„Wir tun, was wir können“

Ballsaal in der Curia von Ventadorn (Grafik: Martin Dühning)
Ballsaal in der Curia von Ventadorn (Grafik: Martin Dühning)

Una Niva ist die Präsidentin und Oberbürgermeisterin der Metropole Ventadorn. Neben all ihren Verpflichtungen hat sie die Zeit gefunden, ein Interview mit Anastratin.de zu führen.

Anastratin.de: Frau Niva, Sie haben zur Zeit viel zu tun – die Meridian-Netze sind zusammengebrochen, in Ninda kriselt es wieder und Ventadorn ist der Dreh- und Angelpunkt Nitramiens in diesem Sektor. Wenn überhaupt, können die Krisen nur von dort gelöst werden.

Una Niva: Guten Tag erstmal. Ventadorn, da haben Sie schon recht, ist eine internationale Drehscheibe, wenn es überhaupt noch internationale Städte in Nitramien gibt, dann ist Ventadorn eine davon. Aber zum Glück laufen die meisten der Krisen über andere Schreibtische, ich bin nur Kommunalpolitikerin und muss Flotten wie Krisenstäbe nicht selbst leiten. Meine Aufgabe ist es lediglich, die Stadt zu regieren und am Laufen zu halten. Das ist dieser Tage schon schwer genug.

Anastratin.de: Wie erfolgreich ist die Stadt denn inzwischen? Ihre Vorvorgängerin hinterließ ja eher einen Scherbenhaufen.

Wappenschild ("Coat of Arms") der Metropolis Ventadorn (Grafik: Martin Dühning)
Wappenschild („Coat of Arms“) der Metropolis Ventadorn (Grafik: Martin Dühning)

Una Niva: Die Sache mit Drakanou war definitiv nicht nett und das hatte auch keinen politischen Stil, wie der damalige Stadtrat aus taktischem Klüngel mit ihr umgesprungen ist. Aber die Wähler haben das ja auch abgestraft. Nitramische Wähler mögen keine Machtspielchen, keine Vetternwirtschaft und erst recht vergessen Nitramier nichts. Vermutlich wird keiner der alten Parteikader je wieder eine Chance haben, gewählt zu werden. Inhaltlich hatte Drakanou in vielem Recht, nur durchsetzen konnte sie so nichts.

Anastratin.de: Wie ergeht es Ihnen denn als Präsidentin? Vermutlich sind sie noch viel ökologischer als Drakanou es war: Sie haben bewusst keinen Führerschein, kein Auto, vermeiden unnötige Reisen und bewohnen ein energieneutrales Selbstversorgerhaus. Ist das die Zukunft?

Una Niva: Ich lebe nur wie viele Nitramier gerne leben würden. Nachhaltigkeit und Ökologie sind für uns sehr wichtig. Aber nicht alle können sich das leisten. Man mosert in Nitramien ja gerne über fremde Städtebauer, aber auch die Stadtplaner von Ventadorn haben Fehler gemacht – insbesondere haben sie den Frachtverkehr völlig unterschätzt und die Müllentsorgung. Das sind immer die Engpässe, woran es in Ventadorn scheitert. Das macht Ventadorn auch abhängig – und deshalb sind wir auch zurecht keine „Hohe Republik“ mehr. Ventadorn ist so nicht von sich aus lebensfähig. Es ist zu dicht besiedelt und hat zu wenig Ressourcen, um nachhaltig zu sein.

Anastratin.de: Die Stadt macht seit zwei Wochen einen ungewohnt sauberen Eindruck, offenbar hat die Störung der Meridian-Netze nicht zum Kollaps geführt, alles scheint besser zu funktionieren als zuvor.

Una Niva: Wir tun, was wir können. Tatsächlich hat Ventadorn von der Krise sogar profitiert – um die Störungen zu beheben erhielten wir kaiserliche Unterstützung, ohne die 12. Flotte und zusätzliche Truppen der Nationalgarde wäre es kaum möglich gewesen, die öffentlichen Strukturen so schnell wieder instand zu setzen. Vom vielgelobten Meridian-VII-Netz hatten wir bislang aber nichts, Ingenieure der 12. Flotte haben lediglich das 6er-Netz wieder notdürftig instand gesetzt. Außerdem gilt immer noch der Notstand – deshalb gibt es keine Staus mehr, weil kaum noch Verkehr ist.

Anastratin.de: Was halten Sie denn vom neuen Meridian-VII-Netz?

