Wenn Menschen Wünsche wünschen…

Wenn mich die 10 Jahre Lehrersein etwas gelehrt haben, dann, dass Menschen mit ihren Wünschen vorsichtig sein sollten, denn sie gehen weit öfter in Erfüllung, als sie es sich erträumen.

Insbesondere bei Jugendlichen fiel mir auf, dass innige Traumbilder, die Schüler von sich selbst zeichneten, wenn sie zwischen 10-13 Jahren alt sind und das, was sie dann als junge Erwachsene tatsächlich erreichen, oft in einer bestimmten, unheimlichen Weise übereinstimmen. Leider ist das, was dabei herauskommt, oft auch eine Verzeichnung dessen, was einst Ideal war. So wurde aus manchem kleinen Möchtegern-Hiphop-Gangster tatsächlich später eine zwielichtige Räubergestalt (mit Tendenz zum Sozialfall) und Mädchen, die hauptberuflich schön sein wollten, wurden es auch (mit allen Nachteilen, die eine Konzentration auf das äußerliche Erscheinungsbild mit sich bringt).

Mit numinosen Mächten hat dies freilich nichts zu tun, eher mit der natürlichen Kraft der Selbstgestaltung, die jedem Menschen innewohnt, besonders in jungen Jahren. Hinzu kommt der Effekt einer „self-fullfilling prophecy“ im Sinne einer Selbstverstärkung von allem, was dem erstrebten Ideal innewohnt und das daher unbewusst herbeigeführt wird. Das ist die „Magie des Selbst“.

Was lernen wir daraus als Lehrperson? Man sollte mit seinen Wünschen doch lieber vorsichtig sein, denn wie im Märchen sind sich auch die Menschen im wahren Leben nicht der Folgen bewusst, die jeder erfüllte Wunsch mit sich bringt.

Wer Wünsche erfüllt, tötet.

Als Pädagoge sollte man Jugendlichen weder ihre Wünsche erfüllen, noch sie unterbinden, sondern ihren Horizont des Wünschens erweitern. Denn nicht im Wunscherfüllen, sondern in der Sehnsucht unerfüllter Wünsche liegt die eigentliche Gestaltungskraft des Menschen verborgen – wohl dem, der zeitlebens noch genug Wünsche hat, um sich weiterentwickeln zu können. Wessen Sehnsüchte aber alle erfüllt sind, wer frühzeitig seinen Horizont erreicht hat – der hat seine Lebenskraft eigentlich schon verbraucht und ist an der eigenen Endstation angekommen – im ungünstigsten Fall als morbide Verzeichnung dessen, was er einst erstrebte.