Drei Sonette zum Abschied

Bevor ich wieder in das Reich der falben Buchstabendämmerung entgleite und für die nächste Zeit weder ansprechbar, noch allenfalls vorhanden sein werde, in einer kurzen, deprimierten Pause, habe ich ein paar Gedichtlein ersonnen, die niemand braucht, die aber vielleicht auch niemandem schaden – und wenn doch, dann wohlverdient.

Maienfrost

Der süße Frühling ist uns jäh geknickt,
Im Land des Lächelns strömen blutig Flüsse,
Von Sünde künden einstmals heilge Küsse,
Und Aschewolken hat der Herr geschickt.

Wo sind die Dinge, die uns einst beglückt?
Wo sind die Träume, die mit Blütensüße
Gekühlt das Haupt, das Herz und auch die Füße?
Wo ist der Trost, wenn Kummer uns bedrückt?

Wir haben unsren Sinn längst weggeklagt,
Da ruft nicht Nachtigall und nicht die Lerche,
Wenn Nacht ist und die Welt in tiefem Frost.

Da sind nur Krähen noch, die man nicht jagt,
Und Spatzen, die verzettert zynisch zwitschern,
ganz farblos, falb und bitter tief erbost.

* * *

Phaeton

Der Stolz durchzieht das Land ja heiter weiter,
Aus Nasen, Mündern, Augen, Ohren, Poren,
Quilt es verdächtig mächtig selbsterkoren
Und selbstgeliebt: Was macht uns heiter!

Längst bauten wir zum Himmel eine Leiter
Aus Fortschritt, Wissen, Macht: ein hoher Thron,
Versteckten Nehmens, unsre Tradition:
Wir machen selbst uns liebend gerne breiter

Und halten klüger uns als Polyphem
Und stärken Ikaros die jungen Flügel
Und steigen mit ihm heilig hoch hinan;

Dem Phaeton gleichend, kühn und zielbewusst
Am Steuer jubelnd, lenken wir den Plan
Und ziehen zügellos die goldne Bahn.

* * *

Abendbitte

Bevor ich wieder in das Reich der Träume
Entgleite, wo die guten Engel blieben
Und süße Wesen noch die Sterne lieben,
Wenn längst entlaubt am Wege stehn die Bäume,

Lass mich noch einmal deinen Segen spüren
Den du uns vor dem Abschied hast versprochen
Und segne meine Stunden, Tage, Wochen,
Lass meine Wege nicht ins Dunkel führen.

Denn dunkel stehn Gewitter oft am Himmel,
Der grüne Halm, die klitzekleine Blüte,
Entblösst und sinkt im kalten Hagelschauer.

Der andern Würmlein zahlloses Gewimmel
Um Glück und Geld und and’res – ach, behüte!
Wie überwände ich allein die schwarze Mauer?

* * *