Warum ich keine Familie habe? Männer kriegen alleine keine Kinder, Frauen spielten in meinem Leben zwar durchaus eine Rolle, für echte Partnerschaft hat es aber nie gereicht. Vermutlich war einfach nie die rechte Zeit dafür.
Zu den wenigen Festen, die ich in meinem Leben zu veranstalten habe, gehören Beerdigungen. Infolge einer solchen erhielt ich vor einigen Wochen auch wieder einmal echte und authentische, analoge Briefpost, wenngleich der Anlass, der Tod meiner Patentante, unerfreulich war. Ein alter Schulkamerad schrieb mir eine sehr schöne und empathische Karte, in der er den Sachverhalt, unter dem meine Familie leidet, sehr passend auf den Punkt brachte: Unsere Familie wird immer kleiner, sodass wir zusammenrücken müssen.
Wenn es um die Größe meiner Familie geht, hatten Anverwandte in den letzten Jahren die Schuld daran mir zugeschoben, weil ich ja, obschon ausreichend mit allem Nötigen begütert, ich keine Kinder habe. Meine Antwort war dann meist: Männer können keine Kinder kriegen. Und dass es keine passenden Frauen in meinem Leben gab, ist nicht unbedingt meine Schuld. Ich weiß, dass es in dieser Welt sehr viele schöne und für mich attraktive und potente Frauen gibt, aber sie waren nie Teil meines Lebens.
Vielleicht war ich in meinem Leben zu anspruchsvoll und habe selbst zu viele Körbe verteilt, als ich selbst noch jung und hübsch war. Das lag aber mithin auch daran, dass ich von Partnern als Statussymbol nicht sehr viel halte und dass es für mich passen muss. Ich bin kein Typ für Flirts oder Affären. Partnerschaft basiert aus meiner Sicht auf echter Zweisamkeit auf Augenhöhe. Daher erwarte ich von einer Partnerin, dass sie sich mit mir ohne ein Fachwörterbuch unterhalten kann und zumindest einen Teil meiner Interessen teilt und akzeptiert. Von einer Partnerin erhoffe ich mir auch, dass sie mich in schweren Zeiten (wovon es in meinem Leben einige gab) unterstützen kann, weshalb er ein gewisses Maß an Kraft haben muss, ohne grob zu wirken, denn ohne Zärtlichkeit funktioniert für mich keine Beziehung. Keine der Frauenbeziehungen, die ich in meinem Leben hatte, war in dieser Hinsicht tragend. Darum hat es wohl auch nie geklappt.
Zeitlebens habe ich Frauen bewundert, die empathisch, tiefsinnig und künstlerisch kreativ sind, die eine Sanftheit ausstrahlen, die auch Kraft besitzt und die auch gut mit Kindern können. Frauen, die eine natürliche, ungeschminkte Weiblichkeit besitzen, die feinsinnig sind, aber auch auf Bäume klettern könnten, wenn es nötig ist. Meine erste Freundin, die ich mit 13 hatte, war so jemand. Und seither mag ich auch Sommersprossen und rote Haare, wobei Äußerlichkeiten vielleicht nur Beiwerk sind, denn mädchenhafte Schönheit ist nur eine Phase der weiblichen Trinität. Wesentlicher ist der Charakter eines Menschen, der in späteren Jahren seine Wesenheit prägt. Eitelkeit, Bitternis, Zorn, schlagen sich unweigerlich auch im Antlitz nieder, wenn die Jahre fortschreiten, das ist bei allen Menschen so. Daher sind mir die Frauen, die nur auf ihre äußerliche Fassade bauen, zu primitiv.
