Aktueller denn je…

Autorenlesung am Hochrhein-Gymnasium: Jugendbuchautor Dirk Reinhardt las am 26.06.2019 aus seinem Roman „Train Kids“ vor und beantwortete Schülerfragen.

Die Themen Migration und Landflucht sind in den letzten Jahren weltweit stark in den Fokus gerückt und bestimmen seither fast durchgehend die Tagesmedien. Oft thematisiert man dabei nur Zahlen und Prognosen, die Einzelschicksale gehen in den Meldungen und Statistiken oft unter. In seinem Jugendroman „Train Kids“ beleuchtet Dirk Reinhardt deshalb die ganz persönlichen Lebensschicksale der fünf Jugendlichen Miguel, Fernando, Emilio, Jaz und Ángel, die sich zusammen auf die abenteuerliche Reise quer durch Mexiko Richtung USA machen. Der Roman ist Anfang 2015 erschienen, hat jedoch durch die weltpolitischen Entwicklungen inzwischen sogar noch an Aktualität gewonnen und sich zu einer sehr populären Lektüre entwickelt. Durch seine eindringliche, personale Erzählperspektive und den eingängigen Schreibstil hat „Train Kids“ auch unter den Lesern der Klassenstufen 7 und 8 am Hochrhein-Gymnasium viele Fans gewonnen. Selten wird eine Schullektüre von Lehrkräften, Schülern und Eltern gleichermaßen so gelobt. Das alles war mehr als Grund genug, den Romanautor zu einer Autorenlesung ans Hochrhein-Gymnasium einzuladen, ein Angebot, das Dirk Reinhardt glücklicherweise gerne annahm.

So las Dirk Reinhardt am Mittwoch, den 26. Juni 2019 im restlos gefüllten Musiksaal vor den siebten und einer achten Klasse aus seinem Roman vor. Sein Lesevortrag beeindruckte durch starke stimmliche und personale Präsens, die Lesung wurde in erklärenden Einschüben ergänzt durch Hintergrundinformationen zur Entstehung des Romans – dieser sei zwar natürlich literarische Fiktion, wie Reinhardt betonte, bündelt aber authentische Erfahrungen von Jugendlichen „Train Kids“, welche die gefährliche Reise als blinde Passagiere auf Güterzügen wagen, um von ihren Heimatländern Guatemala, El Salvador und Honduras in die USA zu gelangen. Dazwischen liegt eine Bahnpassage von 3000 km quer durch Mexiko, die laut Amnesty International zu den gefährlichsten Flüchtlingsrouten der Welt zählt. Etwa 50.000 bis 100.000 Jugendliche sind dort täglich auf Güterzügen unterwegs, wie Dirk Reinhardt den Zuhörern erklärte. Als er vor einigen Jahren davon hörte, habe er beschlossen, selbst nach Mexiko zu fahren, um die betroffenen Jugendlichen persönlich zu treffen und zu befragen. Im Verlauf von Reinhardts bildgestützten Erläuterungen zur Vorgeschichte des Romans wurde klar, dass seine Recherchen nicht ganz ungefährlich waren, denn Dirk Reinhard geriet auf seiner Mexikoreise oft selbst zwischen die Fronten von Migranten, Grenzschützern, Polizei und den Maras, kriminellen Jugendbanden. Natürlich seien die Jugendlichen deshalb auch ihm gegenüber zunächst misstrauisch gewesen, doch als sich herumgesprochen habe, dass der deutsche Tourist ein Buch über ihr Schicksal plane, seien viele Jugendliche neugierig auf ihn zugekommen und hätten ihm freimütig von ihrem Leben erzählt. Die von Dirk Reinhardt so gesammelten Augenzeugenberichte und seine eigenen Eindrücke flossen dann in den Roman ein – so manches, was Romangestalt Fernando in der Geschichte zu erzählen weiß, hat also sehr reale Bezüge.

Der Zuhörerschaft am Hochrhein-Gymnasium war es im Verlauf der Lesung auch möglich, den Schriftsteller zu seiner Schreibtätigkeit zu befragen: „Wie geht es mit den Train Kids weiter?“, „Wird es eine Fortsetzung geben?“ waren Fragen, die den jungen Lesern auf dem Herzen lagen. Eine Fortsetzung wollte Reinhardt tatsächlich nicht ausschließen, da einige Handlungsstränge aus dem Roman am Ende ja noch offen geblieben seien. Natürlich sei es eine spannende Angelegenheit, das Schicksal der Jugendlichen weiterzudenken.

Was er anders machen würde, wenn er den Roman nochmal schreiben würde? – Wahrscheinlich würden die Maras heute mehr Gewicht erhalten, so Reinhardt, denn diese mafiösen Jugendgruppen haben sich zwischenzeitlich zu einem noch größeren gesellschaftspolitischen Problem entwickelt, sind sie doch oft nicht nur Fluchtursache für die Jugendlichen in ihren Heimatländern, sondern als allgegenwärtige Schleuser größter Nutznießer der Landflucht. Auch die aktuellen politischen Entwicklungen in den USA und der Mauerbau würden heute wohl noch stärker in den Fokus geraten als vor vier Jahren.

Am Ende der neunzigminütigen Veranstaltung konnten sich interessierte Schülerinnen und Schüler noch ihre Bücher vom Autor signieren lassen, was von vielen auch genutzt wurde. Dabei konnte man dem Autor auch noch einmal ganz persönlich Fragen stellen.

Weiterführende Informationen:

Verfasst für das Jahrbuch 2019 am Hochrhein-Gymnasium

Über Martin Dühning 1164 Artikel
Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau, arbeitet am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.