Das Pferd in der Stille, Teil 3

Der neue Fortsetzungsroman von Hiro Kamakiri, Teil 3

Das Pferd in der Stille,

Teil 3: Das Unglück in der Welt

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it dem Unglück in der Welt ist es so eine Sache – manche Leute zum Beispiel empfinden es als das größte Unglück in der Welt, morgens früh um 6 Uhr aufstehen zu müssen, um in die Schule zu gehen. Andere dagegen, zum Beispiel solche, die gerade unter einer Lawine begraben liegen, würden nichts lieber in der Welt tun als aufstehen und gehen – und zwar je früher desto besser.

Selbst bei den allergrößten Naturkatastrophen – beispielsweise wenn der Blitz während einer WM-Übertragung in deinen Fernseher einschlägt, oder deine Waschmaschine die ganze Wohnung überflutet, weil du sie mal wieder mit alten Socken überfüllt hast – selbst dann gibt es sicher jemanden, der das gut findet, den Elektrohändler zum Beispiel oder deine Freundin, die Fußball nicht ausstehen kann und die sich nicht für Waschmaschinen interessiert.

Doch es gibt tatsächlich eine Art von Unglück, das schlimmer ist als alles, was du dir denken kannst, schlimmer noch als früh aufstehen, Schule oder Naturkatastrophen. Diese Art von Unglück ist so schlimm, dass auch ein Elektrohändler nichts gutes mehr daran finden kann oder deine Freundin. Und genau diese Art von absolut grauenhaftem, schrecklichem, unglaublich unglücklichem Unglück war es, die sich an diesem Morgen in Origama ereignen würde. Zuvor war es ja nur ein mysteriöser Morgen gewesen, als alles begonnen hatte. Wie eine Lotusblüte: bleich, rot und schicksalsschwer, hatte die Sonne ihren Strahlenkranz über den östlichen Sümpfen der Stadt entfaltet, Hirtenkinder hatten noch unschuldig auf den Weiden gespielt, in der Stadt bereiteten sich immer noch die ersten fleißigen Metzger auf einen neuen Arbeitstag vor, Tashi Yugisushi war auf dem Weg zur Schule à nicht ahnend, das der furchtbare Dragun schon auf ihn lauerte – und der Wecker von Meister Weng klingelte, aber zu spät.

Meister Weng hatte ein Problem. Doch der Wecker war es nicht. Das Problem hatte er schon vorher gehabt und völlig unabhängig von dem grauenhaften und furchtbaren Unglück, das noch kommen würde. Sein Problem war ein permanentes. Und sein Problem machte ihn sehr unglücklich. Sein Problem war nicht, dass er ein klein wenig zu klein für seine Gewichtsklasse war (er war nämlich noch kleiner als ein typischer Trading-Card-Käufer, dabei aber doppelt so breit). Sein Problem war auch nicht, dass er keine Haare mehr auf seinem recht klobigen Kopf hatte, und keinen Hals, oder dass seine Nase auf sehr unästhetische Weise einer Kartoffelknolle glich. Nein, sein Unglück war, dass er keine jungen Menschen mochte.

An sich ist das ja kein Unglück. Es soll zum Beispiel in der westlichen Sahara einen Stamm von Ureinwohnern geben, die mögen auch keine jungen Menschen, sind aber sonst sehr glücklich und begnügen sich damit, Jugendliche, die ihnen über den Weg laufen, ganz einfach vom nächstbesten Wasserfall zu stürzen. (Allerdings soll der Stamm aus verschiedenen Gründen inzwischen fast ausgestorben sein.) Meister Weng jedoch hätte sich mit so etwas nicht begnügt, nicht nur, weil es in Origama und Umgebung keine Wasserfälle gab. Es wäre ihm auch zuviel Arbeit gewesen, denn Meister Weng war Lehrer von Beruf. Das war Meister Wengs Problem und es machte ihn sehr unglücklich.

Nun sind unglückliche Menschen, besonders Lehrer, aber bekanntlich recht schwierige Zeitgenossen. Das hast du sicherlich auch schon bemerkt, wenn du deinem Mathelehrer während der Mathearbeit ein Bein gestellt hast oder ihm zuhause heimlich seinen Schreibtisch angezündet. Unglückliche Lehrer sind nämlich leicht reizbar. All ihr Unglück und ihren Frust lassen sie dann häufig am nächstbesten Schüler aus, oder, wenn sie regelmäßig unglücklich sind, suchen sich einen geeigneten Schüler, den Sie ganz besonders verabscheuen wollen. Auch Meister Weng hatte so jemanden, und der hieß Tashi Yugisushi.

„Argh!“ stöhnte Meister Weng „Verflucht! Schon wieder so früh aufstehen! Lieber wäre ich doch von einer Lawine begraben!“ schimpfte er, stieg aus dem Bett und wunderte sich, dass seine Wohnung unter Wasser stand. Leider war über Nacht seine Waschmaschine ausgelaufen. Sofort kam ihm nur ein Gedanke: „Yugi! Ich hasse ihn!!! Na warte, das gibt heute eine besonders fiese Geschichtsabfrage!!!“ Und während er durch die Wohnung watete, und trotz langer Suche keinen einzigen Socken oder Schuh mehr fand, folglich zwar mit Amtsrobe, aber völlig durchnässt und barfuß seine Wohnung verlassen musste, dachte er sich ein paar besonders fiese Abfragen aus … – Fortsetzung folgt –

Dieser Text wurde erstmals in der Phoenix 47 (Februar 2006)  veröffentlicht.

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