Abschalten!

„Die beste Art, mit dem Medium Fernsehen umzugehen, ist die Betätigung des Ausschaltknopfes.“ - Erörtere, warum die These Gültigkeit besitzt!

In den achtziger Jahren gab es im ZDF eine bekannte Kinder- und Jugendsendung mit dem Titel „Löwenzahn“ – der Protagonist, Peter Lustig, Inkarnation des technikinteressierten Öko-Alternativen, erklärte Kindern darin regelmäßig Zusammenhänge aus Naturwissenschaft und Technik. Running-Gag fast jeder Episode der Serie war die Aufforderung von Peter Lustig an seine jugendlichen Zuschauer, am Ende der Sendung den Fernseher jetzt einfach mal „abzuschalten“.

Es entbehrt natürlich nicht einer gewissen Ironie, wenn man von einem Fernsehschauspieler in einer Fernsehsendung dazu aufgefordert wird, den Fernseher auszuknipsen, weil zuviel Fernsehen schade. Dennoch gibt es auch heute, dreißig Jahre später, mehr als genug Gründe, anzunehmen, dass die Betätigung des Ausschaltknopfes eine der besten Arten ist, mit dem Medium Fernsehen umzugehen. Ja, heute gibt es sogar noch mehr Gründe dafür als früher!

Schon in früheren Zeiten gab es viele kritische Stimmen gegen den Fernsehkonsum und das Medium als solches. Immer wieder ins Feld geführt wurde und wird der Umstand, dass das Fernsehen vorrangig ein Unterhaltungsmedium ist. Sicher, es mag zahlreiche Versuche gegeben haben, das Fernsehen als Bildungsinstrument zu etablieren, auch „Löwenzahn“ gehört dazu, aber solche Vorhaben bilden doch eher die Ausnahme im Tagesprogramm. Selbst hochgelobte Spartensender wie ARTE, die sich rund um die Uhr der Kultur verschrieben haben, sind eher eine Randerscheinung geblieben in den Augen der Masse der Zuschauer.

Anspruchsvolle Inhalte sind im Fernsehen eher selten anzutreffen. Das liegt weniger an den „bunten Bildern“ in der Flimmerkiste, sondern daran, wie Fernsehen als Medium funktioniert: Es ist ein Dauerprogramm, in dem es immer um Einschaltquoten geht. Das gilt besonders für werbefinanzierte Sender wie RTL, aber auch für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten (ARD, ZDF, ARTE), weil sie ihr Angebot vor den Aufsichtsgremien ebenso mit der Einschaltquote rechtfertigen müssen. Deshalb wird im Programm hauptsächlich gezeigt, was Zuschauer gewinnt. Besonders zu den besten Sendezeiten buhlt man um die Zuschauergunst, strahlt gefällige oder unterhaltsame Inhalte aus – also etwas, was eben gerade nicht echte, anspruchsvolle Kunstkritik oder philosophischen Tiefsinn erfordert. Stattdessen bekommt man eine gut konsumierbare Mischung vorgesetzt, die möglichst viele Zuschauer fesselt: Action, Drama, Comedy oder reißerisch aufbereitete Nachrichten. Das ist genau das, was die Masse der Zuschauer will. „Wir amüsieren uns zu Tode!“, klagte deshalb schon 1985 der berühmte Medienwissenschaftler Neil Postman in seinem gleichnamigen Sachbuch gegen das Fernsehen. Er ging aber noch weiter: Hohe Kultur und Bildung sind seiner Meinung nach nie wirklich durch ein solches Unterhaltungsfernsehen vermittelbar. Bildung und Kultur sind nämlich letztlich Denkarbeit, nicht nur Vergnügen. Wer sich weiterbilden will, wer tieferen Sinn oder Hintergrundinformationen sucht, ist daher mit anderen Medien wie Büchern oder Zeitschriften oder einer gründlichen Internetrecherche viel besser bedient.

