„Wir sind in unserer Zeit für das verantwortlich, was wir tun oder lassen“

Wappenschild ("Coat of Arms") der Metropolis Ventadorn (Grafik: Martin Dühning)
Wappenschild ("Coat of Arms") der Metropolis Ventadorn (Grafik: Martin Dühning)

Am 17. Juni 518 a. C. werden in Ventadorn Bürgermeisterwahlen stattfinden. Die bisherige Amtsinhaberin, Una Niva, gibt ihr Mandat nach drei Amtsperioden ab. Anastratin.de hat die scheidende Oberbürgermeisterin noch einmal interviewt.

Anastratin.de: Guten Tag, Frau Oberbürgermeisterin, noch einmal. Ihr Mandat endet in einigen Wochen und eine Ära mit ihm. Wie fühlt es sich an, bald Oberbürgermeisterin und Präsidentin gewesen zu sein?

Una Niva: Guten Tag, Herr Kawomba. Ich bin einerseits ein wenig wehmütig, andererseits aber doch erleichtert. Abgesehen davon hat sich meine Meinung seit unserem letzten Interview nicht geändert. Mein Ausscheiden aus dem Amt ist gesetzlich vorgeschrieben nach den drei Amtsperioden, aber ich gehe auch gerne. Man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist. Voraussichtlich werde ich mich wohl nicht schämen müssen, wenn ich in künftigen Geschichtsbüchern über mich lese. Ventadorn ist in meiner Zeit als Bürgermeisterin zwar kein Sommerelfentraumland geworden, aber einige Jahrhundertprojekte konnten erfolgreich abgeschlossen werden. Zugegeben, oft hatte ich nur das Glück, zur rechten Zeit regiert zu haben, beispielsweise bei den neuen Kommunikationsnetzen, die nun endlich das sind, was sich mein Vorvorgänger jahrzehntelang erträumt hatte. Auch die Verkehrs- und Umweltprobleme haben wir weitgehend gelöst. Die Geschäftskosten konnten wir durch das alles um 40% senken – ohne irgendwelche unzumutbaren Stellenstreichungen. Und die größten globalen Katastrophen unserer Umwelt sind nun hoffentlich auch vorbei, wenn manches Ende auch desaströs war. Ventadorn blieb vom Schlimmsten verschont. Die Stadt ist derzeit wieder ein kleiner Stern.

Anastratin.de: Sie sprachen die großen Katastrophen auf Ninda an. Würden Sie aus heutiger Sicht als Bürgermeisterin etwas anders machen, wenn Sie die Chance hätten, die Vergangenheit zu ändern?

Una Niva: Nein! – ich hoffe, das kommt nicht gar verstockt rüber, aber ich denke, selbst die Niederlagen, die wir einstecken mussten, hatten ihren Sinn. Ich persönlich habe mich stets bemüht, im Einklang mit dem zu handeln, was mir am Herzen lag. Vielleicht war mein Herz manchmal nicht kräftig genug, um das große, böse Schicksal zu wenden, aber WIE mein kleines Herz schlug, das möchte ich nicht verpfuschen. Das wichtigste, auf was man im Leben Acht geben soll, das ist Aufrichtigkeit und dass man mit Verstand seinem Herzen folgt. Alles andere ist Gottes Fügung. Wir sind in unserer Zeit für das verantwortlich, was wir tun oder lassen, und wir müssen das wirklich aufrichtig tun, uns mit ganzer Kraft bemühen. Ob wir damit im Endeffekt große Erfolge erzielen, ist da vielleicht gar nicht so wichtig. Manche Dinge sollen vielleicht auch nicht sein. Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und dabei Schaden an seiner Seele nimmt?

Anastratin.de: Ist es das, was Sie Ihrem Nachfolger als Rat für die Zukunft mitgeben wollen?

Una Niva: Ich denke, es wäre ein guter Rat, besser als irgendwelche Glück- oder Wohlstandswünsche. Wir sollten das Wesentliche achten und erhalten. Aber vielleicht würde ich meinem Nachfolger noch Geduld wünschen. Ich finde, in verantwortlichen Ämtern ist auch das wichtig. Man muss die Dinge langfristig und mit Ausdauer angehen, sonst wächst und gedeiht nichts. Viele mächtige Männer sind heute zu ungeduldig, und Frauen übrigens auch.

