„Wir waren nie sehr gut darin, egoistisch zu sein.“

Außenministerin Djessa Zeltis im Gespräch mit Anastratin.de (Foto: Nils Kawomba)
Außenministerin Djessa Zeltis im Gespräch mit Anastratin.de (Foto: Nils Kawomba)

Im Sommerinterview äußert sich die neue Außenministerin Djessa Zeltis zur vergangenen und künftigen Außenpolitik der Neu-Nitramischen Konföderation.

Sommerpause – Zeit genug, um mit der neuen Außenministerin Djessa Zeltis ein Interview zu führen. Wir trafen sie dafür auf Schloss Ellesmere in Nordandrasko.

Anastratin.de: Frau Zeltis, einst waren Sie Generalsekretärin, nun sind Sie Außenministerin. Ist das nicht eine gewaltige Degradierung für eine so prominente Föderationspolitikerin und Führerin der vereinigten Häuser der Dunkelelben?

Djessa Zeltis: Ich gebe zu, als Außenministerin hätte man in der Vergangenheit nicht viel zu tun gehabt, da es ja jenseits der kaiserlichen Legaten keine Außenpolitik gab. Das hat sich aber mit Kaiser Jitro geändert. Insofern ist das Amt des Außenministers inzwischen wichtiger als jemals zuvor – zumindest seit Andrea Velar im dritten Jahrhundert.

Anastratin.de: Trotzdem haben Sie noch keine einzige Reise unternommen und zumindest offiziell keinerlei Amthandlungen ausgeführt.

Djessa Zeltis: Die Aufgabe eines Außenministers besteht in Nitramien gerade auch darin, diskret und falls nötig nichtöffentlich tätig zu werden. Es gibt durchaus einiges zu tun.

Anastratin.de: Kritiker behaupten, die nitramische Außenpolitik ist ein einziger Scherbenhaufen. Wenn Sie dies nun alles hinter den Kulissen flicken müssen, haben Sie sicher einiges zu tun.

Djessa Zeltis: Sicherlich ist Flickschusterei keines meiner Ziele. Dann hätte man sicherlich auch jemand anderen für diese Aufgabe ausgewählt. Allerdings muss ich Ihnen dahingehend rechtgeben, dass es die letzten hundert Jahre außenpolitisch nicht unbedingt rosig lief für die Konföderation. Von dem jämmerlichen Verhalten der Systemlords im Kibur’Gate-Sektor abgesehen, worauf wir seinerzeit immerhin mit dem Abbruch sämtlicher Beziehungen reagiert haben, waren wir selten darauf bedacht, unsere eigenen Interessen zu vertreten. Es ging eher darum, einen fragilen Frieden aufrecht zu erhalten, der alles offen lässt. Das hat sich in der Geschichte schon mehrmals gerächt. Es reicht eben nicht aus, sich korrekt zu verhalten, man muss auch die Kraft haben, Bündnisse zu stützen und aufrecht zu erhalten. Darin haben wir durchaus versagt, wenn die konkrete Schuld auch meist nicht bei uns lag.

Anastratin.de: Politiker wie Alexander Czerdano oder Lysandra Prado sind der Ansicht, dass es moralisch wie ökonomisch nicht sehr viele Alternativen gegeben hätte.

Djessa Zeltis: Bis zu einem gewissen Grade mag das stimmen. Wir Nitramier ziehen uns gerne hinter unsere sicheren Wertesysteme zurück. Wir waren nie sehr gut darin, egoistisch zu sein. Genau das ist aber manchmal nötig, sonst haben Sie keine Kernsubstanz, die aber Voraussetzung dafür ist, damit Sie überhaupt als Bündnispartner ernst genommen werden. Die Leute wollen nicht mit Wertesystemen interagieren, sondern mit Persönlichkeiten – das braucht dann eben auch gesunden Egoismus.

Anastratin.de: Und Sie wollen dem gesunden Egoismus als Außenministerin ein Gesicht geben?

Djessa Zeltis: (lacht) Nein, so hatte ich mir meine Arbeit sicher nicht vorgestellt! Aber ein bisschen mehr persönliches Profil ist wohl dringend nötig. Wir waren viel zu lange neutral und farblos. Sie müssen schon ziemlich lange in unserer Geschichte zurückgehen, bis Sie einen Außenminister finden, der wirklich Außenpolitik betrieben hat. Die letzten hundert Jahre war das Feld den kaiserlichen Legaten reserviert und die hatten meist die Order, sich strikt neutral zu verhalten und alles offen zu halten. Das hat uns einige fragwürdige Verbündete eingebracht und eine sehr schwer auszutarierende disparate Bündnisposition.

Anastratin.de: Wie meinen Sie das?

Djessa Zeltis: Nun ja, laden Sie einmal alle Bündnispartner Nitramiens ein zu einer gemeinsamen Konferenz. Davon werden 70% nicht auf die Anfragen reagieren und von den restlichen 30% höchstens 15% erscheinen – und diese 15% würden dann munter übereinander herfallen und sich gegenseitig sabotieren. DAS ist nun nicht gerade das, was man unter stabilen Bündnisverhältnissen versteht.

