Ob er jemals ankommt? Unendliche Geschichten…

Als einstmaliger Fan brasilianischer Telenovelas und späterer Student barocker Romane verfüge ich insgesamt wohl schon über etwas Geduld, was ausschweifende und nur auf verschlungenem Wege, weit in der Ferne erahnbare Handlungsabschlüsse angeht. Dennoch kommt auch die meinige an ihre Grenzen, irgendwann nach der 200ten Episode.

Eine dieser Grenzen wird mir schmerzlich bewusst, seit ich mich, aus Langeweile an der europäisch-amerikanischen Kultur, auch mit fernöstlicher Belletristik beschäftige, sofern man das so nennen will. Japanische Light-Novells, insbesondere neuere Anime-Adaptionen davon, zeigen mir meine Grenzen deutlich auf. Die westlich-abgespeckte Version von „Yugi-Oh“ war seinerzeit noch machbar, Telenovelas wie „Sinha Moça“ hatten ja mehr Folgen. Gegen Endlosserien wie „One Piece“, „Tsubasa Chronicles“ oder „Suzumiya Haruhi no YÅ«utsu!“ verblassen sie allerdings ebenso wie manch barocker Fortsetzungsroman.

Insbesondere die ausufernden Figurenkonstellationen erinnern stark daran. Dennoch, die beiden Anime-Serien sind keine Telenovelas, sondern eher Soap Operas, denn – zumindest scheint mir das so – ein Schluss scheint noch nicht festzustehen und einzelne Episodenfolgen führen oft nicht zu wirklichen Weiterentwicklungen, sie agieren also „unendlich“. Dies führt nicht nur zu manch obsoleten Handlungssträngen und Dopplungen, sondern teilweise auch zu gewissen inneren Brüchen, da der Vorabzustand wiederherzustellen ist. Immerhin, hier kommt dem ganzen dann eine typisch östliche Eigenschaft von Bilderserien zugute, entwickeln sich die Protagonisten und sind nicht wie die westlichen Cartoonbewohner zu ewiger Statik verdammt. Führt man staffelübergreifende Vergleiche durch, so kann man zum Beispiel bei Ruffy D. Monky durchaus eine sichtbare Entwicklung feststellen, auch, wenn sie wohl nicht das ist, was man sich als Pädagoge im allgemeinen so für seine Kinder wünscht. Aber immerhin – und es trifft auch für alle anderen Charaktere zu, denn unabänderliche Seinsklötze bei Dauercharakteren gibt es im asiatischen Raum eigentlich nicht.

Doch was für die Charaktere gilt, gilt nicht unbedingt auch für die Handlung selbst. So verschießen zumindest „Suzumiya Haruhi no YÅ«utsu!“ und „Tsubasa Chronicles“ ihr Story-Pulver eigentlich gleich in den ersten paar Episoden, was sehr schade ist, spätestens am Ende der (ersten) Staffel ist klar, dass ein baldiger Abschluss der Handlung kaum, wenn gar jemals überhaupt zu erreichen ist. Selbst „XXX Holic“ gerät nach ein paar dutzend Episoden in eine seichtlich leichte Gleichgültigkeit, wenn der Charakter zwar immer wieder neue Geistergeheimnisse ergründet, dem eigentlichen Ziel dabei aber kaum je näher kommt. Die gleichen Zweifel ergreifen einen auch, was die Strohhutbande aus „One Piece“ angeht, denn obwohl inzwischen unzählige Inseln abgegrast wurden, kommt der jugendliche Piratenkapitän dem definitiv vorgeplanten Zielpunkt kaum je näher – auch nicht nach der inzwischen 500ten Papierepisode und nach 380 Animeminuten.

So sind die Charaktere zwar entwicklungsfähig, doch die Handlung statisch begrenzt, kehrt immer wieder zur Ausgangssituation zurück. Ob Strohhutpirat Ruffy jemals ankommt? Manche Dinge sind so endlos wie die finanziellen Möglichkeiten, die sich aus ihnen für ihre Macher erbieten, durchsichtigerweise – was doch ein wenig langweilt auf die Dauer. Insbesondere stellt es aber die Geduld derer auf die Probe, die auf der Suche nach intelligent verflochtenen Handlungssträngen sind und die vom ewig gleichen Muster westlicher Formate inzwischen nur noch angeödet werden, ganz abgesehen davon, dass es den Geldbeutel genauso austrocknet wie diverse Edelsargausgaben, in welchen heutezutage barocke Romane noch zu erwerben sind.

Vielleicht sollte ich mich wieder den brasilianischen Telenovelas zuwenden, wenn sie nicht so vorhersehbar wären in ihren Handlungsabläufen, weshalb sie aus dem deutschen Handel auch weitgehend verschwunden sind, oder Bollywood, wenn das was brächte …