„Blaubeeren hatten wir noch nie!“

Johannisbeerente in Südninda (Foto: Rosa Dudelspru)
Johannisbeerente in Südninda (Foto: Rosa Dudelspru)

Wir schreiben das Jahr 519 a. C. Vizekönigin Luisa Amiratu hofft auf ein sensationelles Erntejahr in den Vereinigten Provinzen. Anastratin.de hat sie wieder interviewt.

Anastratin: Frau Amiratu, von Ihnen erreichen uns derzeit Freudentöne, Sie schwärmen von einer guten Ernte.

Luisa Amiratu: Ich kann es kaum glauben, aber es stimmt – nach langen Jahren der Entbehrung scheint endlich mal alles zu klappen! Erstmals seit vielen hundert Jahren konnten wir aus der Provinz Araruna eine nennenswerte Johannisbeerernte einfahren – und das, obwohl die dortigen Anpflanzungen total überwuchert waren. Was glauben Sie, was König Miloni für Augen gemacht hat, das er das noch mal erleben durfte! Auch in Aurynas Drâs zeichnet sich eine Rekordernte bei Schlehen und Gojibeeren ab, Nova Valentia und die Plantagen von Prinz Tim bersten vor Äpfeln und Quitten. Gut, bis zur Ernte ist es noch hin und es kann uns da noch einiges dazwischen hageln, aber ich bin sehr zuversichtlich, es sieht alles in allem wesentlich besser aus als in der letzten Dekade. Wir mussten die Obstbäume sogar weitflächig abstützen, weil sie so voller Früchte hängen. Über Umwege sind wir auch an eine große Menge Blaubeerbäumchen geraten, die wachsen aber eigentlich nicht in der hiesigen Erde, wir mussten dafür sauren Boden importieren, wissen Sie, die brauchen sauren Boden. Die alten Leute hier haben mir abgeraten, weil Heidelbeeren hier noch nie gezogen wurden oder geglückt sind. Aber die haben es auch nie mit passender Erde versucht. Ich habe da aus Solus 100 Tonnen anliefern lassen, damit haben wir eine Chance, denke ich. Blaubeeren hatten wir noch nie! Auf den richtigen Boden kommt es an!

Vizekönigin Luisa präsentiert die ersten Beerenprodukte aus den kaiserlichen Domänen 519 a. C. (Foto: Rosa Dudelspru)
Vizekönigin Luisa präsentiert die ersten Beerenprodukte aus den kaiserlichen Domänen 519 a. C. (Foto: Rosa Dudelspru)

Anastratin: Inzwischen scheinen Sie sich ja von der Diplomatin zur Landwirtschaftsexpertin gemausert zu haben.

Luisa Amiratu: Ha ja, was bleibt einem anderes übrig, wenn man auf dem Lande regiert! Und bei dem miserablen Devisenkurs zur Zeit greift man doch gerne auf heimische Äcker und Gärten zurück. Außerdem esse ich gerne süße Beeren. Die sind gesund! Leider wird es auch dieses Jahr noch nichts mit Maulbeeren werden, das ist schade. Aber sonst gedeiht eigentlich alles.

Anastratin: Macht Ihnen die neuerliche Dürre denn keine Sorgen?

Luisa Amiratu: Das hätte sie bestimmt getan, wenn wir in den vergangenen Jahrzehnten nicht dazu gelernt hätten. Inzwischen haben wir viele zusätzliche Zisternen und Kanäle gebaut, sodass wir auch durchhalten würden, wenn die Trockenheit noch ein paar Monate andauert. Unsere kaiserlichen Domänen sind direkt an dieses Wassernetz angeschlossen, aber auch die privaten Landwirte lassen wir nicht im Stich. Wir liefern mit der Nationalgarde den Bauern dann notfalls einfach das Wasser an die Höfe. Allerdings sagen meine Astrologen, dass demnächst eine Regenperiode ansteht.

Anastratin: Glauben Sie neuerdings an Astrologie?

Luisa Amiratu: Nein, das tue ich nicht. Aber ich mag gute Nachrichten. Wissen Sie, das Leben ist einfach leichter mit einem Silberstreif am Horizont. Und ein bisschen Regen wär jetzt gut.

Anastratin: Weniger erfreulich soll es inzwischen bei der Staatskasse von Südninda aussehen. Denken Sie, dass Sie die nächste Tranche der Sondersteuer für die Konföderation eintreiben können?