Ich erwarte von einer Partnerin auch eine freiheitliche, weltoffene Gesinnung. Unsere heutige Gesellschaft sonnt sich gerne in sadduzäischer Bigotterie, getarnt als „Wokeness“. Ich habe zeitlebens, auch als Kind schon, nie verstanden, wie man die Menschheit grobschlächtig in zwei Dualitäten aufspalten kann, und gerade deshalb hatte ich es eigentlich auch nie nötig, mit Gendersternchen, Binnen-Is oder anderen symbolischen Ergänzungen eine liberale Sicht nur vorzugaukeln. Der Regenbogen war ein Teil meiner Seelenwelt, lange bevor er als Flagge zur politischen Parole wurde. Obwohl ich mich zeitlebens für Feminismus interessierte, auch Uni-Seminare zu diesem Thema besucht habe, fiel mir regelmäßig auf, dass nicht wenige Feministinnen selbst eine recht sexistische und binäre Sichtweise gegenüber Menschen mit Y-Chromosom vertreten. Das ist durch die digitale Welt, die nur aus Symbolen und nicht aus echten Beziehungen besteht, nicht besser geworden. Vielleicht tobt gerade deswegen ein erbitterter Streit über Symbolismen, der sich an Buchstaben zerreibt, statt für echte gesellschaftliche Akzeptanz und soziale Solidarität zu sorgen. Oder vielleicht gehört der Geschlechterkampf auch zum zwischenmenschlichen Balzgehabe und ist in Wahrheit nur getarnte Selbstinszenierung. Das alles hat mich aber zeitlebens abgestoßen.
Zu einer Beziehung gehört für mich selbstverständlich auch Zärtlichkeit, Erotik. Letzteres wird in unserer Gesellschaft gerne als Synonym für Pornografie verwendet, mit Betonung auf Sex. Das ist für mich aber nicht das gleiche. „Eros“ im Sinne der griechischen Urbedeutung ist eine emotionale Anziehungskraft, keine brachiale Zurschaustellung von Körperlichkeit. Weil in der digitalen Gesellschaft die feinen Unterschiede zugunsten von Schwarzweißschemata abgeschafft wurden, erleben wir neben allerlei pornografischem Unrat gerade das Aufbäumen einer neuen Spießigkeit, die unter dem Deckmantel von Jugendschutz und Missbrauchsbekämpfung in eine regelgläubige, neo-viktorianische Prüderie zu münden droht – zumindest im Diskurs, die faktische Realität im Internet sieht anders aus. Das mag auch daran liegen, dass auch der Unterschied zwischen Privatheit und Öffentlichkeit im digitalen Raum verloren gegangen ist. Partnerschaftlicher „Eros“ gehört in großen Teilen in den Privatbereich und ist nur in künstlerischer Destillation eine Sache der Öffentlichkeit. In Zeiten von KI-gestützten Kunst-Simulationen ist es schwer, erotische Kunst noch zu begründen. Man muss sich aber vor Augen halten, dass unsere europäischen Museen sich massiv leeren würden, wenn man die aktuellen Wertmaßstäbe auf die historische Kunst anwendet. Meines Erachtens liegt das nicht daran, dass wir heute etwa „aufgeklärter“ und „toleranter“ wären – das Gegenteil ist der Fall: Die Masse versteht nichts mehr von den Hintergründen von Kunst und verhält sich ausgesprochen intolerant gegenüber allem, was jenseits der eigenen Filterblase liegt. Das schadet dem notwendigen gesellschaftlichen Diskurs in dieser Sache.
Religiös gesprochen wird der „Eros“ im Gemeinschaftsleben durch die Tugend der „Keuschheit“ geläutert. Keuschheit meint Zurückhaltung, um der Menschenwürde wegen. Das darf nicht mit psychotischer Triebunterdrückung verwechselt werden, wie das antiklerikale Kreise gerne tun: Wir Menschen sind sowohl Triebwesen, als auch Kulturwesen, was bedeutet, dass ein aufgeklärter Mensch auch ein aufgeklärtes Herz haben muss. Das bedeutet nicht, dass man keine Gefühle und Neigungen hat, aber, dass man mit ihnen vernünftig und mit Disziplin umgeht. Libido ist eine grundmenschliche Gabe, ein Sinn, ebenso wertvoll wie der Geschmackssinn, dem man aber auch nicht einfach nachgeben darf. Ich habe Menschen, die darüber keine Kontrolle besitzen, immer schon als sehr primitiv angesehen und zotige Bemerkungen oder sexistische Verhaltensweisen ekeln mich an, ob sie nun von Männern oder Frauen stammen, und auch bei letzteren Stelle ich das oft fest, was dazu führt, dass ich mich angeekelt zurückziehe.