Anastratin.de: Haben Sie schon Pläne für die Zeit nach Ihrem Amt als Bürgermeisterin?

Una Niva: (lacht) Ha, neue Angebote habe ich ja schon gekriegt. Aber erst mal möchte ich ein Sabbatjahr machen und die vielen Freunde und Bekannten besuchen, welche in den letzten Jahren zu kurz kamen. Und – auch wenn Sie das jetzt ein wenig seltsam finden – ich möchte einfach auch mal Ferien machen. Mir ist es eigentlich ziemlich wichtig, mal zur Ruhe zu kommen, die Gedanken zu ordnen oder zu träumen. Das kommt im Politikalltag oft zu kurz. Dabei entsteht aus Träumen doch die Zukunft.

Anastratin.de: Nehmen Sie aus Ihrer Zeit als Präsidentin und Oberbürgermeisterin auch etwas mit?

Una Niva: Oh ja, ich kann jetzt bestimmt viel besser Reden halten als zuvor. Außerdem, und das ist wirklich ein Schatz, habe ich durch meine Arbeit eine Menge Beziehungen geknüpft zu so vielen Persönlichkeiten, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Nicht alle davon waren angenehme Zeitgenossen, aber bereichert haben sie mich letztlich alle! Es waren so viele Erfahrungen, das bedeutet mir wirklich sehr viel.

Anastratin.de: Wohin, glauben Sie, wird sich Ventadorn weiter entwickeln?

Una Niva: Entschuldigen Sie, wenn das jetzt defitistisch klingt, Ventadorn wird, denke ich, nicht mehr weiter expandieren. Es hat den Raum und die Größe erreicht, die es sinnvoll erreichen kann. Aber es kann innerlich noch qualitativer werden. Ich weiß nicht, ob das geht, ohne vorhandene Bausubstanz einzureißen, aber eine innere Erneuerung wäre vielleicht das, was die Metropole braucht. Bislang mussten wir notgedrungen immer auf Effizienz achten, geradezu taktisch planen, da blieb die Ästhetik und auch die Seele des Ortes oft auf der Strecke. Wenn es der Neu-Nitramischen Konföderation mal besser geht, sollte man vielleicht hier ansetzen und die Stadt lebenswerter und spiritueller gestalten. Wir haben einige Grünflächen, aber eigentlich ginge es noch schöner. Es fehlt an Orten der Ruhe und der Kraft. Dazu bräuchten Sie aber deutlich mehr Ressourcen, als die Konföderation gerade übrig hat. Der Bilongi-Plan zieht derzeit auch bei uns alle Einnahmen in Richtung Militär ab. Das ist unter den gegebenen Umständen durchaus sinnvoll, aber nicht unbedingt wünschenswert, wenn Sie kommunal und zivil denken. Die Öffentliche Hand auch in Nitramien hat derzeit zu wenig Geld und mit Steuern kriegen wir das nicht rein bei der Gesamtwirtschaftslage. Ich halte es allerdings nicht für unmöglich, als engagierter Politiker mit neuen Ideen trotzdem eine neue Kultur- und Landschaftsblüte in unserer Stadt einzuleiten. Konzepte sieht man ja einige, wie man den Wahlkampagnen entnehmen kann. Ich bin wirklich sehr gespannt, wer das Rennen machen wird.

Anastratin.de: Haben Sie einen persönlichen Favoriten für Ihre Nachfolge als Oberbürgermeisterin und Präsidentin?

Una Niva: Momentan schaue ich mir alles sehr interessiert an, wen ich selbst dann wählen werde, ist Wahlgeheimnis. Ich gebe den Bürgern keine Wahlempfehlung, außer, dass sie ihrem Verstand und ihrem Herzen folgen sollen. Jeder Bürgermeister ist auch nur so gut wie die Gemeinschaft, aus der er gewählt wurde. Politik ist in einer Demokratie eine Sache von Solidarität und Gemeinwohl, gegenseitigem Zuhören und Gehörtwerden.

Anastratin.de: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Nils Kawomba.

Über Nils Kawomba 75 Artikel
Nils Kawomba, ehemals Chefredakteur der NNZ (Neue Nitramische Zeitung), ist unser nitramischer Korrespondent in Ventadorn (Ninda).