Luisa Amiratu: Das muss ich nicht, wir haben damals die abgesprochenen Steuern für drei Jahre im Voraus entrichtet. Mehr denke ich, ist nicht nötig. Ab nächstem Jahr fahren wir wieder die normalen Steuern, außer dass ich das Grundeinkommen außer Kraft lasse. Es hat der Wirtschaft gut getan, dass die Leute mal wieder produktiver wurden, weil sie das Geld nicht automatisch bekamen und dafür arbeiten mussten. Ich hebe das vielleicht später wieder auf, vielleicht aber auch nicht. Mal sehen.

Anastratin: Glauben Sie nicht, dass der Föderale Finanzminister weitere Abgaben erwartet? Immerhin haben Sie sich sehr viel von der Konföderationskasse zuschießen lassen, beispielsweise Unmengen an Baumaterial oder auch die neuen Schleusenwerke für das defekte Wasserwerk in Azurea.

Luisa Amiratu: Diese neue Schleusenanlage haben wir recht günstig im Angebot erworben und ich denke auch, es war berechtigt, sie der Konföderation zu berechnen – immerhin speist das Wasserwerk die Diplomatenquartiere und die Kasernen der 10ten und 12ten Flotte in Ventadorn. Wir in Südninda brauchen dieses Wasserwerk nicht unbedingt, wir haben ja Zisternen. Darum gab es auch keinen Widerspruch, als ich den Beihilfeantrag gestellt habe. Die Kosten wurden uns komplett übernommen. Sie waren übrigens auch nicht sehr hoch. Teurer wäre es gekommen, hätten wir den Speichersee ganz neu errichten müssen. Das steht vielleicht noch an, irgendwann. Die Anlagen in Azurea sind teilweise älter als unsere Zeitrechnung. Und was das von mir georderte Baumaterial angeht: Wir haben uns großzügigerweise entschieden, die überzähligen Baumaterialien, die einige Joint Ventures im Foriensis Sektor übrig lassen werden, aufzukaufen. Damit verhindern wir dort eine größere Pleite und hier können wir das Baumaterial sehr gut gebrauchen. Wir haben viele Festungsanlagen, Straßen und Brücken, die repariert werden müssen. Wenn wir alles immer nur mit Holz errichten, kommen wir mit dem Reparieren nicht mehr nach. Deshalb bauen wir jetzt wieder in Stein, so wie die einstigen Ottonen. Deren Straßen stehen ja jetzt schon ein Jahrtausend lang. Sicher kostet das Geld, aber es ist wohl langfristig sinnvoll investiert.

Anastratin: Hat Ihr Bauhof überhaupt das Knowhow für solche großen Projekte?

Luisa Amiratu: Sicherlich werden wir ein paar Versuche machen und Materialforschung betreiben müssen. Die starken Klimaschwankungen und die Unwetter in den Provinzen stellen die Bauleute vor große Ansprüche. Wir machen das aber so wie bei den Plantagen, unmerklich, Stück für Stück. So können wir auch die Kosten besser verteilen und es fällt dann nicht so auf. Nichts ist schlimmer als niemals endende Großbaustellen, finde ich. Bloß keine Prestigemonster! Wir gehen langsam und bedacht vor: Als Erstes ist eine neue Straße von Nova Valentia nach Araruna dran, danach wollen wir die Befestigungen von Porta Nyktis abschließen, das wird wegen der feindlichen Brynn langsam dringlich. Und wenn wir damit fertig sind, bauen wir Araruna wieder aus. Das schaffen wir vielleicht noch vor dem nächsten großen Winter. Davor müssen wir uns aber noch um die Ernte kümmern. Es wäre jammerschade, wenn wir diese Jahrhunderternte nicht rechtzeitig einbringen könnten.

Anastratin: Haben Sie genug Lagerkapazitäten?

Luisa Amiratu: Nein, eben nicht. Es brächte auch nichts, für eine einmalige Ernte zusätzliche Lagerhäuser zu bauen. Wir müssen sehen, dass wir schnell Abnehmer finden, vor allem für die Quittenmassen. Leider fallen einige langjährige Verbündete als Abnehmer aus und Legat Cassinor Tirouyel hat mir leider auch schon signalisiert, dass wir sie nicht über den Foriensis-Sektor veräußern können. Wissen Sie, historisch sind einige große Erfolge im Kibur’Gate-Sektor mit den Quitten aus Ninda zustande gekommen. Es ist schade, dass es dafür keine Fortsetzung gibt. Aber ich habe da so eine Idee, dass wir daraus vielleicht in größerem Maßstab Speiseeis herstellen könnten. Quitteneis- das wär doch mal was! Wir suchen noch geeignete Handelspartner. Die Äpfel lagern wir ein und veranstalten dieses Jahr auch eine würdige Apple Fair. Und wenn unsere Blumen soweit sind, gibt es Blüten en masse.