Obschon ich durchaus erotische Gefühle besitze, kam für mich Freundschaft immer zuerst. Das ist in unserer eiligen Gesellschaft, die gerne krasse Fakten anjubelt, wenig hilfreich bei der Partnersuche. Als meine letzte Beziehung vor einigen Jahren endete, versuchte ich es eine Zeit lang mit Plattformen wie Tinder – doch was mir dort an Plattheit präsentiert wurde, heilte mich sofort davon, an Beziehungen im 21. Jahrhundert zu glauben. Ich war vollkommen zufrieden, als ich all die niveaulose Profile weggewischt hatte. Bloß für diese emotionale Genugtuung war mir die Sache dann aber doch zu teuer und ich habe alle Profile wieder gelöscht. Letztlich bin ich auch zu alt dafür inzwischen, habe keine Lust mehr auf die „Investitionskosten“ und inzwischen bin ich überhaupt froh, wenn mich die heutige Gesellschaft in Frieden lässt, denn sie bewegt sich immer weiter weg von der Gesellschaft, in der ich meine eigenen Kinder hätte leben lassen wollen.
Dass ich mich in meinen jungen Jahren nicht auf eine Partnerschaft verständigen konnte, mag auch daran liegen, dass ich mit meiner eigenen Generation, den 1970ern, nie viel anfangen konnte. Ich war nie ein Juppie, dafür war ich zu religiös, zu familienaffin – vielleicht hätte ich mich geborgener gefühlt, wenn ich zwanzig Jahre später geboren wäre. Andererseits bin ich durchaus froh, dass ich eine Kindheit so ganz ohne Smartphones, Internet und Social Media und ohne kontrollwütige Eltern und G8 verleben durfte.
Man darf auch nie vergessen, dass mein gesamtes Leben von Pflegefällen flankiert wurde. Ich wohnte immer, von Kind auf, direkt neben einem Menschen, der qualvoll dahinsiechte: Opa, Schwiegertante, Oma, Mutter. Das schreckt Besucher ab und stumpft ab, nimmt die Lust an Zärtlichkeit. Selten war es Frühling in meinem Leben. Ich war quasi ein Mandelbäumchen in Grönland. Das ist dem Aufbau von partnerschaftlichen Beziehungen ebenso wenig förderlich wie der Familiengründung. Meine letzten zwei Partnerschaften ging unter anderem auch daran zugrunde – andererseits fühlte ich mich auch nicht getragen – insofern waren diese Beziehungen wohl auch nicht tragfähig. So gibt es dann auch nicht wirklich etwas darüber zu bedauern, dass sie gescheitert sind. Ich muss mir allerdings auch nicht vorwerfen lassen, dass ich es nicht versucht hätte und dass es nur an mir lag.
Letztlich war ich im Leben immer dann erfolgreich, wenn ich alleine war. So vermehrt man sich nicht, aber mein Leben war erfüllt: Ich hatte trotz anfälliger Gesundheit mehr Raum, eigenen Interessen zu folgen und konnte Wege ohne Rücksicht auf Partnerinnen und Kinder versuchen oder zumindest zuende denken. Das machte mein Leben weniger banal, als es bei Menschen ist, die ganz „normale“ Wege gehen und bürgerliche Privatutopien mit Eigenheim und Kleinfamilie leben. Es ist ein Irrglaube, damit das eigene Leben verlängern oder vertiefen zu können, um mit Max Frisch zu sprechen, ohnehin unsinnig:
„Ihr [die Männer] nehmt das Kind nicht als Kind, als neues Wesen, sondern als Verlängerung eures eigenen Lebens, darum wollt ihr einen Sohn, eine Fortpflanzung, damit ihr euch nicht zu sterben braucht …“ Hanna zu Walter Faber in Max Frisch: Homo Faber
Ähnliches gilt, finde ich, im Übrigen auch für Partnerschaften: Eine Partnerin oder ein Partner ist keine Ergänzungskomponente für den persönlichen Life-Style und das Ego. Partnerschaft entsteht durch eine zwischenmenschliche Beziehung, die in sich selbst durch Zweisamkeit entsteht. Mit Gottes Segen gründet sich dadurch eine Familie mit Kindern – was keineswegs selbstverständlich gelingt.
Es ist müßig, sich über etwas zu beschweren, was nicht ist und nicht geworden ist.









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