Anastratin.de: Inwiefern besteht denn überhaupt eine Chance, dass sich das bessert?

Djessa Zeltis: Dass Kaiser Jitro von dem strikten Neutralitätskurs seines Vorgängers abgerückt ist, ist sicher schon mal eine Hilfe. Politiker dürfen nun wieder Standpunkte vertreten und eine ernsthafte Diskussion über mögliche politische Wege ist wieder möglich. Das können auch Irrwege sein, aber wenn Sie sich immer stoisch zurückhalten sind Sie selber sicher auch kein erstrebenswerter Bündnispartner. Allerdings erwarte ich durch die neue Politik erst einmal mehr Konflikte – erst im Laufe der Zeit wird sich herauskristallisieren, welche neuen Bündnisse tragfähig sind.

Anastratin.de: Halten Sie die alten Bündnisse denn nicht für tragfähig?

Djessa Zeltis: Es wurde uns nie geholfen, wenn wir Hilfe angefragt haben. Das sagt schon alles aus über unsere „Bündnispartner“.

Anastratin.de: Lag das nicht auch daran, dass die Bündnispartner selbst teils mit verheerenden Problemen zu kämpfen hatten?

Djessa Zeltis: Es geht mir bei meiner Feststellung nicht um Verurteilungen, sondern lediglich um das Faktum, dass unsere Bündnisse meist nur auf dem Papier existiert haben. Ich bin Pragmatikerin. Bündnisse, die nur aus Tinte bestehen, nicht auch gelebt werden, existieren faktisch nicht. Wir brauchen handfeste Unterstützung und umgekehrt müssen wir auch handfeste Unterstützung anbieten können. Nur das zählt. Es reicht nicht, das Gute zu wollen oder zu denken, Sie müssen es auch praktisch umsetzen, und zwar richtig.

Anastratin.de: Und wie soll das Geschehen?

Djessa Zeltis: Es geschieht bereits. Wir setzen anderorts wieder individuelle Akzente, haben in der jüngeren Vergangenheit einige herausragende Erfolge erzielt. Leider nicht überall und besonders in unmittelbarer Nähe, also für unsere Bevölkerung, ist davon noch nichts zu spüren. Dass sich das ändert, dass also die Außenpolitik wieder zivil erfahrbar wird, das ist Aufgabe der Außenministerin. Kaiser Nuriels Strategie, die Außenpolitik an Militärlegaten zu übertragen, hat sie zwar unberührbar, aber auch unnahbar gemacht. Das haben weder unsere Verbündeten noch unsere Bürger honoriert. Nun soll es wieder eine Außenpolitik geben, die zwar verletzlicher, aber auch individuell und persönlich ist.

Anastratin.de: Und deshalb wählte Generalsekretärin Lysandra Prado die Führerin der Dunkelelben zur Außenministerin aus?

Djessa Zeltis: Ich weiß nicht, ob es Lysandra Prado primär darum ging, eine Dunkelelbenfürstin zur Außenministerin zu machen. Immerhin wirft das ja auch innenpolitisch einige Fragen auf. Vorteil von uns Dunkelelben ist allerdings, dass wir etwas deutlicher unsere eigenen Standpunkte klar machen. Wir mögen manchmal etwas zu direkt sein, aber dafür sind wir authentisch. Und Authenzität ist das, was manchmal in der Diplomatie der vergangenen hundert Jahre gefehlt hat. Die Außenpolitik mag logisch, vernünftig und moralisch zu hundertzwanzig Prozent korrekt gewesen sein, aber sie war nicht wirklich von dieser Welt. Wir Dunkelelben verstecken uns nicht hinter Idealen, Platitüden oder Ironie, wir sind aufrecht und authentisch. Außerdem schadet meine 16jährige Erfahrung als Generalsekretärin sicher auch nicht bei meiner neuen Aufgabe. Im Gegenteil, die meisten Leute wissen, womit sie es bei mir zu tun haben.

Anastratin.de: Pragmatismus scheint Ihnen sehr wichtig zu sein. Haben Sie denn ein pragmatisches Ziel für die nächsten Monate?

Djessa Zeltis: Ich habe sogar mehrere Ziele. Erst einmal hätte ich gerne endlich wieder einmal ein paar real wirksame Handelsbeziehungen, zweitens ist es dringend an der Zeit, endlich mal wieder belastbare Bündnisbeziehungen zu haben. Beides werden wir benötigen, um die Herausforderungen der mittelfristigen Zukunft zu bewältigen. Wir haben lange genug im Notstandsmodus gelebt – die Bevölkerung verdient nun endlich einmal wieder zivile Zustände. Vielleicht wird dazu auch manche Auseinandersetzung nötig sein, schließlich haben wir lange genug den faulen Frieden verloren, aber langfristig strebe ich eine Zivilgesellschaft an, in der Notstandsverordnungen nicht mehr benötigt werden.

Anastratin.de: Da haben Sie sich viel vorgenommen. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg dabei.

Djessa Zeltis: Vielen Dank, ich werde tun, was ich kann.

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Nils Kawomba, ehemals Chefredakteur der NNZ (Neue Nitramische Zeitung), ist unser nitramischer Korrespondent in Ventadorn (Ninda).