Una Niva: Ich sehe nur, dass diese teuren neuen Computer bislang nicht funktionieren. Insofern bin ich sehr dankbar dafür, dass es noch die 12. Flotte gibt und wir vorübergehend deren Infrastruktur nutzen dürfen.

Anastratin.de: Altdunien befindet sich derzeit in einer schweren Krise, was kann Ventadorn da tun?

Una Niva: Wir senden Techniker, Ärzte und Seelsorger in die Nidlande. Aber wir sind mit dem dortigen medizinischen Notstand überfordert. Dass Kaiser Jitro nun seinen Legaten des Nordens schickt, zeigt wie ernst die Lage ist. Dass er seine anderen Legaten aus Ninda abzieht, ist ein weiterer Grund zur Sorge. Aber Nitramien hat hier kaum noch etwas entgegenzusetzen. Wir stehen auf verlorenem Posten. Als uns die Salomenen das Bündnis gekündigt haben, fiel die letzte Macht weg, die das Blatt noch hätte wenden können. Immerhin haben wir noch ein paar medizinische Notfalltrupps, aber Sie bräuchten eine Armee von Ärzten oder Wunderheiler, wenn Sie Altdunien noch helfen wollen. Und diese Leute wollen auch nicht wirklich eine positive Veränderung. Sie ziehen so dunkle Energien geradezu an.

Anastratin.de: Dunkle Energien? Glauben Sie auch an den Fluch von Ninda?

Una Niva: Dass zuviel schief geht zur Zeit ist eine Tatsache. Für mich ist es definitiv ein Fluch in den Köpfen. Dunkle Gedanken führen dazu, dass sich auch das Leben verdunkelt. Und Dunkles gibt es viel in den Nidlanden.

Anastratin.de: Sie scheinen kein Freund von Altdunien zu sein. Im Föderalen Rat haben Sie eine unerwartet vehemente Rede dagegen gehalten, dass sich die Nitramier bei der Meridian-Krise von Altdunien helfen lassen.

Una Niva: Altdunien paktiert mit den verfeindeten Brynn, beide leben gegensätzliche Standpunkte zu unseren ethischen Grundsätzen. Sie sind dreist, opportunistisch, gierig und Nihilisten. Sie achten nicht ihre eigenen und anderer Leute Grenzen. Die Altdunier sind zudem fremdenfeindlich und rassistisch. In keinem Falle darf man sich von solchen Leuten abhängig machen. Ich möchte keine dieser Fremdmächte in meiner Heimatstadt haben. Es ist eine Sache, wenn wir den Altduniern aus moralischen Gründen helfen, aber das sind keine echten Freunde, jegliche Schulden kämen uns letztlich teuer zu stehen. Außerdem bin ich der Ansicht, dass technische Probleme nichts sind, was Nitramien nicht auch selbst lösen kann. Wenn wir eines können, dann Kultur und Technik. Einst war Ventadorn der Sitz des Lordmarshalls, dem technischen Administrator des ganzen Kibur-Gate-Sektors – und dessen Knowhow haben wir hier immer noch.

Anastratin.de: Die angeforderten Hilfeleistungen wären eher finanzieller Art gewesen. Und Geld hat doch zumindest Ventadorn gerade nicht, oder?

Una Niva: Ventadorn war immer auf Beihilfeleistungen angewiesen. Ventadorn hat selbst kaum Industrie, wir sind nur eine Wohn- und Verwaltungsmetropole und ja, die öffentlichen Kassen sind leer. Aber das Geld muss meines Erachtens aus der Neu-Nitramischen Konföderation kommen – und nur von dort. Und dorthin und zu unseren Verbündeten fließen dann auch unsere Dienstleistungen.

Anastratin.de: Mit etwas mehr Finanzmitteln könnten Sie aber doch die Stadt Ventadorn kulturell aufblühen lassen, wäre das nichts?

Una Niva: Ventadorn hat die mit Abstand größten Bibliotheken der Neu-Nitramischen Konföderation, eine renomierte Universität, die Stadt besitzt 30 Theater und Konzertsäle, ein nitramisches Archiv, eine Kathedrale und fünf Nebenkirchen, eine Synagoge und ein Orakel – sowie unzählige Museen und Parks. Die Stadt hat den einzigen teilautonomen Solarreaktor des Planeten und zwei voneinander unabhängige Mobilfunknetze. Was wollen Sie noch mehr? Ich finde sogar, wir haben viel zuviel. Teile unserer Güter müssen wir derzeit deshalb im Protektorat Fearne und im Königreich Kournia auslagern. Und wenn wir Geld brauchen, dann wäre es eigentlich Sache des Föderalen Rates, uns mehr Gelder bereitzustellen. Und diese Mittel sollten dann eben nicht an ausländische Bürgschaften geknüpft sein. Die Konföderation hat zur Zeit höhere Einnahmen als jemals zuvor in der Geschichte Nitramiens. Nur kommt nichts davon bei uns an.

