Veronika de Claes zur Generalsekretärin ernannt

Veronika de Claes von Nian (Grafik: Martin Dühning)
Veronika de Claes von Nian (Grafik: Martin Dühning)

Nach dem krankheitsbedingten Ausscheiden von Lysandra Prado hat der Kaiser des nitramischen Volkes Veronika de Claes von Nian zur neuen Generalsekretärin ernannt.

Die große Seuche hält die nitramische Konföderation weiterhin in Atem, auch Generalsekretärin Lysandra Prado trat gesundheitsbedingt von ihrem Amt zurück. Daraufhin ernannte der Kaiser des nitramischen Volkes kurzerhand die amtierende föderale Gesundheitsministerin, die Andrasko-Perillianerin Veronika de Claes zur neuen Generalsekretärin der Neu-Nitramischen Konföderation. Anastratin.de hat sie nach ihrem Amtsantritt interviewt:

Anastratin.de: Guten Tag Frau de Claes, Sie sind seit heute Generalsekretärin – hatten Sie damit gerechnet?

de Claes: Es war kein wundersamer Zufall, gerechnet hatte ich damit und natürlich hatten mich Lysandra Prado und Kaiser Jitro dazu auch zuvor befragt, wenngleich die Art und Weise, wie ich ins Amt komme, von der Gesamtsituation her eher unerfreulich ist. Epidemien sind in der Regel unerfreulich…

Anastratin.de: Wie schätzen Sie die aktuelle Lage in der Neu-Nitramischen Konföderation ein?

de Claes: Man sollte es nicht unterschätzen, aber wir tun erfolgreich, was wir können.

Anastratin.de: Die internationale Presse hatte die Seuche bereits abgeschrieben.

de Claes: Die internationale Presse nährt sich von Katastrophen und ist selbst eine Katastrophe. Ihr liegt keine Wahrhaftigkeit mehr zu Grunde, sondern Gefall- und Sensationslust. Berichtet wird nicht nach Notwendigkeit, sondern um Aufmerksamkeit und damit Profite zu fokussieren und teils auch, um opportune Ideologien zu propagieren. Insofern werden Sie dort keine tiefgründigen Wahrheiten finden, nur eifrig kopierte Schlagzeilen. Aber vermutlich sind Sie nicht gekommen, um meine Meinung zur ausländischen Presse zu hören.

Anastratin.de: Gibt es für Ihre barschen Worte Gründe? Sie wirken sehr zornig.

de Claes: Man kann nur sehr zornig sein, wenn man die Gesundheitsministerin ist, die nun die Folgen einer ignoranten intergalaktischen Politik auszutragen hat, deren Agenda sich bloß aus Meinungsumfragen konstruiert, statt auf empirischen Fakten zu gründen. Diese zu veröffentlichen wäre eigentlich Aufgabe der Presse und daraus vernünftige Schlüsse zu ziehen die der Politik, unabhängig davon, wie populär man dabei wird. Wir haben in unserem Gesundheitswesen wirklich viele teure und langjährige Vorsorge getroffen, die nun dadurch torpediert wird, dass man anderorts die Wahrheit leugnet, weil man damit keine Stimmen mehr gewinnen kann. Immerhin hat Juniper Stratian, der Legat des Nordens, wohlweislich Vorsorge getroffen, damit das schlimmste hier hoffentlich nicht mehr eintritt. Wir können nur hoffen.

Anastratin.de: Als Gesundheitsministerin gelten Sie als Hardlinerin und vertreten auch sonst recht eindeutige Haltungen. Fühlen Sie sich durch Ihre Ernennung zur Generalsekretärin in ihren politischen Positionen bestätigt?

