Man weiß nicht so recht, was man schreiben soll…

Mit Legosteinen, betrachtet man sie einmal außerhalb ihres findigen Systems, ist es immer so eine Sache. Bunt sind sie wohl und klobig, aber auch irgendwie scharf und kantig und wehe, man hatte sie über den Teppichboden verstreut und stolpert nun über sie, barfuß womöglich, dann können sie recht schmerzliche Eindrücke hinterlassen. Mit dem Theaterstück von Dirk Dobbrow, das den Titel „Legoland“ trägt, verhält es sich ganz ähnlich.

Das Leben ist schwer - Szene aus dem Stück 'Legoland' bei der Aufführung vom Donnerstag, den 19. März 2009 am KGT. (Foto: Gerhard Behnke)
Das Leben ist schwer - Szene aus dem Stück 'Legoland' bei der Aufführung vom Donnerstag, den 19. März 2009 am KGT. (Foto: Gerhard Behnke)

Viermal wurde „Legoland“ am KGT nun aufgeführt von der Markanten Theaterbühne. Provokant war es allemal, szenisch hochstehend einstudiert unfraglich ebenso – was Schülertheater hier leistet, kann sich schauspielerisch sehen lassen, auch außerhalb einer Schule. Aber mehr wie sonst ist die Beurteilung der aktuellen Inszenierung der Markanten Theaterbühne selbst eine markante Angelegenheit. Ähnlich wie markante Wetterlagen führten die Aufführungen bei einigen  zu allerlei Wetterfühligkeiten, gefühlsmäßigen Verstimmungen und ästhetischen Kreislaufbeschwerden. Dirk Dobbrows preisgekröntes Theaterstück warf am Klettgau-Gymnasium Fragen auf, ganz besonders Fragen des Stils, der inhaltlich und manchmal auch sprachlich Sido und Bushido und der um sie befindlichen Jugendszene mehr ähnelte, als mancher Lehrkraft lieb war.

Ob die eigentliche Thematik des Stücks dagegen extremer war als die einer „Emilia Galotti“ (2006), von „Frühlingserwachen“ (2001), „Faust 92“ (1992) oder anderer Stücke, die früher schon am KGT gespielt wurden, wage ich zu bezweifeln. Gewalt, (Selbst-)Morde und hoffnungslos scheinende Sinnanfragen sind ein Grundmerkmal gerade auch des deutschen Bühnentheaters. Im Unterschied zu den klassischeren Stücken wirkt da „Legoland“ lediglich aktueller. Im Vergleich zu seinen Vorgängern „Strategiespiele“ und „Traumhaft“ (beide 2007) problematisiert Dobbrows Stück offener und weniger ästhetisch verhüllt, stattdessen oft blank und ohne Verputz, wie Plattenbauten nun mal sind.

Hübsch und lieblich kam das Stück jedenfalls nicht daher, wenngleich meisterlich inszeniert, angesiedelt eher im niederen Stil, allerdings ganz ohne den dort klassischerweise üblichen Bauernwitz. Humor fehlte. Stattdessen wurde dem Betrachter ein Schimmer des allgültig Absurden mit auf den Weg gegeben und viel Nihilismus, immerhin ohne jede Selbstgefälligkeit. Die Reaktionen der Zuschauerschaft waren teils kontrovers, teils eher ratlos.

So weiß man nicht so recht, was man darüber schreiben soll. Allen gefällig kann es niemals werden. Soll man den hohen intellektuellen Anspruch loben, der hier in der tiefen Provinz mit ihren gutbäuerlichen Zuschauern wirkt, als würfe man eine Schüssel Legosteine vor die Säue? Soll man den unfraglichen Mut der Regisseurin hochschätzen, das lokale Spießbürgertum Tiengens zu provozieren oder zumindest zu verwirren (was zumal eine Woche nach Winnenden ohne Frage gelungen sein dürfte)?

Oder sollte man sich lieber den Kritikern aus der selbsternannten Moralfraktion in der Lehrerschaft anschließen, die derart offene und verbal eher unästhetische Sozialkritik und die existenzialen Probleme pubertären Lebens immer lieber ganz aus der Schule verbannt haben wollen nach dem Motto: „Wo wir schon im realen Leben lieber weggucken, das wollen wir nicht auch noch auf der Bühne sehen, das gehört nicht in unsere schöne heile Welt“?

Wahrscheinlich handeln die meisten wohl in einem sehr oberflächlichen Verständnis der nikomachischen Ethik, wählen den Weg der Mitte und vermeiden extreme Ansichten, was bei einem Stück, das so polarisiert, allerdings nicht unbedingt intellektuelle Denkarbeit oder gar dialektische Diskussion erzwingt, sondern eher wieder mal eine Ausrede dafür hergab, dass viele gar nicht erst zu den Aufführungen kamen.