Picard: Wie man beliebte Charaktere ruiniert

Weinberg (Foto: Tim Mossholder via Pexels)
Weinberg (Foto: Tim Mossholder via Pexels)

Als Fan von klassischer Sciencefiction war ich entzückt, als mit Star Trek: Picard die grandiose „Next Generation“ fortgeschrieben werden sollte. Staffel 1 konnte mich überzeugen, Staffel 2 enttäuscht nur noch.

Gene Roddenberry, der Schöpfer von Star Trek, starb 1991 und hat damit vieles der vergangenen Jahre nicht mehr erlebt, was ihn als Utopisten wohl gequält hätte – dazu gehören auch sicherlich die ganzen Star Trek Amalgame der letzten zwanzig Jahre. Die einst progressiv-optimistische, humanistische Utopie des 20. Jahrhunderts wandelte sich mehr und mehr in ein dystopisches Szenario, wo mit Waffen und Fäusten geregelt wird, was an Verstand nicht mehr vorhanden ist.

Als mit Star Trek: Picard 2020 eine Fortsetzung der Next Generation Story veröffentlicht wurde, jubilierten viele Fans, so auch ich, bestand nun doch endlich die Hoffnung, dass nach allen Tiefschlägen in Kino und Streamingwelt nun endlich einmal wieder würdiges Star Trek produziert würde. Denn die Kinofilme waren ja nicht viel mehr als schlecht nachgeäfftes StarWars, während Star Trek Discovery nicht viel mehr als eine actionlastige One-Woman-Show war, welche den ursprünglichen Grundtenor von Star Trek mit Füßen trat.

Die erste Staffel von Star Trek: Picard war nun eben auch nicht gerade leichte Kost, insbesondere kam die Story lange Zeit nicht in die Gänge, wirkte zerdehnt und teils bemüht und die eigentliche Haupthandlung um eine androide Invasion wirkte dann irgendwie aus der zweiten Staffel von Seth MacFarlanes „The Orville“ geklaut, was sich inzwischen längst, obwohl einst als Parodie konzipiert, zum besseren Star Trek gemausert hat. Auch „Trek: Lower Decks“ liefert beachtlich besseren Content und Fanservice. Aber immerhin, Staffel 1 von Picard hatte einen Bogen, schloss ein noch unaufgedecktes Kapitel Next Generation ab und hätte für Patrick Steward und seinen reiferen Picard die Chance geboten, die Lebensgeschichte dieses so beliebten Sternenflottenkapitäns würdig und ein wenig tragisch auch, aber eben würdevoll abzuschließen.

Das hat man aber leider nicht getan, und was die „Deus ex machina“-artige Rettung am Staffel-Ende vermuten ließ, erfüllt sich mehr und mehr mit dem Verlauf der Staffel 2 von Picard: Es ist ein un-totes Dasein, das nichts Substanzielles bringt. Auch in Staffel 2 wagte man wieder nicht viel Neues aufzubauen, stattdessen wurde lediglich die Story von „First Contact“ rearrangiert, mit ein bisschen Q garniert und ins Jahr 2024 rückverlegt. Auch diese Star Trek Abkopplung feiert wieder einmal mehr Dystopien, Sinnleere und äußere und innere Aggressionen. Ausnahmslos jeder Charakter, ja selbst der einst allmächtige Trickster Q, wird zu einem psychischen Frack heruntergewertet. Die Witze, die man gnädigerweise einbaut, damit es nicht nur noch alles trostlos wird, sind Zoten wie aus einem der billigeren Marvel-Verschnitte. Und obwohl sich die Drehbuchschreiber ganz sichtlich Mühe geben, den eigentlichen Handlungsfaden durch allerlei unnötige und oft sinnfreie Unterbrechungen bis ins Unkenntliche zu zerdehnen, kann man sich des Eindrucks doch nicht erwehren, dass man alles das anderorts schon mal gesehen hat, und zwar besser.

