Was uns „altern“ lässt …

Man ist im Herzen jung (Foto: Edu Carvalho via Pexels)
Man ist im Herzen jung (Foto: Edu Carvalho via Pexels)

Wir altern nicht allein, wir altern in Gesellschaft und ohne Gesellschaft altern wir nicht, jedenfalls nicht geistig, denn es ist das Netz der Beziehungen, das uns feste hält, verortet, normiert, uns mit ihm veralten lässt.

Der rumänische Religionsphilosoph Mircea Eliade schrieb 1975/76 seine Novelle „Jugend ohne Jugend“, die 2007 auch von Francis Coppola verfilmt wurde mit Tim Roth in der Rolle des Protagonisten Dominic Matei, der durch eine wirklich existenzielle Krise – einen Blitzschlag – unverhofft eine zweite Jugend erfährt.

Eigentlich behandelt die Novelle Eliades Lieblingsmotive, die Sprache und ihre Symbolkraft, dennoch geht es auch um das Phänomen des Alterns und das, was uns alt oder jung macht. Jung, so macht es den Anschein, machen existenzielle Einschnitte, die eine Neuorientierung erzwingen, jung macht Offenheit, intellektuelle Neugier und seine intellektuellen Abenteuer erhalten Dominic auch zeitlos jung, während sich die Welt um ihn herum wandelt. Doch mehrfach in der Novelle tritt auch das Motiv des Alterns auf – und immer hat es eine eindeutig soziale, gesellschaftliche Komponente: So vollzieht sich seine Verjüngung im totalen Bruch mit seinem vorigen sozialen Netz, er meidet lange Zeit das Zeitgeschehen und geht erst spät wieder Beziehungen ein. Seine Beziehung zu seiner Geliebten Veronica lässt zunächst diese rapide altern, worauf er sie verlässt. Als er schließlich wieder in sein heimatliches Café besucht und dort auf seine alten, eigentlich längst vergangenen Freunde stößt, holt ihn selbst seine Vergangenheit ein, wird wieder seine Gegenwart – und er altert dadurch rapide und stirbt als Greis im Schnee.

„Alt“ ist kein klar definierter Zustand – „Alt“ ist eine Relation. Altern ist nicht nur ein biologischer, sondern vorrangig ein sozialer Prozess. Man altert in und auch durch die Beziehungen, die man in seinem Leben eingeht. Denn Beziehungen entwickeln sich organisch, wachsen, verändern sich und entwickeln sich weiter und dieses Verwachsen in seinen festen Beziehungen determiniert den Menschen auch, konkretisiert ihn in seine Epoche, zunehmend, zwingt in zeitliche gesellschaftliche Positionen, die eben oft auch sehr unschön veralten und ihre Vertreter mit ihnen. Will man dieses Veralten ausschließen, darf man letztlich keine dauerhaften Beziehungen eingehen und ihrer auch nicht gedenken, sie also nicht memorieren – womit man allerdings zu einem vollkommen entkoppelten „Peter Pan“ wird, der zwar intellektuell ewige Jugend und Kindlichkeit besitzt, das allerdings auf Kosten jeglicher dauerhafter Sozialfähigkeit. Denn selbst kleine Kinder gehen doch Beziehungen ein und reifen mit ihnen. Ein Peter Pan, der ewig jung bleiben will, tut das nicht. Und so ist die Schattenseite mangelnder sozialer Bindungen zugunsten intellektuellen ewigen Jungseins meist eine latente geistige Unreife, die umso frappierender erscheint, wenn biologisches Altern dazukommt. Die Psychologie nennt das „Peter-Pan-Syndrom„.

