Demiurg

Traumtöchterlein (Grafik und Foto: Martin Dühning)
Traumtöchterlein (Grafik und Foto: Martin Dühning)

Es mag ein wenig eigenartig klingen, aber es ist, als hätte ein böser Geist im Drehbuch meines Lebens einige sehr wichtige Personen herausgestrichen, und zwar gnadenlos rückwirkend bis hin zu ihrer Geburt, sodass sie nie existierten, sodass an markanten Stellen etwas fehlt.

Was genau, lässt sich von mir recht präzise bestimmen und beängstigenderweise ergibt vieles in meinem ansonsten fragmentierten und für Außenstehende irritierenden Lebenslauf erstaunlicherweise sehr viel mehr Sinn, wenn man sich das Fehlende einfach hinzudenkt. Dann wäre manches, woran ich im Leben gescheitert bin, plötzlich gelungen und ich hätte in entscheidenden Momenten die Unterstützung gehabt, die ich gebraucht hätte, um nicht nur Erfolg zu haben – was ich unzweifelhaft oft hatte, sehr zum Ärger mancher Zeitgenossen – ich hätte dann aber eben nicht nur Erfolg gehabt, sondern diesen auch genießen können.

Doch diese entscheidenden Details, das gewisse Etwas, das hat gefehlt. Insofern bin ich mir ziemlich sicher, dass ich nicht „in der besten aller möglichen Welten“ lebe, sondern eher in einer Nebenwelt in einem Multiversum, einer fehlgeformten Randwelt, in der es mir eben versagt bleibt, in meinem eigenen Leben die angemessene Rolle zu spielen. Das macht das Leben nicht weniger wertvoll und das Gute, dass es ja gibt und gab, nicht weniger gut, denn Moral und Ethik ist nicht auf Erfolg angewiesen, um in der jeweiligen Situation angemessen und sinnvoll zu sein. Aber das Glücklichsein und Erfüllung würden dies voraussetzen.

„Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur unpassende Kleidung“, so lautet ein Sprichwort. Das mag stimmen und wie man sich bekleidet und dem Leben begegnet, das liegt in unserer Hand. Nun ist es aber genauso eine Binsenweisheit, dass das Wetter sehr wohl eine Rolle spielt bei der Ernte und dabei, inwiefern das, was wir anbauen, Früchte trägt – oder ob es überhaupt keimt, wächst und grünt. Und wenn man beispielsweise ein Mandelbäumchen in Grönland wäre, dann wäre der Hinweis auf praktischere Kleidung ein sehr, sehr zynischer Rat. Ebenso gilt das für Menschen, denen im Leben liebenswerte, treue und halbwegs verlässliche Gegenparts gefehlt haben.

Aber vielleicht ist es ja tröstlich, dass dies eine Erfahrung ist, die sehr viele Menschen in der Geschichte geteilt haben, faustische Unerfülltheit quasi ein menschliches Grundmotiv, weshalb sich Leibniz‘ Theorie von der besten aller möglichen Welten nie wirklich als lebenstaugliche Lösung für die Theodizé-Frage geeignet hat. Aber jene Frage, die Theodizée, geht vielleicht auch schon von falschen Prämissen aus, wenn wir in einer nicht-determinierten Welt leben, einer Welt, die nicht vorab fertig konstruiert ist, sondern in einer, die auf Vielfältigkeit hin ausgelegt ist, die sich selbst aktiv ausformt. Passender wäre es insofern, die Anthropodizée-Frage zu stellen, auf die es zumindest eine Antwort gäbe, nicht im Sinne der Schuldklärung, sondern der Unglücksanalyse, siehe oben: In meinem Leben waren es oft andere Menschen, die mich auf Wege gezwungen haben, die fruchtlos bleiben, zumindest, wenn man nicht Gleiches mit Gleichem vergelten will und seine persönliche Integrität wahren. Einige dieser Menschen, so ahne ich inzwischen, haben schon vor meiner Zeit verhindert, dass meine Gegenüber geboren wurden oder in meinem Lebensumfeld eingewurzelt. Vielleicht wurden sie aber auch nur sehr früh sehr wirkungsvoll aus meiner Gegenwart vertrieben durch das selbe Grausen, was ich meiner Umwelt gegenüber sehr oft verspüre, im grauen Lauchringen.

