher eine „gewöhnliche“ Doctor Who Folge, aber durch die schauspielerischen Leistungen von Tennant und Tate wirklich nicht schlecht gemacht. Ein Fan-Höhepunkt ist der Auftritt von Donnas Opa Wilfred Mott ganz am Schluss von Special 2, als es die beiden wieder auf die Erde geschafft haben. Hier sieht man Bernhard Cribbins bei seinem allerletzten Filmauftritt, denn der Schauspieler starb leider während der Dreharbeiten. Deshalb bleibt es auch bei dieser einen kurzen Szene, mit der das zweite Special schließt. Das Chaos, das von Opa Wilfred aber angesprochen wird, leitet bereits zum dritten und letzten Special über.

Nr. 3: „The Giggle“

Aller guten Dinge sind drei und für das dritte Jubiläumsspecial „The Giggle“ sollte dann auch der Wechsel zum neuen 15. Doktor Ncuti Gatwa anstehen, also mal wieder eine Regeneration, was dazu führte, dass ich mich nicht mehr ganz so darauf freute, weil ich David Tennant mag und überdies kein Freund von Abschieden bin und dieser drohte hier natürlich, wenn der 14. Doctor regeneriert.

Davor allerdings war die langerwartete Konfrontation mit dem großen Gegner des Doktors, dem Spielzeugmacher angekündigt. Dieser war im klassischen Doctor Who ein gottgleiches übermenschliches Wesen, dass Realitäten nach Belieben gestalten konnte, solange es sich an die von ihm selbst aufgestellten Regeln hielt. Damals, in den 1960er Jahren war der Spielzeugmacher als Mandarin aufgetreten, nun, im dritten Jubiläums-Special von 2023, „The Giggle“, soll es wohl so eine Art Deutschen darstellen, jedenfalls bemüht sich Schauspieler Neil Patrick Harris, der den Spielzeugmacher nun verkörpert, um einen schrecklich „deutschklingenden“ Akzent im englischen Original. (In der deutschen Übersetzung spricht er nur Kauderwelsch.)

Um die Apokalypse des Jahres 2023 zu verhindern müssen der Doktor und Donna, nach einem kurzen Wiedersehen mit Kate Stewart von UNIT und der Klassik-Begleiterin Mel, nach Soho in das Jahr 1925 zurückreisen, wo sie nach einigen überaus surrealen Szenen in einer Puppenwelt dann auch auf den Spielzeugmacher stoßen und ihn konfrontieren. Das Kartenspiel, das dann gespielt wird, verliert der Doctor, nachdem der Spielzeugmacher zuvor etwas damit angegeben hat, dass er selbst Gott in einen Springteufel verwandelt habe und den Master in seinen Goldzahn verbannt, nachdem beide ebenfalls gegen ihn verloren hätten. Allerdings rettet sich der 14. Doctor damit, dass er als erster Doctor damals ja ein Spiel gegen ihn gewonnen habe und dass somit erst die dritte Partie entscheide. Damit erklärt sich der Spielzeugmacher einverstanden, verschwindet dann allerdings ins Jahr 2023.

Auch der Doktor und Donna begeben sich dorthin zurück, wo die Menschheit mal wieder mit unterlegener Waffengewalt versucht, der außerirdischen Bedrohung Herr zu werden, was aber natürlich (mal wieder) nicht klappt, ebenso wenig wie die Versuche des Doktors, sein Gegenüber mit Vernunft zum Einlenken zu bringen. Tatsächlich erreicht der 14. Doktor damit nur, dass er daraufhin vom Spielzeugmacher tödlich verwundet wird, weil für das dritte Spiel ein neuer Doktor erforderlich sei, denn bislang sei jedes Spiel mit dem Spielzeugmacher durch einen anderen Doktor ausgetragen worden. Tödlich getroffen beginnt der 14. Doktor zu regenerieren…

An dieser Stelle hätte sich die Tradition, einen Doktor filmtechnisch sterben zu lassen um für einen neuen Platz zu machen ein weiteres Mal wiederholen können. Allerdings passiert das dann nicht – und das fand ich wirklich gut gemacht, denn Showrunner Russell T. Davies löste mit seiner neuen Variante eine ganze Reihe von Problemen:

  • Der 14. Doktor regeneriert nicht zum 15. Doktor, wie sonst zuvor fast immer, sondern er „bi-generiert“ – er verdoppelt sich zum 14. Doktor (der äußerlich bleibt, wer er ist) und zum 15. Doktor, gespielt von Ncuti Gatwa. Das verwirrt zunächst alle Zuschauenden, nicht nur nicht die Zuschauer vor den Monitoren, sondern auch die Protagonisten in der Szene und es ändert die leidige Tradition, dass ein neuer Doktor nur über die Leiche seines Vorgängers zu haben ist.
  • In der Handlung selbst können die beiden nun gleichzeitig existierenden Doctores den Spielzeugmacher besiegen (obwohl zwei gegen einen vielleicht nicht fair ist, aber der Spielzeugmacher hatte es ja selbst heraufbeschworen).
  • Filmtechnisch ist es so tatsächlich am Ende auch möglich, dass es für den 14. Doktor ein Happy End gibt, denn er darf – bis auf weiteres – zur Ruhe kommen und bei Donna Noble bleiben, während der 15. Doktor, befreit von all den Verlusten der Vergangenheit, in ganz eigene neue Abenteuer starten kann.

