Virtuelle Jahre bröseln dahin…

Man spricht ja oft von Geschichtslosigkeit, von Zeitlosigkeit im Internet: Dass Zustände wahllos eingefroren würden, teils mit bedenklichen Folgen für die Betroffenen, in Vorstellungsgesprächen beispielsweise, wenn der letzte Suff mit den Kumpanen beim künftigen Chef in Spe vielleicht (oder doch sehr wahrscheinlich) nicht so gut ankommt. Man spricht aber auch von A-Historizität, von einer palimpsestischen Struktur der Netze, weil nichts, was dort ist, bestimmt ist oder auf eine verlässliche historische Struktur und Quellenschicht zurückführbar sei.

Im Grunde genommen spiegelt die virtuelle Welt die reale aber mehr als man denkt, vor allem, was den Zerfall angeht. Damit sei nicht auf den oft konstatierten Niedergang von Kultur verwiesen, den es wohl nicht gibt, wohl aber auf den unabänderlichen Wandel, der alle Beständigkeit in sich negiert. Während im wahren Leben um uns herum sich die Welt verändert, Menschen altern und sterben, Freund- und Feindschaften in die Brüche gehen und neue sich herausbilden, so verhält es sich auch in der elektronischen Realität nicht viel anders, hier, in der antiseptischen Struktur, verwundert der Zerfall nur mehr, da man ja nicht damit rechnet, dass sich digitale Werte abnützen könnten – und doch tun sie das nicht weniger als analoge, physische.

So beobachte ich seit geraumer Zeit die schleichende Zombifizierung meines alten ICQ-Accounts. Viele Kontakte tummeln sich in der Liste, aber lebende Leichen sind sie mehr als wirkliche Kontakte und in den elf Jahren, die der Account nun  schon besteht, haben sich Berge angesammelt, die Kontaktfreude vortäuschen, wo längst Leere gähnt. Die Ströme haben sich verlagert, es tröpfelt dort nur noch, eine Entwicklung scheint zu verenden, wie anderorts an anderen Stellen bei anderen ebenso erwähnt. Doch das ist der Lauf des Lebens, dass das eine versiegt und anderes dafür aufblüht, manchmal allerdings zeitlich versetzt und mit Fastenzeiten dazwischen.

So erinnere ich mich noch gut an die Zeit von vor 11 Jahren, als ich eine ausgiebige Briefkorrespondenz führte, die an die eines Goethe zwar nicht ganz hinkam, sich aber dennoch sehen lassen konnte: Umfangreiche Briefe, geschrieben von Hand, teils mehrfach überarbeitet und je nach Zielgruppe kindgemäßer oder philosophischer gestaltet. In späterer Zeit, um der gestiegenen Frequenz der Korrespondenzen Herr zu werden, stieg ich auf Emails um, die teils eine beachtliche Länge erreichen konnten und Gott und die Welt abhandeln.

Es waren Zeiten intensiver Dialoge, in mancher Hinsicht intensiver als das nachfolgende Chat-Zeitalter, das sich dafür teils persönlicher und therapeutischer gab und ungeahnte Vernetzungen ermöglichte. Als dieses den Zenit schon überschritten hatte, begann die kurze Phase des Forenschreibens. Doch große Lust kam bei mir hier weniger auf, denn ich bin kein Betroffenheits-Freak und für philosophische Essays ist diese Form genau so wenig geeignet wie für individuellere Gespräche, sodass ich mit den Gemeinplätzen des Onlinevolkes nicht viel anfangen konnte. Einer der Gründe vielleicht auch, warum es immer weniger wird mit virtuellen Kontakten bei mir. Ein anderer ist das Entsetzen darüber, dass der Verlust auch digital unvermeidlich bleibt, spätestens, seit große Teile des Internetarchivs www.archive.org im Nirvana verschwanden und damit auch ein Teil der Niarts-/KGT-Geschichte. Auch die letzte Umstellung der Phoenix-Webseite verlief nicht ohne deutliche Verluste, auch hier musste ich merklich Stöhnen, als Monate und Jahre von Arbeit wieder ins Nichts übergingen, nicht präsent blieben.

Verglichen mit der analogen Kunst, die älter und doch weniger verloren ist und ganz mein, individuell und unverklagbar, erscheint das virtuelle Netz doch mehr und mehr als heiße Luft, als ein Nichts, als Vanitas und als eitel, zumal wenn es wirklich Frühling wird und die virtuellen Pflänzchen gegen das echte Leben verblassen wie geisterhafte Schatten, die sich in Morgennebel auflösen.