Mein Leben als NPC

Gamer (Foto: Ron Lach via Pexels)
Gamer (Foto: Ron Lach via Pexels)

Wer schon einmal ein Computerspiel gespielt hat, kennt sie, die NPCs (Non-Player-Charaktere). Vielleicht wird „NPC“ 2023 sogar Jugendwort des Jahres, es passt aktuell, zumindest in mein Leben.

Gleich vorweg: Man sieht sich ja selbst gerne als etwas ganz Besonderes an und ist dann immer entsetzt, wenn sich herausstellt, vor allem im Rückblick, dass man als Person so ganz und gar nicht individuell und besonders war. Wir sind ja auch nicht wirklich die Mitte der Welt, sondern ein kleiner Mensch, einer von vielen Milliarden.

Insofern macht die Unterscheidung in „Main-Charaktere“ und NPCs in einer menschlichen Gesellschaft keinen Sinn, denn unsere Persönlichkeit, unser Bewusstsein, besteht aus Beziehungen und in Verwobenheit, wir können nicht ohne zwischenmenschliche Relationen existieren und es wäre obsolet, sich bloß als Gegen-Teil der Menschen um uns herum zu definieren. Umgekehrt ist das, was viele Menschen an den aktuellen KI-Entwicklungen so verängstigt, dass uns die KI-Anwendungen aktuell zeigen, wie banal und wenig originell tatsächlich vieles ist, was wir in unserer Umwelt erleben, sodass sich, nach außen hin betrachtet, tatsächlich viele Menschen, selbst Künstler, in ihren Tätigkeiten und Produkten nicht mehr von KI-Agenten unterscheiden, jener etwas komplexeren Form der NPCs. Viel aktuelle „Kunst“ und Handwerksarbeit kriegt die KI sogar besser hin und zeigt weniger Unlust dabei, nur kühle Geschwindigkeit und Präzision. Wenn Menschen zum NPC verkommen, haben sie sogesehen keine Chance mehr in Zukunft. Insofern trifft die Beschimpfung „Du NPC!“ schon sehr hart.

Valérie Catal von der taz hat dazu am 9. August 2023 einen sehr zutreffenden Kommentar geschrieben, allerdings bezogen auf die aktuelle Jugendgeneration. Sie attestiert den Verwendern des Wortes „NPC“ ein Gespür für existenzielle Tragik, was vergangene Jugendwörter wie „Opfer“ oder „Hurensohn“ vermissen ließen, obwohl auch „NPC“ ein Kraftausdruck, gedacht als Beleidigung sei. Schließlich, gegen Ende ihres Kommentars, kommt sie zu dem Schluss:

»Vielleicht ist es an der Zeit, das NPC-Sein mehr wertzuschätzen und wegzukommen vom selbstzentriertem Maincharactertum.«

Damit, finde ich, trifft sie genau ins Schwarze! Vielleicht habe ich inzwischen zu viele Otaku-Serien gesehen auf Crunchyroll, wo, besonders im Isekai-Genre, die Protagonisten oft mit ihren Rollen hadern, aber es zeigt sich hier eigentlich nur eine zutiefst menschliche Erfahrung: Wir mögen uns zwar selbst als Lenker unseres Schicksals planen, sind aber oft doch nur Statisten in einer größeren Sache und eben für die meisten anderen Menschen nur NPCs. Das erlebe ich auch tagtäglich in meinem Job, der geradezu als NPC-Supportcharakter konzipiert ist, auch wenn das nicht alle meine Kollegen in der Lehrerzunft so ganz begriffen zu haben scheinen: Die Aufgabe eines Erziehers besteht darin, jungen Menschen Wege zu weisen, Quests zu geben, an denen sie wachsen können und ihnen auf ihrem persönlichen (Helden-)Weg weiterzuhelfen, eben ganz so, wie das in Computerspielen NPCs tun, wobei ich persönlich schon hoffe, dass ich bei meinen Schülern nicht ganz so stereotyp rüberkomme. Und es kommt zum Glück nur ganz selten vor, hauptsächlich dann, wenn ich meine Brille vergessen habe, dass ich gegen Wände laufe oder „glitsche“ …

Allerdings – ungeachtet der Tatsache, dass meine Dialogtexte komplexer sein dürften – ist die Interaktion in einer Schule doch in hohem Maße normalisiert, ja geradezu jämmerlich vordefiniert, sodass ich mein Tagwerk und viele Gesprächsverläufe oft schon geradezu beängstigend genau vorhersehen kann, was innerlich auf Dauer sehr frustrierend ist, besonders, wenn auch im Privatbereich nichts hinzukommt, was dies wieder ausgleichen würde, wenn ich nicht mal wieder, wie so oft, mir eine eigene Welt erschaffe. Und dass ich das kann, ist ja nicht selbstverständlich. Ich jammere damit auf einem unsäglich hohen Niveau, zumal Jobs mit noch strikter reguliertem Umgang, wie z. B. als Kassierer oder Büroarbeiter, eigentlich noch viel öder sein müssten, aber das mag das Vorurteil von jemandem sein, der sich da zu wenig auskennt.