Das gilt jedoch nicht nur für das klassische TV, sondern auch für neue, erweiterte Fernsehformen, wie sie die Streaminganbieter Netflix oder Amazon Prime Video darstellen – denn auch diese Dienste produzieren und streamen hauptsächlich solche Inhalte, die viele Kunden binden.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund gegen das Fernsehen: Zur besagten Kundenbindung dient nämlich auch eine Eigenart von Fernsehsendungen, die es schon im guten alten TV gab, die mit Netflix & Co aber nun erst zu voller Blüte getrieben wird: der Serienfaktor. Schließlich sollen die Zuschauer möglichst dauerhaft am Bildschirm gefesselt bleiben, sie sollen tunlichst nicht um- oder gar abschalten. Deshalb reicht es nicht, dass die Inhalte unterhaltsam sind, sie müssen quasi süchtig machen – aus diesem Grunde gibt es beim klassischen wie modernen Fernsehen oft keine abgeschlossene Handlung, es wird fast alles als Sequenz von Folgen ausgestrahlt: irgendwie geht es immer weiter, man ist nie wirklich fertig, es gibt immer noch eine nächste Episode, eine neue Staffel. Bekanntes Beispiel sind die Simpsons, die seit 1989 in bald 29 Staffeln über die Monitore flimmern, ohne zu altern oder irgendwann zu einem Abschluss zu kommen. Mit Game of Thrones (HBO), Dirk Gently (Netflix) und demnächst auch Herr der Ringe (Amazon Prime) werden auch viele Bücher als Fernsehserien umgesetzt – dabei zerdehnt man die literarischen Originale oft bis zur Unkenntlichkeit, Hauptsache, die Zuschauer sind begeistert und bleiben am Monitor. So genial das wirtschaftlich und in gewisser Weise auch in kreativer Hinsicht sein mag, so furchtbar sind die Folgen doch für die eigene Lebenszeit: Denn das Fernsehen neigt dazu, inhaltlich redundant zu sein, Geschichten und Informationen auf unnötige Weise auszudehnen. Und weil es scheinbar so kurzweilig ist, bemerkt man nicht, wie viel eigene Lebenszeit beim Fernsehschauen verloren geht. Wer sich möglichst effizient informieren will, kann das mit anderen Medien besser – soweit waren wir schon. Aber selbst Unterhaltung lässt sich dichter packen: Als spannende Novelle in Buch-, Hörspiel- oder Kinofilmform – doch besser nicht als endlose Telenovela.

Nun gibt es aber noch ein drittes, schlagendes Argument gegen das Fernsehen und für den Ausschaltknopf, eines, das früher wie heute Gültigkeit besitzt – und das zielt direkt auf die Konsumenten: Beim Fernsehen schauen sie als „Zuschauer“ – wortwörtlich – zu, aber damit hat es sich dann auch. Viel Mitwirkungsmöglichkeit bietet Fernsehschauen nicht. Beim Fernsehschauen kann man nur zugucken, nichts machen, auch Denken wäre unnütz – das Programm würde sich ja dadurch doch nicht ändern. Fernsehen macht passiv, passiver als jedes andere Medium. Deshalb schneidet das Fernsehen selbst im Vergleich zu neueren, teils umstrittenen Medien wie Computerspielen schlecht ab. Während man auch bei „Games“ sagen kann und muss, dass sie meist wenig bilden, vorrangig unterhalten und dass auch hier Inhalte meist so dargestellt sind, dass ein Suchtfaktor entsteht, der einen möglichst lange an den Bildschirm fesselt, so fordern Computerspiele doch immerhin zu einem deutlich aktiveren Konsumverhalten auf als das Medium Fernsehen: Bei einem Computerspiel, sei es ein Shooter wie „Call of Duty“, eine Openworld-Sandbox wie „Minecraft“, ein MMORPG wie „World of Warcraft“, ja selbst beim simplen Windows-Kartenspiel „Solitaire“ muss der Spieler aktiv eingreifen, eben mitspielen, dazu muss er denken und (je nach Spiel) anspruchsvolle Eingaben mit Maus, Tastatur oder Joystick durchführen – beim Fernsehen hängt der Zuschauer dagegen meist nur träge ab. Wenn man also schon gefällige Unterhaltung mit Dauerspaß haben will, dann ist man beim modernen Computerspiel deutlich besser aufgehoben als beim Fernsehen. Denn beim Computerspiel kann man aktiv teilhaben, oft sogar kreativ mitgestalten. Beim Fernsehen kann man eigentlich nur innerlich abschalten. Die bessere Alternative ist der Ausschaltknopf.

Und mal ganz ehrlich: Noch besser als ein „virtual Life“, eine bloße Lebenssimulation wie im Computerspiel oder wie im Fernsehen ist und bleibt doch das echte Leben, wenn man mal raus geht in die Wirklichkeit, Freunde trifft, Natur oder Kulturveranstaltungen besucht und sein eigenes, einzigartiges „Real-Life“ selbst ausprobiert, die kostbare, begrenzte Lebenszeit nutzt, so wie es schon Peter Lustig einst seinen jungen Fernsehzuschauern am Ende einer „Löwenzahn“-Folge geraten hat:

„Carpe diem – das heißt: Nutze den Tag. Das solltet ihr auch tun und abschalten!“

(Beispielerörterung für die 9a am HGWT (2018/2019) zum Thema: „Die beste Art, mit dem Medium Fernsehen umzugehen, ist die Betätigung des Ausschaltknopfes.“ – Erörtere, warum die These Gültigkeit besitzt!)

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Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau, arbeitet am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.