Der Eintritt ins dunkle Viertel

Es gibt eine Zeit im Jahr, die mir wenig liegt, weil die Welt in die Trübe abgleitet. Diese Zeit beginnt Anfang November und dauert bis Lichtmess an, wenn im Februar die Tage wieder länger werden. Dazwischen liegt am Hochrhein eine lange graue Zeit des Hochnebels, die nur dann und wann durch Schneeperioden aufgehellt wird.

"Naive geometrische Depression - mit Schaf", colorierte Tuschezeichnung von Martin Dühning
„Naive geometrische Depression – mit Schaf“, colorierte Tuschezeichnung von Martin Dühning, Oktober 2012

Wenig Schlimmeres gibt es als diese Jahreszeit, denn der Hochnebel erstickt nicht nur den blauen Himmel, sondern auch das Gemüt. Selbst der Flugverkehr am Hochrhein lärmt noch mehr als sonst, da Hochnebel offenbar als Schlechtwetter gilt und die vernebelten Flugzeuge nun deutlich häufiger als sonst auch nachts über das deutschländische Haus donnern.

Verschiedentliche technomagische Maßnahmen meinerseits, das dunkle Viertel abzumildern, sind nicht viel mehr als ein Tropfen in der trüben Nacht: Dreifach verglaste Scheiben dämmen nun den Lärm von draußen spürbar ab (sie waren nicht billig!) und eine neue Beleuchtungsausstattung im Arbeitszimmer treibt die Lumenzahl auch an den trüben Tagen nach oben. Die Wände wurden mit Traumreisezielen von Karibik über Spanien, Israel bis hin nach Neuseeland ausstaffiert und eine Mischung aus Fenstergarten, Papierfaltkunst und computertechnischer Tricks gaukeln einen Elfensommer vor.

Doch ist dies mehr Staffage und Illusion denn wirkliche Hilfe, denn gleichwohl muss man dann und wann in die Welt hinaus und arbeiten. Und selten hat man weniger Freude sich frühmorgens auf sein Fahrrad zu schwingen als bei finsteren Temperaturen, glitschigen Straßen und glibbrigem Eisnebel. Auch ist das Klettgau-Gymnasium innerlich im Winter ein wenig harmonieverstrahlendes Gebäude, eher eine provisorisch-ganztägliche Verwahrstation, bahnhofsgleich auf bessere Zeiten harrend, die mit neuer Mensa angeblich anbrechen sollen, später mal…

Aber träumen darf man ja noch, wenn im Schulalltag für Träumer aktuell realiter auch kein Platz ist. Das hält einen überzeugten Träumer allerdings nicht ab, denn Fantasie schafft sich ihre Räume selbst. Immerhin gibt es Wochenenden, meist verregnete oder winterlich zugehagelt, die, mangels realer Spaziermöglichkeiten, zu Sommerträumen einladen. Oder zur Lektüre von Büchern oder Filmen, die in wärmeren Gefilden spielen. Man kann auch selbst Geschichten über den Sommer erfinden und sich dahin sehnen oder dann und wann mal ins sommerliche Kryta reisen, wenn das schmalspurige Lauchringer Internet das nach langen Ladezeiten zulässt.

So ist das dunkle Viertel denn auch mehr eine Zeit der Träume als Wirklichkeit. Man schläft etwas länger, so gut das geht beim diesjährigen Stundenplan, schraubt in der Wirklichkeit seine Ansprüche zurück und träumt – wenn schon nicht von der Lavendelfee – so doch von einem neuen Frühling, der vielleicht irgendwann kommt, später mal …