Es ändert nichts daran, dass wir oft nur als NPCs behandelt werden und wäre es anders, wäre es auch nicht unbedingt besser, denn es geht ja bei Kommunikation nicht nur um Selbstverwirklichung, sondern auch um Vergewisserung. Dazu gehört auch, dass man nicht immer nur selbst propagiert, sondern Anreize liefert – das ist dann auch der Gedanke hinter dem fragend-entwickelnden Gespräch in der Didaktik, das Impulse setzt, aber eben auch Eigeninitiative fördern soll. Und doch gleichen fragend-entwickelnde Gespräche in der Praxis dann doch oft NPC-Dialogen, zumindest aus Sicht des Lehrers, der sie zu den meisten Themen schon oft geführt hat.

„Vielleicht ist es an der Zeit, das NPC-Sein mehr wertzuschätzen“ meint Valérie Catal in ihrem Kommentar – und ja, das ist es allerdings! Die Welt wäre vielleicht eine bessere, wenn wir vom privaten Heldentum und der Selbstperfektionierung wieder wegkämen und uns mehr an unserer Berufung erfreuen würden, dann würde man vielleicht auch wieder mehr Sinn in seiner Arbeit sehen und diese nicht nur als lästige Pflicht erachten, um seine persönliche Freizeitaktivitäten zu bezahlen, wo dann das eigentliche Heldentum stattfinden soll. Pikanterweise gleicht das Privatleben der meisten Menschen dann doch eher wieder den NPCs aus der Konsumsimulation „Die Sims“ als einer heroischen Heldenreise, welche alles andere als Glück verspräche, denn die westlichen und östlichen Heroen der großen Mythen erhalten ihre Individualität im Scheitern und im Leid. Das aber kann nicht wirklich Sinn einer Lebensplanung sein.

Dagegen habe ich immer das japanische Berufsethos bewundert, wie man auch in seinem Job durch Gewissenhaftigkeit Sinn finden kann, selbst wenn er weniger angesehen ist und Widerstände und Verzicht dabei in Kauf zu nehmen sind, so, wie beispielsweise bei Seiji Amasawa aus Ghiblis Meisterwerk „Die Stimme des Herzens“ (耳をすませば). Die Figur ist ein Junge, der gerne Geigenbauer werden möchte, ein ähnlich Thema findet sich bei Makotos Shinkais „Garden of Words“ (言の葉の庭), wo der Jugendliche Takao Akizuki Schuhmacher werden möchte, was in Japan kein so ganz angesehener Job ist im Vergleich mit Uni-Abschlüssen. Dennoch gewinnt dadurch sein Leben Sinn.

Was die klassischeren Animes mit einem gewissen erzieherischen Unterton propagieren, wird in vielen neueren Isekai-Serien dann leicht oder sehr deutlich parodiert, wenn beispielsweise Pastry Morteln aus „Sweet Incarnation“ (おかしな転生) nach seinem unfreiwilligen Ableben als Zuckerbäcker nun in seiner neuen Fantasywelt heldenhaft ein „Reich der Süßigkeiten“ aufbaut, bis hin zum Protagonisten aus „Reborn as a Vending Machine, now I wander the Dungeon“, wo der Protagonist den Sinn seines Lebens in seiner neuen Tätigkeit als Verkaufsautomat (!) findet. Mehr NPC-Sein geht nicht!

Das ganze, übrigens ziemlich umfangreiche Sujet dieser Art von Wiedergeburts-Animes zieht seinen Reiz meist daraus, dass man eben auch dann Mittelpunkt eines erfüllten Lebens sein kann, wenn man, objektiv betrachtet, nur ein NPC ist, Teil des kleinen Volkes, das eigentlich erst mal nicht für die große Politik auserwählt erscheint, womit wir dann sogar bei Tolkien und seinen Hobbits wären. Auch Tolkien betont die Rolle des kleinen Seins und sieht Heldentum kritisch.

Schicksal macht ein Leben nicht sinnerfüllt, sondern Sinn entsteht daraus, wie man sich zu seinem Leben – und wenn man daran glaubt: seinem Schicksal gegenüber – verhält. Das, unsere Beziehungsfähigkeit, ist tatsächlich eine Komponente, die uns realiter von NPCs unterscheidet, sofern wir nicht nur Konsumzombies sind. Wir können eine Sache mit Sinn füllen. Das ist, was im eigentlichen die Seele eines Menschen ist und ihn von einer Maschine unterscheidet – das, woraus die persönliche Bestimmung erwächst. Und diese finden wir nicht außerhalb unseres Lebens oder durch irgendwelche großen Taten, sondern in dem wir uns selbst so nehmen, wie wir sind und darüber in einen Modus finden, der Sinn stiftet – was im Übrigen auch das ist, was der Straßenkehrer Beppo in Michael Endes „Momo“ verkörpert:

„Man muss immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.“ Beppo in „Momo“ von Michael Ende

Die Straße des Lebens kehren kann demnächst auch jede KI, wahrscheinlich sogar sehr viel schneller als jeder Mensch. Aber nur Menschen können ihren Sinn in Tätigkeiten finden, auch wenn sie eben nicht der Main-Protagonist sind.

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Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau, arbeitet am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.