Anastratin: Dann haben Sie jetzt also endlich gute Ernten, aber weiterhin keine Kunden, Frau Vizekönigin.

Luisa Amiratu: Das stimmt so nicht! Wir haben aus unseren Blumenzuchtanlagen schon eine sehr große Lieferung ins Ausland verfrachtet im Gegenzug für Sakralakte im Superlukanischen System. Das gibt zwar auch keine Devisen, aber war ein ungewöhnlich produktiver Deal. Außerdem haben wir – zugegeben in kleinerem Maßstab – auch Johannisbeerkuchen ins Ausland geliefert. Leider waren es nur Produktproben, die keinen Gewinn abwerfen. Aber mit der Kräuterernte wird es vielleicht besser. Vielleicht sollten wir ohnehin die Produkte weiterverarbeiten, dann sind die Abnahmechancen sicherlich besser. Ich muss mich da noch mit meinen Experten beraten.

Anastratin: Neben der guten Ernte haben Sie offensichtlich auch mit Ungeziefer zu schaffen. Ameisenheere haben Ihre Landarbeiter angegriffen, Schnecken haben Großteile Ihrer Sonnenblumenfelder gefressen und riesige Wespenschwärme bedrohen neuerdings die Bevölkerung von Nova Valentia – nachdem sie zuerst Speikrya unsicher gemacht hatten.

Luisa Amiratu: Eigentlich ist es doch ein gutes Zeichen, dass sich alle diese vielen Tiere in unserer wunderschönen Natur und Landschaft so wohl fühlen, finden Sie nicht auch? Ich meine, diese ganze Panikmacherei ist irgendwie übertrieben. Es sind doch eigentlich ganz liebe Tiere, wir siedeln sie eben im Zweifelsfall um, immerhin haben wir ziemlich viele Naturschutzgebiete für sowas. Gut, der Sommerpalast in Nova Valentia wird eine Weile gesperrt bleiben müssen, das könnte etwas länger dauern, aber um die Ameisen und die Schnecken brauchen Sie sich nicht zu sorgen – die leiden sicher mehr unter der Trockenheit als wir und Sonnenblumensamen haben wir noch genug für drei weitere Ernten. Wir geben einfach nicht auf, irgendwann wird es schon werden.

Anastratin: Es sieht aus, als wenn Sie sich momentan ganz auf die Landwirtschaft konzentrieren. Was ist aus Ihren Bildungsprojekten geworden?

Luisa Amiratu: Die Schulreform ist damals, finde ich, gelungen, und an einem funktionierenden System werde ich nicht weiter herumbasteln. Seit wir das Grundeinkommen gestrichen haben und stattdessen Bildungsgutscheine verteilen, kommt auch die Erwachsenenbildung viel besser an. Viele Leute wollen damit die Chance auf kostenlose Zusatzausbildungen nutzen. Und damit wird dann letztlich auch das Kunsthandwerk aufblühen. Töpfer haben wir schon, momentan versuchen wir uns an Holzschnitzerei, Bildhauerei und Mosaikensetzen. Das werden wir bei der Restauration von Ninda einsetzen, um die Vereinigten Provinzen von Südninda zu nie da gewesener Schönheit zu entwickeln. So ist jedenfalls mein Plan. Wir werden sehen, wie weit er umzusetzen ist. Und sollte es mal Geld vom Himmel in die Staatskasse regnen, habe ich noch den Traum von einer Eisenbahnlinie von Westland nach Araruna über Nova Valentia. Aber das, das sage ich jetzt ganz ausdrücklich, das ist ein Traum – kein Plan. Wir hätten für sowas schlicht nicht die Ressourcen. Ich bin schon überglücklich, dass die Postkutschenlinien und der Seehandel wieder fahrplanmäßig funktionieren. Wenn Sie mich jetzt aber entschuldigen, ich habe gleich noch ein Treffen mit dem örtlichen Abt.

Anastratin: Frau Amiratu, wir danken für das Gespräch.

Luisa Amiratu: Danke ebenfalls, gerne wieder.

Das Interview führte Nils Kawomba.

Über Nils Kawomba 70 Artikel
Nils Kawomba, ehemals Chefredakteur der NNZ (Neue Nitramische Zeitung), ist unser nitramischer Korrespondent in Ventadorn (Ninda).