de Claes: Wenn Sie als Gesundheitsministerin probate Ergebnisse erzielen wollen, müssen Sie auch eindeutig in Ihren Vorhaben sein. Mit einer oberflächlichen Symbolpolitik retten Sie keine Leben, sondern verschwenden allenfalls Steuergelder. Als Generalsekretärin gedenke ich nicht meinen Charakter zu verbiegen, wohl aber wird es notwendig sein, teilweise kompromissvoller aufzutreten. Der höchste Wert ist allerdings immer das Leben und da gibt es auch keine Kompromisse. Was meine Ernennung angeht – ich vertrete Lysandra Prado für eine Amtsperiode und es scheint recht praktisch, während einer Epidemie die Gesundheitsministerin zur Staatschefin zu machen. Darin sehe ich keine explizite politische Richtungsentscheidung des Kaisers meinerseits. Ich weiß auch, dass die Mehrheit des nitramischen Volkes meine konfessionellen Einstellungen nicht teilt und werde mich diesbezüglich entsprechend zurückhalten. Eine Theokratie müssen Sie mit mir nicht befürchten.

Anastratin.de: Sie sind nach Aldous Merinal die erste Perillianerin seit vielen Jahrhunderten, die das höchste Staatsamt innehat, viele meinen, das läge daran, weil Perillianer viel kurzlebiger sind als Andraskaner, Jolandinelben oder Tyrillianer und dadurch weniger Akzente setzen können. Sehen Sie das als Herausforderung?

de Claes: Ich habe vor, mein Amt nach bestem Gewissen zu führen – es geht mir nicht um Einträge in irgendwelche Geschichtsbücher. Wichtiger als Ruhm ist Mitmenschlichkeit. Eine gute Lebensführung zeichnet sich weniger durch die Dauer, als durch ihre Tiefe und Wahrhaftigkeit aus. Wie lange Ihr Leben ist, spielt für die Mitmenschlichkeit keine Rolle. Sehr wohl aber ist wichtig, was Sie mit der Zeit, die Ihnen geschenkt ist, anfangen. Ewigkeit ist keine physikalische Größe, sondern eine spirituelle.

Anastratin.de: Was sehen Sie als größte Herausforderung der Gegenwart – neben den akuten Problemen der Tagespolitik, die Sie ins Amt gebracht haben?

de Claes: In Gesprächen habe ich immer wieder erlebt, dass es vielen Leuten in ihrem Alltag nicht wirklich gut geht, obwohl sie augenscheinlich keinen Mangel leiden. Es gibt eine nicht geringe Anzahl von Politikern, die setzen Gemeinwohl kurzerhand mit Wohlstand gleich. Wohlstand ist sicher ein wichtiger Teilbereich des Allgemeinwohls, aber es schöpft diesen höheren Wert nicht ganz aus. Wenn Sie nur auf die Ökonomie achten, dann kommt die Seele zu kurz und wenn die Seele zu kurz kommt, dann krankt der Mensch. Eine Politik, die das Gemeinwohl im Auge behält, muss weiter sehen und denken können als bis zur Grenze ökonomischer Kursschwankungen. Gehen Sie bitte davon aus, dass die nitramische Regierung unter meiner Führung daher nicht bloß auf ökonomische Vorteile achtet. Langfristig möchte ich das Gemeinwohl ganzheitlich verbessern.

Anastratin.de: Das klingt ein wenig esoterisch…

de Claes: Tut es das? Das war nicht meine Absicht. Aber Sie haben Recht: Man kann sich ja alles mögliche wünschen und erhoffen, es kann aber nicht schaden, dabei ein wenig realistisch zu bleiben. Das erspart Enttäuschungen. Wir gehen nicht davon aus, dass wir Güter und Pfründe erhalten, für die wir nicht gekämpft haben und selbst wenn wir kämpfen, ist nicht gesagt, dass wir jede Schlacht gewinnen, da man uns das, was uns zusteht, selten ohne Kampf überlässt. Das ist überaus bedauerlich, aber leider eine Grundkonstante der nitramischen Geschichte. Die Welt wäre eine bessere, wenn es anders wäre, aber Sollen und Sein sind selten einfach so im Einklang. Die nitramische Regierung ist sich dessen wohlbewusst und daher haben wir mehr als nur einen Strategen. Die wahren Siege sind übrigens diplomatischer Art, denn nur in der Diplomatie kann Moral gedeihen. Alles andere ist ein ruchloser Machtkampf.

