Verwertungsclinch – Das Ende der Freizügigkeit

Die Wirtschaftskrise wird auch im Internet langsam spürbar und vor allem in Sachen Urheberrecht werden die Auseinandersetzungen nun mit härteren Bandagen ausgetragen. Seit dem  Auslaufen des GEMA-Vertrages am 31. März 2009 sperrt nun auch YOUTUBE urheberrechtlich geschütztes Material in großem Ausmaß. Das ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs.

Bislang schien es ja, als sei auf den großen Plattformen im Internet alles erlaubt. Nicht nur in mannigfaltigen Eigenkreationen wurden auf Videoplattformen allerorten bekannte Songs aus den Charts mitverwurschtelt, auch Mitschnitte von Fernsehsendungen und komplette Musikvideos wurden da von Hinz und Kunz eingestellt, quasi auf Knopfdruck. Das gefällt den Künstlern nicht immer, den Musikkonzernen selten und den Verwertungsgesellschaften gar nicht – wird die traditionelle Wertschöpfungskette damit doch konsequent umgangen. Nicht wenige sahen durch ein solches Vorgehen ihre Existenz oder gar die Kultur als Ganze gefährdet. Wenngleich dies in dieser Form sicher nicht stimmt, so war doch auch nicht zu erwarten, dass grenzenloses Wildkopieren im Internet ein dauerhafter Zustand bleiben würde. So liefern sich die alten Verwertungsgesellschaften wie die GEMA derzeit einen Schlagabtausch mit den neuen Verwertern wie YOUTUBE. Für beide Seiten geht es in gewisser Weise auch um den eigenen Fortbestand, deshalb wird der Streit wohl mit allen Mitteln und besonders öffentlichkeitswirksam ausgetragen. Beide Seiten sehen sich natürlich selbst im Recht.

Interessanter als juristische Detailfragen – und die Rechtsprechung hinkt hier längst der allgemeinen Praxis hinterher – dürfte die gesellschaftlich relevante Frage sein, welche Folgen die zunehmend härteren Verwertungskämpfe für die Nutzer haben werden. Nießnutzer der aktuellen Entwicklung dürfte der einzelne Benutzer jedenfalls nicht sein, denn anders als man es uns glauben machen will geht es wohl weniger um die Freiheit oder die Kunst an sich, sondern eher um Gelder und die Frage, wer sie kriegen soll, wieviel und zu welchen Konditionen. Wertschöpfung findet in jedem Falle statt, sei es über Nutzungsabgaben oder über Werbeeinnahmen und Datenverwertung bei den Portalen. Umsonst ist längst nicht mehr, zumindest nicht hier. Folglich wird man sich wohl vermehrt auf Werbung, datenschutzrechtlich fragwürdige Benutzerdatenzweitverwertungen einerseits einstellen müssen und auf schärfere Inhaltekontrollen oder Massenabmahnungen andererseits. Gerade beim eigentlich urheberrechtlichen Bereich werden einige Nutzer unsanft aus ihren Web 2.0-Träumen erwachen, denn es wird künftig eben doch nicht mehr alles kostenlos und erlaubt sein, was technisch geht. Schon mit heutigen Rechtsgrundsätzen dürften einige gängige Praktiken eigentlich recht teuer werden, auch wenn es eine naive Annahme der Industrie ist, man könne nicht nur mit Zuckerbrot, sondern auch mit Peitsche Kunden gewinnen. Gemäß den Regeln der Marktwirtschaft vergrault man so eher auch noch die brav zahlenden Kunden. Dass eine fleißige Rechtsabteilung oder europaweites Lobbying einen treuen Kundenstamm auf Dauer nicht ersetzen kann, hat sich aber noch nicht überall herumgesprochen im Kulturbetrieb.

Aufklärung tut Not, besonders auch Aufklärung über die wahren Rechte der Benutzer und Kunden. Denn weder dürfen freiheitliche Grundrechte wie Datenschutz, Eigentumsrecht und Privatssphäre der Kostenlos-Kultur geopfert werden, noch darf sich der äußerst kurzsichtige und grundverkehrte Eindruck durchsetzen, Kultur sei nichts anderes als ein Industriegut, für das man immer und überall zu bezahlen hat, alles andere sei Raub und Mord. Wahr ist doch: Kulturelles Schaffen ist eine Leistung, die Anerkennung verdient, aber kein Abfertigungsgut. Deshalb haben Künstler durchaus das Recht, sich in Verwertungsgenossenschaften zu organisieren und sich über diese ihre Dienstleistungen an der Gesellschaft auch angemessen vergüten zu lassen. Dabei muss ihnen allerdings auch die Möglichkeit bleiben, ihre Werke auf freiwilliger Basis kostenfrei unters Volk zu bringen, beispielsweise unter Lizenzen wie der Creative Commons. Dies spricht gegen technische Generalsperren ebenso wie gegen allgemeine Kulturflatrates.

Hinzu kommt, dass Kultur, die diesen Namen verdient und die mit der Zeit zum Klassiker avanciert, mithin allgemeines Bildungsgut wird, nicht länger in solistischer Verfügbarkeit einzelner bleiben darf, die oft auch ihre angemessene Archivierung nicht sicherstellen können. Hier stehen die Eigentümer auch in Verantwortung. Gerade unter Beachtung der Wahrung von Kulturdenkmälern scheint die derzeitige Praxis gerade bei neuen Medien fragwürdig, denn 75 archivlich ungeschützte Jahre sind für digitale Medien eine Ewigkeit – und wieviel bedeutendes analoges Filmmaterial ging in den letzten 50 Jahren leider schon verloren, weil die Gesellschaft den Erhalt zu lange privater Trägerschaft überließ. Bei den digitalen Medien, die oft auf äußerst spezielle, kurzlebige Abspielhardware angewiesen sind, stellt sich die Frage nach dem Erhalt noch viel frappierender, insbesondere, wenn auch noch der berühmt-berüchtigte Kopierschutz mit ins Spiel kommt.

Die Gesellschaft, will sie nicht ihre kulturelle Lebendigkeit und ihr kulturelles Gedächtnis verlieren, wird hier einen Kompromiss finden müssen zwischen berechtigten Anliegen der Künstler, den industriellen Verwertern von Kultur, den gegenwärtigen Nutzern, aber auch der Verantwortung für künftige Generationen. Gegeneinander kann dies auf Dauer sicher nicht funktionieren, nur Miteinander und mit einem neuen Kulturbewusstsein, das Nutzer nicht mehr nur als bloß passive Konsumenten ansieht, die Verwertungsindustrie nicht mehr nur als Geldhaie und das die berechtigten Anliegen auch kommender Generationen in die Problematik miteinbezieht. Ob sich in nächster Zeit nur wieder Partikularinteressen durch das übliche Lobbying durchsetzen oder eine wirklich tragbare Lösung gefunden wird, muss sich zeigen.