Gestatten, Kara Delica

Kara bei den Emolanern von Deersborough (Grafik: Martin Dühning)
Kara bei den Emolanern von Deersborough (Grafik: Martin Dühning)

Alle echten Personen existieren, jede Art von Bewusstsein besteht: in Beziehung. Und so darf man, wenn man die Lebensgeschichte von Luisa Amiratu erzählt, auch ihre Freunde nicht vergessen – allen voran ihre beste Freundin, Kara Delica.

„Gestatten, Kara Delica“, so hatte sich Kara der Provinzregierung von Deersborough damals vorgestellt.  Die kaiserliche nitramische Regierung hatte nicht schlecht darüber gestaunt, als wenige Wochen zuvor die Zwergfee Luisa Amiratu so unverhofft in Ninda aufgetaucht war. Natürlich wollte nun auch Nitramien einen passenden Botschafter ins Land der Salomenen entsenden. Bis zu jenem Tag, als Luisa Amiratu die Insel Mondia im inneren Meer von Südninda bezog, hatte niemand etwas von der Existenz von Zwergfeen gewusst – oder besser gesagt, man hatte sie nicht beachtet. Dass es auch hier welche gab, darauf stieß man erst bei der Suche nach einem geeigneten Botschafter.

Die nitramische Regierung ging die Sache natürlich ganz anders an als Luisas Arbeitgeber, nämlich sehr strategisch und mit einem typischen Perfektionismus: Man wollte nichts dem Zufall überlassen, sondern nur die allerbeste Wahl, die zudem zeigen sollte, dass man die Gegenseite verstand. Also suchte man jemand, von dem man glaubte, dass er sicher willkommen wäre. Ob die typisch nitramische Methode besser ist, sei aber dahingestellt. Selten gab es in der nitramischen Geschichte dauerhafte diplomatische Beziehungen. Immerhin unterhielt man damals, im fünften Jahrhundert, aber eine unglaublich lange Reihe von diplomatischen Vertretungen, ja es waren unzählig viele. Das benachbarte Hajoida, die damals einzige verbündete Nation, besaß gleich drei diplomatische Vertretungen und zwei inoffizielle. Mogias ehemaliger Botschafter Bastian Greenback hatte in Nitramien sogar eine Dynastie gegründet, und seine Nachfahren, die Familie Birnbaum, regierte sogar zeitweilig in der Metropolis Ventadorn. Ja, man hatte sogar Vertretungen in anderen Dimensionen, so vertrat eines gewisse Nives Snowflake die Interessen des Nitramischen Volkes in einer sagenumwobenen Welt namens Tyria, und einige andere mehr in anderen Universen. Man muss allerdings auch erwähnen, dass Nitramien selbst schon viele gute Diplomaten in fremden Ländern verloren hatte, manche davon wurden hingemeuchelt. Das hielt die Nitramier dennoch nicht davon ab, es neu zu versuchen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Wenn Nitramien einen Botschafter entsandte, machte es in der Regel Gebrauch von seinen empathischen Ressourcen. Alles wurde abgewogen, man suchte und wählte in größerem Maßstab aus. Dabei richtete man sich strikt nach dem Zielland und allem, was man damit erlebt hatte und was man darüber wusste, wenn man die Diplomaten aussuchte. Das Land der Salomenen galt als wilde und eher einfach gestrickt, aber tierlieb, ein bisschen vergeistigt, aber nicht unbedingt beweglich in seinen Ideen. Man wusste auch nicht, ob es auch nur annähernd so liberal war, wie es sich gab. Sonderlich religiös oder künstlerisch waren diese Leute sicher nicht und vielleicht auch nicht allzu spontan oder gar erfinderisch. Außerdem war dieses Volk, zumindest gab es das von sich an, sehr naturnah und mochte keine zivilisatorischen Annehmlichkeiten, die es als dekadent ablehnte. Es gab bei den Salomenen, soweit man wusste, keinerlei Magie. Daher verzichtete man auf alles, was dieses Volk vielleicht nur unnötig erschrecken oder verwirren konnte, schickte keine Tyrillianer (zu speziell und womöglich nicht geduldig genug), keine Andraskaner (die einen gewissen Wohlstand lieben) und schon gar keine Elben (die sich dort womöglich schrecklich gelangweilt hätten). Ein großes Budget würde dem künftigen Botschafter auch nicht zur Verfügung stehen, wahrscheinlich müsste man ihn aus der Ferne mitversorgen. Daher war allerdings irgendwie schon klar, dass es ein Mitglied der kleinen Völker sein sollte und so sah man sich zuerst in Ninda um, bei den sogenannten Medeanern und Westländern. Allerdings stellt sich schnell heraus, dass es damals niemand in Ninda gab, der dem fremden und exotischen Volk auch nur einigermaßen gewachsen wäre. Ninda hatte damals nicht sehr viele gut ausgebildete Diplomaten und die meisten waren entweder furchtbar konservativ und hätten sich nicht auf so ein Abenteuer eingelassen – oder sie wären so neugierig und intellektuell, dass sie bei dem doch eher einfach gestrickten Volk einen Kultur(mangel)schock erlitten hätten.

