Interview mit Alexander Czerdano

Nach dem überraschenden Rücktritt seiner Vorgängerin hat Alexander Czerdano kommissarisch das Amt des Oberbürgermeisters von Ventadorn übernommen. Anastratin.de hat ihn interviewt.

Alexander Czerdano als Dekan der Universität Sanarth
Alexander Czerdano als Dekan der Universität Sanarth

Anastratin.de: Alexander Czerdano, Sie versehen seit einer Woche überraschend ein weiteres Amt, Schlusspunkt einer langen Ämterreihe, nachdem Sie vor über zwei Jahrzehnten überraschend zum Legaten des Ostens wurden, später als Nachfolger von Djessa Zeltis auch Generalsekretär der Konföderation, bis sie vor Kurzem von Lysandra Prado abgelöst wurden. Nun sind Sie auch noch komissarischer Oberbürgermeister von Ventadorn! Was für Überraschungsposten können Sie sich noch vorstellen?

Czerdano: Ach, noch weitere Amtsübernahmen möchte ich mir besser gar nicht vorstellen! Nicht, dass ich nicht genug Fantasie dafür hätte, aber bedenken Sie, ich bin nun schon fast vier Jahrhunderte alt und es wäre für mich doch langsam Zeit für etwas Ruhestand. Meine Vita liest sich auch so schon langatmig und vielseitig. Außerdem, ich wurde meist berufen wegen irgendwelcher Katastrophen, und Nitramien hatte ja schon genug davon. Dass ich zum Legaten ernannt wurde, ist nun übrigens schon 37 Jahre her, nicht nur zwei Dekaden, und schon damals wähnte ich mich eigentlich meinem Ruhestand nahe.

Anastratin.de: Bereuen Sie Ihre seither geschehene außergewöhnliche politische Karriere – vom Kulturattaché, Universitätsrektor, kaiserlichen Stellvertreter, Regierungsoberhaupt hin – bis jetzt zum obersten Prytanen der Metropolis von Ventadorn?

Czerdano: Oh, das ist eine gute Frage. Es ist so viel geschehen in dieser langen Zeit. Sicher, in vielen dieser Positionen hätte ich mir mehr gewünscht. Dass ich die legendäre Forschungsmission in die mysteriöse Zealande-Galaxis damals abgeblasen habe, das werden mir einige Historiker sicher nie verzeihen. Ich hielt das damals für das Beste, weil mir dieses Prestigevorhaben zu ungewiss, die Situation in Ninda zu desaströs erschien. Nun liest man mich in manchen Geschichtsbüchern eben als Zauderer, aber ob eine andere Zukunft besser gewesen wäre, dass müssen Sie die Hüterinnen des Schicksals fragen. Ähnliches kann man zu der Erwartungshaltung einiger Zeitgenossen sagen, ich hätte als Generalsekretär die Beziehungen zu Emolas flicken sollen. Dabei lag das außerhalb meiner Macht.

Anastratin.de: Glauben Sie an das Schicksal, Alexander Czerdano?

Czerdano: Wenn Sie mich persönlich fragen, ich glaube weder an das Schicksal, noch an Zufälle und im Unterschied zu vielen meiner tyrillianischen Zeitgenossen glaube ich auch nicht an perfekte Momente. In unserem Leben gibt es Gelegenheiten, und zwischen ihnen müssen wir auswählen. Dabei dürfen wir unsere eigenen Möglichkeiten weder unter-, noch überschätzen, und wir können nur hoffen, dass sich letztlich alles sinnvoll fügt. Mit einigen Fügungen in meinem langen Leben bin ich sicher nicht zufrieden, andererseits sind wir manchmal etwas zu anspruchsvoll dem Leben gegenüber – es geht nicht um das reine Glück, man sollte versuchen, das Beste daraus zu machen. Und vor allem muss man Geduld haben. Das ist etwas, was die Regierung von Emolas und auch meine Vorgängerin im Oberbürgermeisteramt wohl nicht hatte.

Anastratin.de: Sie sagen das jetzt, wo Sie schon fast am Ende Ihrer Dienstzeit stehen. Haben Sie denn noch genug Zeit?