Nun ist ein solches Jungsein-Wollen aber nicht alles, was möglich ist. Denn man kann Altern und gleichwohl seine Jugendlichkeit erhalten. Ewig Jungbleibenwollen ist schädlich, aber nicht zu verwechseln mit einem jugendlichen Geist. Denn Menschen sind nicht nur konventionell-materielle Beziehungs-, sondern auch Geist- und Kulturwesen – und nur in primitiven, trägen, organischen Beziehungen zu verhaften und jegliche Transzendenz zu leugnen ist ein recht primitiver Akt. Menschen haben als komplexe, facettenreiche Wesen auch eine transzendent-zeitlose Komponente. Daher greifen auch jene Lebensentwürfe zu kurz, die jegliches Zölibat, jede Lebenshingabe zu idealen, transzendenten Bezügen verdammen und einen Menschen immer nur in konkreten Verhältnissen, oder gar nur in sexuellen Beziehungen sehen. Genausogut könnte man in Menschen nur Fraß-Wesen oder Schlaf-Wesen sehen, da dies ja auch elementare Triebe sind. Und niemand kann leugnen, dass Triebe Teil der Menschlichkeit sind. Menschen sind aber, anders als die meisten Tiere, nicht nur auf ihr bloßes Wollen beschränkt, sondern können auch transzendieren – und das ist vielleicht die Eigenschaft, die man mit „Unsterblichkeit der Seele“ begreifen kann.

Wir Menschen haben Logik, Vernunft und vor allem auch Fantasie. Diese „kindliche Kaiserin“ ist, jenseits aller Triebe, Wünsche und Beziehungen vielleicht tatsächlich alterslos – und legt man den Schwerpunkt dorthin, auf etwas, das mehr ist als alles zeitliche Wünschen, Begehren und auch die sterblichen Beziehungen, so mag man sein Leben dem zeitlosen Reich Gottes hingeben – wenn auch zu einem Preis. Man verzichtet darauf, sich in bequemen alltäglichen, bloß konventionellen, materiellen Beziehungen zu erschöpfen und sucht, und das lebenslänglich, nach dem Überweltlichen. Denn sich Offenheit und Neugier zu erhalten, erhält die – vielleicht nicht ewige, aber lebenslängliche – Jugend, wie schon der zeitlos erscheinende evangelische Theologie, Philosoph, Musiker und Arzt Albert Schweitzer wusste:

Jugend ist nicht ein Lebensabschnitt – sie ist ein Geisteszustand.
Sie ist Schwung des Willens, Regsamkeit der Fantasie,
Stärke der Gefühle, Sieg des Mutes über die Feigheit,
Triumph der Abenteuerlust über die Trägheit.

Niemand wird alt, weil er eine Anzahl Jahre hinter sich gebracht hat.
Man wird nur alt, wenn man seinen Idealen Lebewohl sagt.
Mit den Jahren runzelt die Haut,
mit Verzicht auf Begeisterung aber runzelt die Seele.

Sorgen, Zweifel, Mangel an Selbstvertrauen, Angst und Hoffnungslosigkeit,
das sind die langen, langen Jahre, die das Haupt zur Erde ziehen
und den aufrechten Gang in den Staub beugen. 

Ob siebzig oder siebzehn, im Herzen eines jeden Menschen
wohnt die Sehnsucht nach dem Wunderbaren,
das erhebende Staunen beim Anblick der ewigen Sterne
und der ewigen Gedanken und Dinge, das furchtlose Wagnis,
die unersättliche, kindliche Spannung, was der nächste Tag bringen möge,
die ausgelassene Freude und Lebenslust.

Du bist so jung wie deine Zuversicht, so alt wie deine Zweifel,
so jung wie deine Hoffnung, so alt wie deine Verzagtheit.
Solange die Botschaft der Schönheit, Freude und Kühnheit,
der Größe der Erde, des Menschen und des Unendlichen
dein Herz erreicht, solange bist du jung. 

Erst wenn die Flügel nach unten hängen,
und das Innere deines Herzens vom Schnee des Pessimismus und
vom Eis des Zynismus bedeckt ist,
dann erst bist du wahrhaftig alt geworden.

Albert Schweitzer (1875-1965)

Ob dies eine erfolgsverheißende Sache ist, ob es wirklich ein Ziel gibt und nicht nur eine Sehnsucht, das hängt vom Jenseitigen ab. Allerdings ist ein rein materielles Dasein eine recht schnöde Angelegenheit – schnöde auch im Sinne von kulturlos, langweilig. Und da die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, sind solche Menschen, die gar nicht mehr suchen, die keine Hoffnung mehr haben, nicht nur ziemlich alt, sondern eigentlich schon tot.

Über Martin Dühning 1308 Artikel
Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau, arbeitet am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.