Die viergeteilte Drachentriologie oder die Lust am Schreiben

Es ist in Mode gekommen, zumindest der Dreiheit zu huldigen im Bereich der Fantasyliteratur. Doch die neueste Abwandlung davon ist mathematische Subversion: So wird die Drachentriologie „Eragon“ postwendend gevierteilt.

Ist das nicht Folter, heute noch zu vierteilen? Nachträglich, ohne Vorwarnung? Nach einer durchaus langen Wartezeit von mehreren Jahren? Eine Triologie, so sollte man erwarten, besteht aus drei Teilen. So ist es auch, zumindest wenn keine magischen Wesen wie Drachen im Spiel sind, was bei der Eragon-Triologie von Christopher Paolini aber der Fall ist. Deren Weisheit ist so umständlich zu beschreiben, den 862 Seiten des dritten Teils „Die Weisheit des Feuers“ zum Trotz, dass man, wie man auf den letzten Seiten erfährt, nun auch noch weitere Jahre auf den vierten Teil der Triologie warten muss. Wie kommt’s?

Bibliophil: Auch der dritte Band von Eragon präsentiert sich in edler Aufmachung für Freunde schöner, umfangreicher Bücher. Ähnlich liest er sich auch.
Bibliophil: Auch der dritte Band von Eragon präsentiert sich in edler Aufmachung für Freunde schöner, umfangreicher Bücher. Ähnlich liest er sich auch.

Verdächtiger Nummer 1, warum auch der dritte Teil die Geschichte von Eragon nicht zum Abschluss bringt, ist vielleicht das Vorbild des berühmten Zauberlehrlings, er muss ja nicht unbedingt Harry heißen, auch Septimus Heap böte sich an, der zeigt, dass, was man in vielen Teilen schreiben kann, nicht unbedingt auch in drei zu pressen ist. Da freut sich dann schon der Verleger, weil so etwas ja schlicht auch mehr Geld bringt. Auszuschließen ist dies nicht, wenn auch nicht unbedingt verfasserfreundlich, obwohl es ja ein allgemeines Phänomen der Branche zu sein scheint.

Doch es gibt noch andere Verdächtige. Die belesene Phantasie des Autors beispielsweise, welche die Handlung einige unvorhergesehene Wendungen vollziehen lässt, sodass der Protagonist Eragon im dritten Teil so ziemlich alle Orte der vorigen Teile (nochmals) aufsuchen muss – und sei es nur als innovative Rückblende – da bleibt dann schließlich für den Abschluss der eigentlichen Handlung gar keine Erzählzeit mehr übrig. Oder aber, nach tolkien’schem Vorbild, die Aufteilung der Handlungsstränge auf verschiedene Protagonisten, was im dritten Teil sogar gleich mehrmals geschieht, wenn Eragon, Roran und Saphira auf verschiedenen Missionen getrennte Wege gehen.

Schließlich kommt es ganz zwangsläufig zur Verlängerung aufgrund der ausgesprochenen Fülle an Motiven: Nicht nur, dass die alten permanent wieder aufgegriffen, aber kaum je abgeschlossen werden, es kommen auch jede Menge neue hinzu. Zur stark an StarWars erinnernden Vater-Sohn-Imperator-Problematik der ersten beiden Teile, der verhinderten Liebesgeschichte Mensch-Elf, die im dritten Teil weitgehend auf Eis gestellt wird über den Bruderzwist Eragon-Murtagh aus Teil zwei kommen in Teil drei noch die Nebenhandlungen um Brom, die Wahrsagerin Angela, den Händler Jeod, den Metzger Sloan und den Zwerg Orik hinzu, weitere werden angedeutet, beispielsweise wenn Eragon mal kurz in der Einöde dem verrückten Magier Tenga begegegnet, der durchaus vieles in den Schatten stellt, aber auf einer Seite abgehandelt wird. Auch werden wieder viele neue Türlein geöffnet, beispielsweise wenn viel mit „wahren Namen“ von Dingen und Menschen herumhantiert wird, Ursula Le Guins ‚Erdsee‘ lässt grüßen.

Nicht zuletzt umfasst das neue Motiv der geheimen „Weisheit der Drachen“ die gesamte zweite Hälfte des dritten Teils, ganz zu schweigen von den umständlichen und vielfach über den Band aufgeteilten Ausführungen über Schwerter und ihre Schmiedekunst. Mit dem Endprodukt, einem feuerspeienden, Stahltüren zerschneidenden Wunderschwert, naht man sich dann wieder stark den Lichtschwertern der Science Fiction ebenso an wie mancher Superschneide asiatischer Fantasyliteratur.

Dies alles ist schreibtechnisch gar nicht schlecht gedrechselt, ja auf den gesamten Einzelband hin betrachtet äußerst kunstfertig verwoben, auch wenn einem die einzelnen Versatzstücke manchmal seltsam vertraut vorkommen. Doch die Fülle berauscht nicht nur. Stellenweise wirkt die Geschichte dadurch langsam überladen, manches doppelt sich, zumal der Erzähler durchaus über Seiten hinweg ins Schwadronieren gerät, insbesondere, wenn es zu Kampfhandlungen kommt oder anderen Dingen, die ihn sichtlich selbst interessieren, beispielsweise die inneren Konflikte junger männlicher Akteure. Das ist kein Verbrechen, psychologisch sogar verständlich, denn Paolini bevorzugt und beherrscht wohl die Kunst des automatischen Schreibens, des Sich-treiben-lassens im eigenen Erzählstrom. Zumal, auch das ist etwas Positives: Er liebt das Schreiben, schreibt mit Lust, und das nicht zu knapp.

Doch dies könnte sich, zumal bei einer so komplexen Zusammenstellung, am Ende als ärgerlich erweisen für den jungen Autor selbst, da die Dichte der Romanteile durchaus schwankt und die Logik bisweilen leidet – nicht alles davon lässt sich auf die Perspektiven der Charaktere abwälzen. Der dritte Teil wirkt damit zunächst dichter, als er tatsächlich ist, für die Haupthandlung dürfte er sich über weite Strecken als durchaus redundant bis gar unlogisch erweisen. Denn während Eragon und sein Drache Saphira vieles tun, tut sich insgesamt doch leidlich wenig in der Welt von Alagaesia, zumindest, was den Hauptfeind Galbatorix und das Imperium angeht, der sich – von Scharmützeln und vom Cliffhanger abgesehen, seltsam abwartend und still verhält. Vielleicht aber, worauf einige spekulative Andeutungen hinweisen, ist der größte Schatten der Geschichte ohnehin nicht das, als was er bislang gehandelt wurde. Spannend bleibt es also weiterhin. Dafür wird man aber wohl oder über wieder warten müssen, bis der nächste Teil erscheint, ein paar Jahre vielleicht.

Bibliografische Daten:

  • Paolini, Christopher: Eragon, Die Weisheit des Feuers, Aus dem Amerikanischen übers. von Joannis Stefanidis, – 1. Aufl., München 2008. ( ISBN 978-3-570-12805-3 )