Es wäre durchaus nicht schlecht an sich, wenn die Serie, wie sie es versucht, Charakterstudien in den Mittelpunkt stellen würde – immerhin heißt sie ja auch „Picard“. Aber die dargestellten Charakterisierungen sind verfehlt. Vom Humanisten Jean Luc Picard ist nichts mehr geblieben, nur ein ratlos wirkender ältlicher Mann in einem Cyborg-Körper, den man aber auch nicht wirklich thematisiert, weil sich die Drehbuchschreiber für diesen Kniff vom Ende der ersten Staffel offenbar schämen. Fast alle anderen Schauspieler langweilen auch, da ihre Charaktere aufgesetzt und ihre Seitenstories klischeehaft wirken. Die Dialoge sind zotig geskriptet und was am ärgerlichsten ist, dass man sogar die Figuren von Q und Guinan völlig verhunzt und um ihre eigentlichen Stärken beraubt hat. Bei Q war dies sein Trickster-Sein (in Staffel 2 ist er kein Trickster mehr, nur ein billiger Gangster), Guinans Weisheit und Witz ist ebenso passé, da sich die hier junge, naive Guinan von Picard, der aber auch nicht wirklich den Durchblick zu haben scheint, väterlich beraten lässt. Überaus ärgerlich ist der überbordende Alkoholismus fast aller Charaktere. Was man an geistiger Tiefe nicht aufweist, scheint man den Darstellern in Form von Spirituosen kompensativ beizugeben, indem man einfach jedem Charakter einen Drink in die Hand gibt, wenn es mal wieder traurig und tiefsinnig sein soll, in Wahrheit aber doch nur einfach trostlos und öde ist. In der Psychologie nennt man so etwas symbolische Selbstergänzung, und Picard Staffel 2 ist voll davon.

Wirklich grottig sind die Seitenstories, die ziemlich offensichtlich nur dazu herhalten, die Hauptstory in die Länge ziehen: Da haben wir die fragwürdige Mutter-Vater-Sohn Geschichte Picards mit vielen zerdehnten Rückblenden, einen Ocean’s-Eleven-artigen Partyauftritt, der fast eine ganze Folge einnimmt, ohne dass das Setting auch nur annähernd überzeugen würde oder einen Sinn ergäbe, dann die Story um den Genetiker Adam Soong, die stofflich vielleicht durchaus noch am ehesten Potential geboten hätte, wenn man sie zur Hauptstory gemacht hätte und die Episode, in der die Beteiligten dann auch noch vom FBI verhaftet werden, ziemlich plötzlich, sinnlos und nur als weiterer Cliffhanger, um dann eine Episode später wieder einfach freigelassen zu werden … das lässt den Zuschauer endgültig an der Plausibilität des Konzepts zweifeln. (Was jetzt noch fehlen würde, um die Verzettelung perfekt zu machen, wäre eine Episode, in der einfach so eine Live-Style-Wohnung eingerichtet wird oder den Einschub einer Kochsendung, dann hätte man fast alles Absurde versammelt.)

Man fragt sich dann doch wirklich, ob es eine ganze zweite Staffel für Picard wirklich gebraucht hätte, da sich der sinnvolle Inhalt problemlos auf 90 Minuten hätte verdichten lassen können in Form eines Specials einer Fan-Service-Reihe, so wie es sie für Star Trek Discovery bereits gibt (und diese Geschichten waren dann tatsächlich oft die besseren).

Immerhin, es wird wohl noch eine dritte Staffel Picard geben, mit anderen alten Bekannten – und vielleicht liefert sie ja dann doch noch etwas mit Wiederbetrachtungswert. Für Fans des eigentlichen Star Trek Gedankens zeichnet sich am Horizont immer deutlicher „Star Trek Strange New Worlds“ ab, mit einem Setting, das wohl mehr den Wünschen klassischer Star Trek Fans entspricht und das hoffentlich etwas mehr an Substanz aufweist, als „Picard“ das bislang tat. Und ansonsten gibt es demnächst noch die dritte Staffel von „The Orwell“, was meines Erachtens für Next-Generation-Fans inzwischen ohnehin das bessere Star Trek ist.

Über Martin Dühning 1308 Artikel
Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau, arbeitet am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.