Dass man die Vergangenheit und die Zukunft des Doktors also splittet, ist ein – finde ich – recht findiger Kniff, denn genau der naive Optimismus des 13. Doktors (Whittaker) nach dem schwermütigen 12. Doktor (Capaldi) hatte die Chibnall-Ära für manche so seicht erscheinen lassen. Zudem, gerade im Verbund mit der neuen Disney-Ära, geben zwei Doktoren auch mehr Stoff für Erzählungen als nur einer und man erspart Ncuti-Gatwa, dass man ihm wie Whittaker vorwirft, er sei nur ein schlechter Ersatz für seinen Vorgänger. Denn ein Ersatz ist er eben nicht, er ist eine Variante. Und ich würde vermuten, da spielten auch lizenztechnische Überlegungen eine Rolle, da man nun einen Doktor mit BBC-Tradition und einen ganz neuen für Disney hat. Da sowohl Tennant wie auch Gatwa vielbeschäftigte Schauspieler sind, dürfte es Gastauftritte in zu erwartenden Sequels deutlich erleichtern. Und mit dem „pensionierten“ Doktor Tennant könnte man auch an die Kurator-Storyline aus dem Jubiläumsspecial zum 50. Jubiläum anschließen.

Wenn es zwei Doctores gibt, braucht man allerdings auch zwei Tardis – und dieses Problem löst der neue 15. Doktor recht unkonventionell mit einem Spielzeughammer und den Resten der Macht des Spielzeugmachers – denn die beiden Sieger hätten sich auch einen Preis verdient – und so wird die Tardis schupps verdoppelt in eine für den 14ten und eine für den 15ten Doktor – sodass beide durch Reisen durch Raum und Zeit gehen können. (Ich finde es arg bedauerlich, dass in Fankreisen, statt diese Idee einfach zu begrüßen, nunmehr darum gestritten wird, wer nun die echte Tardis habe, der 14. oder der 15. Doktor. Lessings Ringparabel hat es offenbar nicht ins 21. Jahrhundert der Whovians geschafft.)

Danach trennen sich im Special die Wege der beiden Doktor-Varianten. Der neue 15. Doktor macht sich mit seiner Tardis (mit Jukebox) auf den Weg zum Weihnachts-Special, wo er dann wieder auf dem Bildschirm zu erwarten ist. Der 14. Doktor aber bleibt zunächst bei Donna und ihrer Familie, wo es im Garten ein gemeinsames Essen gibt, bei dem auch Mel teilnehmen darf. So findet auch der 14. Doktor noch seinen Frieden und das nicht erst im Jenseits, an was er ja nicht glaubt, sondern in geradezu idyllischen Abschluss-Szene. Nur Opa Wilfred fehlt leider am Tisch. Man hört ihn im Hintergrund angeblich auf Maulwürfe schießen. Da habe ich mich dann allerdings gefragt, ob das zur Figur des Wilfred Mott passt, zumal er wohl keine weiteren Auftritte im Who-Universum mehr haben wird. Ja, siehe oben, mir ist bekannt, das Bernhard Cribbins während der Dreharbeiten starb. Aber ich frage mich, ob man ihm nicht besser hätte Referenz erweisen können als durch Maulwurf-Schüsse.

Das ist dann allerdings der einzige Wermutstropfen, den es zu beklagen gibt, denn ansonsten waren die drei Jubiläumsspecials besser als alles, was ich in den vergangenen Jahren zuvor zu sehen bekam. Der von Russell T. Davies gewählte Schluss räumt auch mit der Fan-Theorie auf, dass der 14. Doktor nur eine Finte des Spielzeugmachers gewesen sei und nicht real – denn Donna klärt darüber auf, dass sich der Doktor dieses Gesicht wohl deshalb gewählt hatte, weil er sich nach all seinen Verlusten der Vergangenheit endlich nach einem Zuhause sehne. Das macht insofern Sinn im Kanon, als mit so einer unbewussten Wahl auch das Gesicht des 12. Doktors erklärt worden war (es sollte den Doctor an seine Barmherzigkeit gegenüber einem pompejischen Marmorhändler erinnern, der in der Serie wie der 12. Doctor von Peter Capaldi gespielt worden war). Auch der geheimnisvolle Kurator am Ende des Specials zum 50. Jubiläum hatte darauf hingewiesen, dass der Doktor in der Zukunft alte Gesichter sehen würde – „aber nur die alten Favoriten“ – und der 10. Doktor dürfte inzwischen auf jeden Fall dazu zählen.

Ich würde sagen, die Specials zum 60jährigen Jubiläum waren überaus geglückt!

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Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau, arbeitet am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.