Nichts zu lachen mehr im Leben…

Weinender Harlekin, Gemäldeausschnitt (Aquarell: Martin Dühning)

Ein Leben ohne Humor ist ein ziemlich armseliges. Dennoch schwindet das Lächeln über sich selbst aus unserer Gesellschaft, auch medial.

Dass wir verernstigen, schlimmer als im Barock, das lässt sich wohl nicht bestreiten. Wir sind zu besorgt, um uns (schlimmer Alltag!), um die Welt um uns herum (Klimawandel!) – oder wir empören uns darüber – und Grund gibt es sicher genug. Politisch wie ökologisch steuern wir auf die nächste Krise zu – und auch wirtschaftlich ginge es längst bergab, würden nicht für dieses goldene Kalb (Konsumdenken!) sowohl politische Vernunft wie auch Weltklima geopfert. Aber das ist vielleicht auch ein Grund, warum es mit dem Humor so bergab geht in der Welt, in der zunehmend Horrorclowns regieren oder allzu vernünftige Technokraten mit übersteigertem Moralismusempfinden, welches sie dann anderen aufdrängen, was diese so gar nicht komisch finden. Die Folge ist Radikalisierung.

Nun gab es auch früher schon Krisen, sehr schlimme sogar, aber es gab doch auch Menschen, die mit ihrem Humor ihre Umwelt aufhellten, erheiterten, wenn es auch oft nicht genug Grund zum Lachen gab. Stars wie Charlie Chaplin, oder auch Stan Laurel und Oliver Hardy, derer man derzeit im Kino gedenkt, waren Künstler, die aus der Absurdität und Traurigkeit der Welt doch noch ein Lächeln zaubern konnten, eines mit viel, viel Selbstironie. Manch Sketch war nicht nur urkomisch, sondern irgendwie auch wehmütig, erweckte vielleicht sogar Mitgefühl. Entschärft wurde diese dunkle Seite aber dadurch, dass die Darsteller auch viel Witz gegenüber sich selber zeigten.

Diese Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können, war das erste, was dem aktuellen Drang zur Selbstoptimierung geopfert wurde. Man lacht heute lieber vornehmlich über andere, als über sich selbst. Sich selbst ist man zu heilig dafür, was immer ein sehr sicheres Zeichen dafür ist, dass man sich selbst zu wichtig nimmt oder dass man sich selbst gar vergötzt. Gerade Fanatiker können oft nicht wirklich über sich selbst lachen und erstarren in oft brutalem, bitteren Ernst. Das sollte uns zu denken geben, wenn wir den eigenen Lebensalltag mal wieder so gar nicht lustig finden. Vieles, was heute als „komisch“ daherkommt, ist nur abartig oder in Wirklichkeit Lästerei über die vermeintlich minderbemittelten Anderen.

Demgegenüber gibt echter Humor selbst dunklen Zeiten Heiterkeit, verleiht selbst den absurdesten Situationen sogar Sinn. Ein recht gutes Beispiel dafür ist Stan & Ollies Kurzfilm „The Musicbox“ aus dem Jahre 1932 (keine leichte Zeit), die kurze Komödie wurde nicht zu Unrecht oskarprämiert, denn sie modernisiert auf geradezu geniale Weise den Mythos vom Sisyphos. Die Handlung ist schnell erzählt: Das Duo ist hier als Transportfirma unterwegs, welche eine Musicbox (ein damals ultramoderner Luxusartikel) zu einer unwegsam auf der Höhe gelegenen Villa transportieren soll. Der scheinbar einzige Weg dorthin ist eine steile, sehr schmale Treppe – und natürlich erweist sich das Vorhaben, das schwere Automatikklavier die Stiegen hinauf zu bekommen, als hintertückisches Unterfangen, das immer wieder scheitert.

Parallelen zu Albert Camus‘ Verarbeitung sind unverkennbar, obwohl das amerikanische Comikerduo sich dem Stoff wohl früher annahm als der französische Existenzialist. Im Vorwort zu einer deutschen Synchronfassung vergleicht der deutsche Komiker Theo Lingen dann auch ganz offen die beiden Werke miteinander, kann dem amerikanischen Comikerduo aber sogar noch größere philosophische Tiefe abgewinnen als dem französischen Existenzialisten: Wo bei Camus das Leben bloß absurd sei, komme bei Stan & Ollie noch die Freundschaft als sinnstiftender Wert hinzu und der Humor, sowohl als das verbindende Band als auch als Heilmittel gegen eine allzu widerwärtige Umwelt. Natürlich bricht Lingen dabei den Existenzialismus herunter auf die Stufe humanistischer, bürgerlicher Allgemeinbildung (Ciceros „De Amicitia“ lässt grüßen). Aber was er sagt, bleibt für die Ebene der Populärkultur plausibel. Obwohl literarwissenschaftlich weniger behandelt, hat man das Comikerduo – nicht ganz zu Unrecht – als „Engel unserer Zeit“ bezeichnet. Der populärwissenschaftlicher Einfluss der beiden Freunde ist tatsächlich nicht zu unterschätzen. Sie wirkten weit über ihre Lebenszeit hinaus und sind auch heute noch aktuell.

Freundschaft ist ja auch heute noch ein vielbeschworener Wert, wenn der Begriff im Zeitalter „sozialer“ Netzwerke auch durch seine inflatorische Verwendung spürbar entwertet wurde. Der Humor allerdings ist uns in den aktuellen Medien leider weitgehend verloren gegangen – und man muss schon sehr lange suchen, bis man Charakterdarsteller findet, die durch ihren selbstironischen Umgang mit der Umwelt nicht nur dämlich wirken, sondern auch sympathie- und liebevoll sind, so wie einst ein Charlie Chaplin oder Stan & Ollie. Es gibt sie durchaus noch, aber medial wurden sie eher an den Rand gedrängt.

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Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau, arbeitet am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.