Kunst, die Schatten zu lesen

Du kannst, was Dir entgegen gebracht wird, oft besser erkennen, wenn Du Dich nicht auf die Quelle des Anscheins verlässt, sondern ihre Auswirkungen analysierst. So wirst Du nicht so leicht geblendet. So verstehst Du es.

Verstehst Du auch, was Du erblickst?

Liest Du auch die Zeichen, die Dir aufscheinen?

Denn, das musst Du doch zugeben: Nur Narren starren blindlings ins Sonnenlicht!

Den Tag aber kennt man an der Länge der Schatten und sind keine, ist Nacht oder schlechtes Wetter. Selbst aus der Färbung auf dem Plane deutet man die Jahreszeiten. Schwanken die Schatten, weht oft ein Wind, der die Objekte erfasst, Strömungen, die in Wirkzusammenhängen stehen, Ursachen und Folgen. Diese sieht ebensowenig, wer sich nur auf die Sonne verlässt, oder den Mond, oder die Straßenlaterne, die sich für beides hält.

Mach nicht den Fehler wie die Motte, die kirre Kreise um Lämplein zieht; denn das Wesen begreift das winzige Insekt nicht und dem Irrlicht wird sie zum Opfer. Unsägliche Spinnen, sie haben ja dazugelernt, weben drauge Netze mordlüstern, flechten komplexe Fallen, um die kleinen, dummen Dinger zu fangen. So wird das Lebensziel zum Köder und statt der erhofften Liebe lohnt man die Leichtfertigkeit der Falter tödlich.

Dabei hätte man die huschenden Schatten, das verdächtige Flirren der Netzwerke, doch zeitig erkennen können – und glaub mir, an den Konturen wirst Du es erkennen, was wahres Licht und was nur Trug und Eitelkeit ist. Denn das wahre Licht wirft erhabene Schatten, die ziehen, das wahre Licht ist wandelbar und selbst der Wandel.

Starr und kleinlich aber dämmert vor sich hin, was nur ein Lämplein ist, ein wirres Glühlicht seelenlos.

Über Martin Dühning 1064 Artikel
Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau, arbeitet am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.