Anastratin.de: Und das heißt konkret?

de Claes: Konkret heißt das, dass wir die großen Projekte der Gegenwart nun der Reihe nach zum Abschluss bringen und dann versuchen, die Gesamtsituation zu konsolidieren – zur Abwechslung auch mal im Sinne der Bedürfnisse unseres Volkes. Wenn wir alles erreichen, was wir gerade vorhaben, dann ist das viel. Viel mehr geht nicht. Und man sollte keine Kriege beginnen, wenn selbst der Sieg in den Untergang führt. So seltsam es klingt, manchmal kann es auch Rettung sein, zu verlieren. Denn nicht jeder Gewinn ist ein Sieg und nicht jeder Verlust ist eine Niederlage – zumindest aus dem Blickwinkel der Moral. Es stimmt todtraurig, dass wir den Vernichtern in der Geschichte größere Denkmäler setzen als den Bewahrern. Ich führe das darauf zurück, dass die Menschen lieber Lügenmärchen angeblicher Helden glauben als der betrüblichen Wahrheit, dass Blut an jedem Tyrannen klebt, welches sich selbst mit Tonnen von Gold nicht übertünchen lässt.

Anastratin.de: Daraus spricht der berühmte perillianische Pazifismus…

de Claes: Pazifismus ist nichts Schlechtes, wenn Sie Leben retten wollen. Und wer Pazifismus nur in Friedenszeiten einen Platz gibt, der hat nicht verstanden, was Pazifismus überhaupt bedeutet…

Anastratin.de: Viele große Projekte wurden an Nitramien von außen angetragen – Kritiker meinen, dass gerade die Außenpolitik eher reagiert als agiert. Wäre es nicht besser, von vornherein direktiver zu werden? Hinter vorgehaltener Hand meinen viele Provinzpolitiker und auch einige verbündete Mächte, dass Sie dafür vielleicht die richtige Generalsekretärin zur rechten Zeit wären.

de Claes: Das ist ja sehr schmeichelhaft, aber wenig wert, wenn es hinter vorgehaltener Hand und nicht offen aufrichtig geschieht. Wir Nitramier sind seit jeher sehr bemüht und daran interessiert, unseren Verbündeten zu helfen, zumindest all solchen, die diesen Namen auch verdienen. Und wir denken, dass wir mit unserer Unterstützung sehr erfolgreich waren und sind. Sowohl bei unserer Hilfe als auch deren Unterlassung können Sie aber davon ausgehen, dass diese mit Absicht erfolgt. Wir helfen niemandem zufällig, sondern dann, wenn wir das für angebracht halten. Und angebracht erscheint es uns, wenn es ethisch statthaft ist. Das ist eine bleibende Konstante – ansonsten denke ich, täte es dem nitramischen Volk gut, mal mehr auf sich selbst zu achten, als den Retter der Welt zu spielen. Das kann bei unseren beschränkten Ressourcen nur schiefgehen.

Anastratin.de: Schwebt Ihnen also ein Rückzug Nitramiens aus der internationalen Politik vor?

de Claes: Mitnichten und im Gegenteil – ich würde mir wünschen, dass es viele neue Projekte gibt, aber mit Maß und dort, wo es dem Gemeinwohl dient – beispielsweise bei Wissenschaft, Kunst und Kultur, so, wie es auch meiner Kollegin, Kulturministerin Una Niva vorschwebt. Ich würde dem nur hinzufügen, dass man dabei vielleicht auch mehr auf die Gesundheit achten sollte. Aber vielleicht ist das auch meine persönliche Déformation professionnelle. Schaden kann das allerdings nicht, zumal nicht in diesen Zeiten.

Anastratin.de: Frau de Claes, wir danken für das Gespräch!

de Claes: Haben Sie eine gute Zeit!

(Das Gespräch führte Nils Kawomba.)

 

Über Nils Kawomba 180 Artikel
Nils Kawomba, ehemals Chefredakteur der NNZ (Neue Nitramische Zeitung), ist unser nitramischer Korrespondent in Ventadorn (Ninda).