Anastratin.de: Warum gibt der Föderale Rat Ventadorn dann nicht mehr Geld?

Una Niva: Der Umbau der 12. Flotte hat Unsummen gekostet, auch die Meridian-VII-Systeme. Außerdem glaubt der Föderale Rat nicht mehr daran, dass die nitramischen Kolonien auf Ninda noch eine Zukunft haben. Er will nicht weiter Steuergelder vergraben auf einem geborgten Planeten. Deshalb sind wir hier in Ninda auf uns gestellt – wir, Ventadorn, Südninda, Azurea, Fearne und das Königreich Kournia, müssen mit dem auskommen, was wir hier haben. Und wir müssen uns gegenseitig beistehen.

Anastratin.de: Derzeit schuldet Ventadorn der Nachbarprovinz Südninda noch eine hohe Summe Geld. Wie wollen Sie das begleichen?

Una Niva: Wir haben, das war eine meiner ersten Amtshandlungen, mit den Vereinigten Provinzen von Südninda bereits die Rückzahlungsmodalitäten vereinbart. Unter anderem auch mit Landrückkäufen. So erhält Südninda beispielsweise die Insel Mondia – das war Vizekönigin Luisa Amiratu sehr wichtig – und einige andere Inseln im Epistraat, außerdem darf Südninda für einige Projekte unsere industriellen Fertigungsanlagen in Winterfeste benutzen und den Rest zahlen wir wie gewünscht in intergalaktischen Credits zurück, sobald wir das Geld wieder haben.

Anastratin.de: Bislang hatten Sie als föderale Kulturministerin eher mit Kunst und Wissenschaften zu tun. Ist es da nicht schnöde, sich mit Geld- und urbanen Strukturproblemen herumschlagen zu müssen?

Una Niva: Kultur existiert in Nitramien nicht in einem Elfenbeinturm, ich hatte als Kulturministerin immer auch mit Verwaltung und Finanzen zu tun. Außerdem war ich einige Jahre zuvor schon in der Stadtverwaltung Ventadorns tätig, bevor ich Kulturministerin wurde. Da ich nicht gerne sehr viel herumreise, ist mein aktuelles Amt da sogar etwas angenehmer. Allerdings habe ich derzeit kaum Freizeit, zu wenig Zeit für Kunst. Das ist schon schade. Dass mein Vater, Legat Christopher Albin, demnächst wie schon vorher mein Patenonkel Ninda verlässt, finde ich auch sehr schade. Nun bleiben mir noch meine Freunde.

Anastratin.de: Haben Sie noch das Klavier, dass Ihnen die Regierung von Emolas einst geschenkt hat?

Una Niva: Natürlich. Das war ein wundervolles Geschenk, das ich sehr in Ehren halte, wie auch meine Emolas-Drachin Tifa, die man mir damals aus Deersborough geschickt hat. Tifa ist inzwischen Mama geworden, seither besitze ich drei Emolas-Drachen. Glücklicherweise sind sie alle drei Drachen ziemlich zahm und vernünftig und meine Freundin Kara Delica und ihre Tochter Ciel passen auf sie auf, wenn ich arbeiten muss. Wenn die Zeiten besser wären, würden wir auch ihre Drachen herholen. Aber es ist hier nicht mehr sicher.

Anastratin.de: Der Kaiser zieht seine Legaten aus Ninda ab. Das wird als deutliches Warnsignal angesehen. Wie sehen Sie die Zukunft Ventadorns?

Una Niva: Die Zukunft ist immer ungewiss. Ich weiß nicht, hoffen wir das Beste. Hoffnung gibt es eigentlich immer, Hoffnung gibt es, so lange es Leben gibt.

Anastratin.de: Frau Präsidentin, wir danken für das Gespräch.

Una Niva: Bitteschön.

Das Interview führte Nils Kawomba.

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Nils Kawomba, ehemals Chefredakteur der NNZ (Neue Nitramische Zeitung), ist unser nitramischer Korrespondent in Ventadorn (Ninda).