So lebe ich allein in einer zunehmend grauer werdenden, zubetonierten und hedonistischen Welt, wo man um das Richtige weiß, es aber nicht tut, wo wichtige Begegnungen nicht stattfanden, weil das tiefsinnige und schöne Gegenüber meist fehlt, eine Welt des flauen, maßlosen Überflusses, den ich nicht ausschöpfen kann, von Reichtum, den ich nicht genießen kann und ein Leben als wissendes Mitglied einer Gesellschaft, der es an Vorausschau und Veranwortungsgefühl fehlt und einer Kirche, die so sehr mit sich selbst und ihrem Ruf gegenüber Atheisten hadert, obwohl sie in der reichsten und günstigsten aller Zeitalter noch tatkräftig wäre, dass sie sich, trotz Gottes bleibender Gegenwart, zunehmend selbst demontiert und durch nutzlose politische Streitereien spirituell verödet. Am meisten frustrierend ist, dass ich so vereinzelt nicht wirklich viel dagegen tun kann – denn es fehlt auch mir der Halt und vor allem die Kraft, weil mir selbst die Stütze fehlt.

Man könnte darüber in eine Sinn- und Glaubenskrise geraten, weil das Gute, das denkbar ist, nicht verwirklicht ist, nicht war und nicht wird. Ich bin fest überzeugt davon, dass es einen höheren Sinn gibt und mehr zwischen Himmel und Erde, als sich die Schulweisheit einbildet, denn ich habe es oft genug gefühlt und ich spüre das noch immer. Doch es ist nicht Aufgabe Gottes, der Engel oder anderer höherer Mächte, ständig nachzubessern, was die Menschen mal wieder vergeigen, weil sie ihrem Schöpfungsauftrag nicht gerecht werden oder ihn missverstehen oder mutwillig ignorieren. Und es mangelt auch nicht an Sinn und an Lebensaufgaben in dieser Welt, so unfertig, wie sie ja gehalten wird. An was es aber mangelt, dass sind Quellen der Kraft. Und ein Glauben ohne Kraft ist genauso gegenstandlos wie ein Wissen ohne Konsequenzen – denn die Erkenntnis an sich ist, anders als die Gnostiker meinten, noch überhaupt keine Lösung und manche Erkenntnisse führen auch zu nichts weiter, als dass man das Wissen darum hat. Dadurch sind sie nicht substanzlos, aber folgenlos. Das aber empfinde ich als unmoralisch.

Dieser Ungeist, der blockiert und verhindert, dieser böse Geist ist eine Kraft, die den guten Kräften sehr wirksam entgegenwirkt. Esoterisch angehaucht könnte man es als das personifizierte Böse anprangern, aber nicht als den biblischen Teufel, der ja auch eine Schöpfung Gottes und vielleicht sogar sein Chefankläger ist, sondern als Demiurgen, als einen Weltgeist, der nicht von Gott, sondern der von den Menschen erschaffen ist als ein kollektiver Ungeist, der die Schöpfung zerstört. Wenn ich diesem Demiurgen begegne in meinem Leben, oder den Lücken und Leerstellen, die er schlägt, und zwar rückwirkend bis ganz zum Anfang, dann macht mich das ratlos. Ratlos, weil ich es erkennen, oft sogar benennen, aber nicht verhindern kann – ja oft sogar bin ich völlig machtlos, weil ich ihn ebensowenig aufhalten kann wie den Wind – trotz all der findigen Mauern und Windmühlen, die ich in meinem ganzen Leben immer errichtet habe. (Was für eine architektonische Glanzleistung!)

Und dann frage ich mich wirklich manchmal, wo Gottes helfender Geist denn bleibt. Denn dieser wäre die einzige wirksame Macht in diesem Universum, die größer ist und die als Gottes Atem – trotz allem Gegenwind – erschafft und Leben gibt, statt zerstört und verhindert, wie es der Demiurg tut.

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Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau, arbeitet am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.