Menschen in ihrer Zeit

Die Taschenuhr: Heute mag sie für Romantik stehen, doch mit ihr entstand in der frühen Neuzeit unser heutiges, quantitatives Zeitverständnis. Freilich, im Vergleich mit Atomuhren machen Taschenuhren einen sehr gemächlichen Eindruck. Doch ihr Tick-tack bleibt symptomatisch. (Foto: Martin Dühning)
Die Taschenuhr: Heute mag sie für Romantik stehen, doch mit ihr entstand in der frühen Neuzeit unser heutiges, quantitatives Zeitverständnis. Freilich, im Vergleich mit Atomuhren machen Taschenuhren einen sehr gemächlichen Eindruck. Doch ihr Tick-tack bleibt symptomatisch. (Foto: Martin Dühning)

Menschen sind in ihrer Zeit befangen, in der sie geboren sind, aufwachsen, Beziehungen knüpfen – und wenn ihre Wandlungsfähigkeit vorüber ist, vergehen.

Wenn ich mich an das halbe Jahrhundert zurückerinnere, das ich nun lebe, fällt mir auf, dass jede Phase meines Lebens von besonderen Menschen geprägt wurde, solche, die dann und nur dann wichtig waren, die einfach zu ihrer Zeit gepasst haben, die es nun aber nicht mehr tun würden. Gerade eigenwilligen Charakteren ist zu eigen, dass sie in ihrer Zeit sind, vielleicht auch, weil sie so prägend waren, dass sie ihre eigene Zeit machten. Überlegt man sich, wie sie in die Gegenwart passen würden, dann scheint das oft nicht zu funktionieren. Es würde einfach nicht passen. Sie waren eben Menschen ihrer Zeit.

Das trifft auf Bürgermeister, Pfarrer und Schulleiter ebenso zu wie auf die kleinen Persönchen, die unser Leben farbiger gestalten. Bei manchen ist man froh, dass ihre Zeit vorüber ist, bei manchen trauert man den alten Zeiten nach, aber wie man sich zu den verschiedenen Personen verhält, das ist eine sehr persönliche Sache und hängt wohl eher mit den eigenen Erfahrungen zusammen als mit den Menschen selbst. Manche dieser Menschen sind auch „veraltet“, was genau dann mit Menschen geschieht, wenn sie ihre Wandlungsfähigkeit verlieren, was eben das ist, was Jugendlichkeit ausmacht. Es ist keine Frage des biologischen Alters, wohl aber eine Sache der Mentalität. Und so haben manche Menschen mehr Zeit, mehr Ewigkeit, im subjektiven Erleben, als andere.

Mircea Eliade schrieb einst die viel beachtete Novelle „Jugend ohne Jugend“, in der er – unter anderem – auch über das Altwerden sinniert. Der Protagonist Dominic Matei, ein gealterter und mit dem Leben hadernder Sprachwissenschaftler, erhält darin an einem Ostertag überraschend eine zweite Jugend, die er mit Reisen und Forschung und einer neuen Liebe ausgiebig genießt, bis er heimkehrt und seine alten Freunde trifft – längst vergangene – womit er wieder in seine eigentliche Zeit eingefangen wird, altert und mit einer Rose in der Hand im Schnee stirbt. Eine schöne Allegorie dafür, dass wir durch unsere Beziehungen in unser Zeitalter gefesselt sind. Denn Beziehungen prägen uns, lassen uns damit auch alt werden. Die Alternative dazu wäre ein Leben eines Peter Pans, der ewig kindlich bleibt, aber letztlich völlig beziehungsunfähig ist. Zwischen diesen beiden Extremen, in der weisen Mitte, spielt sich menschliches Leben ab und das bedeutet, dass wir im Laufe unseres Lebens in Beziehungen eintreten und wieder austreten, damit wir uns weiter wandeln, den passenden Lebensweg für uns beschreiten können.

„Die meisten Menschen begleiten uns nur ein Stück des Weges“, gab mir einst mein Literaturprofessor in Freiburg mit auf den Weg. Auch er war eine Person seiner Zeit, vielleicht aber auch mehr – denn manche Menschen, wenn ihr Blick weit genug geht, treten auch über den spezifischen Horizont einer Kulturphase hinaus und bleiben so beständig – auch in unserem Leben, und Literatur ist dazu sicher eine Hilfe, denn sie spiegelt viele Leben und Lebenserfahrungen auch anderer Zeiten.

Über Martin Dühning 1659 Artikel
Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau sowie Informatik in Konstanz, arbeitet als Lehrkraft am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.

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