Nachdem man in Ninda also nicht fündig wurde, präsentierte der damalige Legat des Ostens, Jitro Messalinas, wunderlicherweise und wie aus dem nichts, wenig später eine kleine junge Dame aus der Kleinstadt Kleinelfenburg im Herzogtum Salis, in Tyndalis. Es handelte sich um eine kleine blaue Zwergfee, eines von ehemals sechs Findelkindern, die man 19 Jahre zuvor bei einer Expedition aufgefunden hatte, aber bisher keiner bekannten Spezies zuordnen konnte, bis man mit Luisa darauf aufmerksam geworden war. Man findet ja oft erst dann, wenn man danach sucht! Kara war auf etwas absonderliche Weise von eben dem ehemaligen Minenarbeiter adoptiert und aufgezogen worden, der die Feeneier in einem Meteoriten fand, ein Vorfall, der nie genauer untersucht worden war, weil es einfach zu viele absonderliche Vorfälle gab im großen Nitramien und man nicht alle untersuchen konnte. Kara war mit ihrer Zwillingsschwester Aol erst in Kleinelfenburg aufgewachsen, wie der Legat angab, und später dann – welch unglaublich passende Fügung – in den diplomatischen Dienst eingetreten, allerdings ursprünglich mit dem Ziel, Übersetzerin zu werden. Für sie sprach auch, dass sie nicht zaubern konnte, wenngleich das für eine Fee etwas ungewohnt war, aber Luisa konnte das ja offenbar auch nicht. Denn damals war ja auch noch nicht bekannt, dass Luisa sehr wohl eine mächtige Zauberin war. Kara war auch überaus einfühlsam und tierlieb. Das machte sie neben ihrer Ausbildung zu einer geradezu perfekten Wahl. Dass sie nun gar als offizielle Botschafterin in ein fernes Land namens Deersborough entsandt werden würde, damit hatte sie nicht gerechnet, allerdings hatte Kara auch nichts dagegen einzuwenden:

„Ich dachte, das ist eine einmalige Chance, vielleicht das Abenteuer meines Lebens“, gab sie später immer in Gesprächen an, wenn man Kara dazu befragte – und ein großes Abenteuer war es auch! Und wäre Kara literarisch etwas begabter gewesen, dann hätte sie all ihre Abenteuer, die sie in Deersborough erlebte, ihre Begegnung mit Schattenläufern, mit dem Gestaltwandler Jamal, mit der mysteriösen Familie Andumnognos und mit Drachen – ja, Kara hätte sie vielleicht auch einmal zu einem eigenen Abenteuerroman versammelt!

Aber dazu hatte Kara immer vielzuviel zu tun und um ein Buch über sich zu veröffentlichen, dazu war sie auch viel zu bescheiden. Stattdessen schrieb sie, kaum hatte sie ihre Stelle angetreten, unzählige Briefe an ihre Kollegin in der Villa Mondia, in denen sie ihre Abenteuer in der fremden Welt beschrieb – und das blieb nicht ohne Folgen: Denn Luisa entdeckte dadurch ihr Heimatvolk neu und bekam manchmal schrecklich Heimweh (wobei sie allerdings nicht in ihre alte Armut zurückwollte, denn sie genoss ihren neuen Wohlstand), andererseits gewann Luisa diese Kara Delica sehr lieb und die beiden wurden sehr schnell Brieffreunde, dann, wann immer Kara auf Landurlaub nach Ninda kam – und das war nicht selten – wurden sie bald auch realiter die besten Freundinnen und letztlich unzertrennlich, spätestens, als sie zusammen ihre legendäre große Abenteuerreise machten und danach viele weitere.

Kara blieb aber nicht die einzige Freundin, die Luisa so dazugewann.

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Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau, arbeitet am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.