Czerdano: Geduld ist keine Frage quantitativer Lebenszeit. Geduld ist eine Lebenseinstellung, ja mehr als das, eine Zeitqualität. Es kommt nicht darauf an, Dinge um jeden Preis in einem Zeitraster abzufertigen, es ist wichtiger, offen zu bleiben im Leben und Möglichkeiten zu schaffen und zu erhalten. Nicht immer haben wir das geschafft. Dass wir uns von Konventionen und Rastern einnehmen ließen, fremden Konstrukten folgten, daraus entstanden die schlimmsten Katastrophen der jüngeren Vergangenheit. Manchmal hätten wir besser nicht handeln sollen.

Anastratin.de: Das klingt nicht so, als ob Sie ein Freund von großen Entscheidungen sind.

Czerdano: Ich bin ganz sicher kein Freund von vollendeten Tatsachen. Und dass wir uns unnötig beeindrucken lassen von Akteuren, die solche am laufenden Band produzieren, daran krankt unsere Welt. Wir sollten uns eben nicht darüber aufregen, dass in unserem außenpolitischen Umfeld Porzellan zerschlagen wird, trotz allen berechtigten Ärgers bin ich der Meinung, dass sich das alles von selbst erledigt, wenn wir uns selbst treu bleiben.

Anastratin.de: Weitermachen wie bisher? Und doch scheint die Außenpolitik ein Fiasko – Jestrien ist gefallen, die dreisten Bryn triumphieren und kamen mit ihren Raubzügen überall durch, die dunischen Völker straucheln, der einzige Verbündete, Emolas, hat sich abgewandt, auch wirtschaftlich und innenpolitisch ist die Föderation in einer Krise, reicht es da, abzuwarten?

Czerdano: Nun malen Sie aber ein allzu schwarzes Bild der Gegenwart! Letztlich besteht die Konföderation als Institution wie ein Fels in der Brandung. Und was Krisenherde angeht: Ich rede nicht davon, stille zu halten und Däumchen zu drehen. Ich spreche von Werttreue. Glauben Sie mir, was nicht inneren Wert besitzt, das vergeht. Sie mögen noch soviel Kraft, Aktivismus und Macht an den Tag legen, die Zeit besiegt alles. Was aber einen Wert in sich selbst trägt, sinnvoll ist, das bleibt es, selbst wenn der Applaus ausbleibt. Wir brauchen kein weiteres machtvolles Imperium in dieser Welt, wir brauchen ein sinnerfülltes Friedensreich.

Anastratin.de: Was halten Sie dann von der Politik von Vizekönigin Luisa Amiratu – sie scheint ja eindeutig eine Gegenposition zu vertreten: Zur Zeit lässt sie überall in Südninda Verteidigungstürme errichten und hat zum großen Ärger des Nachbarstaats Hajoida die Marine ausgebaut. Dennoch haben Sie sich von ihr überreden lassen, den Posten als kommissarischer Oberbürgermeister anzunehmen. Wie passt das zusammen?

Czerdano: Vizekönigin Luisa Amiratu ist eine wirklich bemerkenswerte kleine Persönlichkeit. Sicher wirbelt sie viel herum, doch sehe ich durchaus einen Sinn in ihrem Tun. Letztlich versucht sie, alles das umzusetzen, was ihre Vorgänger nicht geschafft haben, vielleicht will sie die unvollendeten Geschichten zu einem guten Ende bringen. Das ist aus meiner Sicht eine sehr sinnerfüllte Tätigkeit. Die von Ihnen genannten Türme wurden schon von Vizekönig Valens verfügt, er hat sie nur nie fertigstellen lassen, die Marineerweiterung scheint mir eine logische Folge davon, dass sie die alten Seewege wieder in Betrieb nimmt. Sie baut Ruinen zu Schlössern um, sie bringt verlassene Gärten zum Blühen. Dass sie auch sonst ziemlich aktiv ist, will ich nicht leugnen, aber bislang hat sie sich von Rückschlägen nicht entmutigen lassen und ein paar Politiker mehr von ihrem Schlage würden uns sicher gut tun. So wie ich sie persönlich erlebt habe, ist sie übrigens recht friedliebend und einfühlsam, aber eben auch beherzt und manchmal vielleicht auch ein bisschen stur, wie das Nitramier und auch Emolaner manchmal sind.

Anastratin.de: Wie stehen Sie dazu, dass sich die Metropole Ventadorn von Vizekönigin Luisa mit 3.000.000 Denaren aus der Staatskasse von Südninda hat aushelfen lassen?

Czerdano: Das trifft den urbanen Stolz so mancher Städter in Ventadorn sicherlich schwer. Das legendäre Ventadorn musste sich hier von der ländlichen Provinz aushelfen lassen. Aber es gab keine Alternative, unfraglich wäre die Metropole sonst in Konkurs gegangen. Wir freuen uns, dass uns die Vizekönigin hier selbstlos geholfen und das benötigte Geld, übrigens eine recht hohe Summe, zinslos ausgeliehen hat. Selbstverständlich werden wir es der Provinz baldmöglichst zurückzahlen, auch wenn das wohl mit deutlichen Einschnitten in den Bürgeretat verbunden sein wird. Eine andere Möglichkeit wären Gebietsabtretungen, aber die Konditionen muss letztlich der neue Stadtrat nach den Wahlen mit der Vizekönigin aushandeln.

Anastratin.de: Die Wahl für den neuen Stadtrat und den nächsten demokratischen Oberbürgermeister steht schon in einigen Tagen an. Noch hat sich kein einziger Kandidat für den Posten des Oberbürgermeisters gemeldet. So ganz überraschend kommt das nicht angesichts der Lage der Stadt. Könnten Sie sich vorstellen, doch noch selbst zur Wahl anzutreten, wenn sich das in den nächsten Tagen nicht ändert?

Czerdano: Nein, dazu bin ich nicht bereit. Aber das habe ich auch von Anfang an klar gemacht. Dieses Amt des Oberbürgermeisters führe ich nur kommissarisch.

Anastratin.de: Haben Sie dann wenigstens einen Jokerkandidaten in der Tasche – sonst dürfte das schwer werden?

Czerdano: Natürlich habe ich jemand, aber das werde ich erst zu gegebener Zeit bekanntgeben. Ich befinde mich im Übrigen seit meinem Amtsantritt im Gespräch mit vielen Leuten, die mir geeignet erscheinen. Der Vorteil, wenn Sie seit drei Jahrhunderten im Geschäft sind, ist immerhin, dass Sie eine Menge Persönlichkeiten kennengelernt haben. Daher wird es bei der nächsten Wahl bestimmt genug Kandidaten geben.

Anastratin.de: Seit einer Woche ist die intergalaktische Kommunikation in Ninda zusammengebrochen, glauben Sie, dass es während Ihrer Amtszeit noch klappt, das neue intergalaktische Kommunikationsnetz in Ventadorn in Betrieb zu nehmen? Dass dies nicht gelang, war ja einer der Gründe für den Rücktritt Ihrer Vorgängerin…

Czerdano: Oh die Kommunikation in Ninda ist nicht zusammengebrochen, sonst könnten wir dieses Gespräch ja gar nicht führen! Genau genommen ist nur die Funklizenz des alten Ninda-Netzes ausgelaufen und damit sind die Kommunikationsnetze von Altdunien und Hajoida ausgefallen. Nitramien selbst ist davon nicht wirklich betroffen. Sie unterschätzen wirklich ein wenig die Konföderation und ihre technischen Möglichkeiten. Gemäß den Grundsätzen nitramischer Ingenieurskunst verfügen wir natürlich über Reservesysteme. Die beiden föderalen Reservenetze funktionieren innerhalb Ventadorns stabil und problemlos und werden das zur Not auch ein weiteres Jahr tun. Was den lang ersehnten Anschluss ans intergalaktische Breitbandhypernetz angeht: Ninda wartet darauf nun schon seit bald 200 Jahren. Da kann es das auch noch ein paar Monate oder ein Jahr länger tun. Und wenn die Umsetzung nicht mehr zu meiner Amtszeit geschieht, womit ich übrigens auch nicht rechne, trübt das sicher nicht meine Lebensbilanz. Ich finde, man sollte sich nicht so abhängig von äußeren Faktoren machen. So wie die Dinge stehen, tut das für unsere Nation jetzt absolut nichts mehr zur Sache.

Anastratin.de: Haben Sie noch einen abschließenden Rat für Ihren Nachfolger?

Czerdano: Nach einem langen Leben in vielen Ratgeberämtern bin ich des Ratschlägegebens müde geworden. Statt einen Universalratschlag für alle Lebenslagen zu geben wünsche ich meinem Nachfolger Besonnenheit und eine fruchtbare, gute Zeit!

Anastratin.de: Alexander Czerdano, wir danken für das Gespräch.

Das Interview führte Nils Kawomba.

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Nils Kawomba, ehemals Chefredakteur der NNZ (Neue Nitramische Zeitung), ist unser nitramischer Korrespondent in Ventadorn (Ninda).

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