Die ganze Härte des Gesetzes

Galeone auf hoher See (Grafik: Martin Dühning)
Galeone auf hoher See (Grafik: Martin Dühning)

Nach 63 Jahren Haft wurde Kapitän Lesly Cainbottom aus der Haft in Milony Island entlassen. Er hält damit einen traurigen Rekord.

Mit 63 Jahren Haft im Verlies von Milony Island hält der ehemalige Kapitän Lesly Cainbottom nun einen traurigen Rekord. Niemand saß ihn Südninda jemals länger hinter Gittern und die meiste Zeit war Cainbottom der einzige Gefangene, da die Kriminalitätsrate in den Vereinigten Provinzen von Südninda seit der Regentschaft von Vizekönigin Luisa Amiratu drastisch gesunken ist. Außer kleinen Raufereien kommt es selten zu Verstößen, Straßenräuber oder Piraten sind ausgestorben, auch Ladendiebe gibt es keine mehr. Beigetragen dazu hat – neben dem Wohlstand der Provinzen und der Einführung des bargeldlosen Reisens – sicher, dass die Vizekönigin Justiz und Polizei reformiert und ausgebaut hat und vor allem die von ihr gegründete vizekönigliche Marine, die fast überall präsent ist. Sicherlich hat sich aber auch schon herumgesprochen, dass die Vizekönigin, anders als ihre Vorgänger, in ihren 86 Dienstjahren noch nie einen einzigen Gefangenen begnadigt hat, weil sie Begnadigungen grundsätzlich ablehnt.

„Wenn die Gesetze eines Staates vernünftig sind und die Justiz und der Censor ihre Arbeit gut machen, brauche ich mich nicht einmischen und willkürlich Urteile aufheben“, begründet Vizekönigin Luisa Amiratu ihre recht harte Einstellung: „Ich halte es für ein Unding, mit Begnadigungen das Rechtswesen auszuhebeln, zumal es ja durchaus für jeden Gefangenen auch die Möglichkeit gibt, sich durch gute Führung eine richterliche Strafverkürzung zu erarbeiten. Ich fand es immer schon schräg, aufgrund irgendwelcher Feste oder Geburtstage willkürlich irgendwelche Verbrecher freizulassen, so wie das früher wohl oft gemacht wurde. Das finde ich gegenüber den ehrlichen Bürgern ungerecht. Es zerstört auch die Verhältnismäßigkeit im Strafwesen. Sowas darf nicht sein.“

Auch bei Lesly Cainbottom machte Vizekönigin Luisa keine Ausnahme, obwohl seine Haft ihrem angesagten Bestreben entgegenstand, dass die Gefängnisse möglichst leer sein sollten unter ihrer Herrschaft. Cainbottom war ursprünglich zu 25 Jahren Haft verurteilt worden, weil er, um seinen Arbeitgeber, den ehemaligen Vizekönig Thomas Williams zu decken, die Schuld für dessen Verbrechen auf sich nahm und vor dem Gericht wiederholt nachweisliche Falschaussagen tätigte. Williams hatte auf seiner privaten Fregatte jahrzehntelang in einem kleinen Verschlag einen Bürger eingekerkert, den er der Piraterie bezichtigte. Dafür war er von Vizekönigin Luisa zunächst beim Hochgericht von Südninda, später beim Kaiser angezeigt und später verurteilt worden. Kapitän Cainbottom führte Williams Anweisungen bereitwillig aus und deckte Williams und wurde daher für Mittäterschaft und Meineid verurteilt. Auch sein Beharren darauf, dass er „aus Ehrengründen und Loyalität“ so handeln musste, erzürnte die Richter und auch die Vizekönigin, die ihm deswegen auch das Kapitänspatent entziehen ließ: „Loyalität ist ja grundsätzlich etwas sehr Schönes, aber von einem Kapitän erwarten wir, dass er sein Amt verantwortungsvoll vor allem für Wahrheit und Gerechtigkeit ausübt. Dazu gehört auch Courage und Gewissen. Ein Kapitän vertritt das allgemeine Recht auf See. Wer nur zu Kadavergehorsam fähig ist und blind Befehle ausführt, der hat das Kapitänspatent nicht verdient.“

Cainbottom machte das sehr wütend und er beleidigte Vizekönigin Luisa daher am letzten Gerichtstag, indem er sie in der Gerichtsverhandlung vor dem Hochgericht in Julverne und in Anwesenheit des Kaisers als „Feenhure des Kaisers“ bezeichnete, woraufhin sein Strafmaß wegen Majestätsbeleidigung1Majestätsbeleidigung, oder „crimen laesae maiestatis“ sanktioniert die Beleidigung des Nitramischen Volkes, das durch den Kaiser oder einen seiner erstrangigen Stellvertreter symbolisch repräsentiert wird. Nach dem Codex Iuris Nitramicis, §297 kann dies mit bis zu sieben Jahren Gefängnis bestraft werden. und Missachtung des Gerichts um fünf Jahre erhöht wurde. Da Cainbottom im Gefängnis in den ersten Jahren immer wieder das Personal angriff und in den Jahrzehnten seiner Gefangenschaft bis zuletzt nie Einsicht zeigte, verlängerte sich seine Haftstrafe immer wieder auf inzwischen 63 Jahre. In den letzten Jahren wirkte Cainbottom resigniert und gebrochen, aber auch deutlich friedlicher, sodass seine Haft am 1. Februar 586 a. C. endete. Vizekönigin Luisa bedauert, dass es zu einer so langen Haft kommen musste: „Eine Haftstrafe soll eigentlich auch dazu dienen, Verbrechen zu sühnen und ein Teil dieser Sühne ist Reue und Einsicht. Es es wirklich sehr schade, aber wenn jemand zu Reue und Einsicht so gar nicht fähig ist, dann trifft ihn eben die ganze Härte des Gesetzes.“

Da Cainbottom in Südninda nicht mehr als Kapitän tätig sein darf, stellte er den Auswanderungsantrag nach Salis, wo sein ehemaliger Chef Thomas Williams seit Jahrzehnten schon wieder in Freiheit lebt. Das Herzogtum Salis hat die Einbürgerung aber bislang verweigert mit Hinweis darauf, dass er sich, wegen schlechter Führung in der Haft, erst als Zivilbürger bewähren müsse, bevor er nach Salis einwandern darf, daher ist er inzwischen nach Ventadorn übergesiedelt.

Seit der Entlassung von Cainbottom ist das Gefängnis von Milony Island übrigens leer und die Vizekönigin ließ es daher bis auf Weiteres schließen. Zum ersten Mal in der Geschichte Nindas gab es Anfang Februar 586 a. C. in den gesamten Vereinigten Provinzen von Südninda keinen einzigen Strafgefangenen mehr.

Glossar

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    Majestätsbeleidigung, oder „crimen laesae maiestatis“ sanktioniert die Beleidigung des Nitramischen Volkes, das durch den Kaiser oder einen seiner erstrangigen Stellvertreter symbolisch repräsentiert wird. Nach dem Codex Iuris Nitramicis, §297 kann dies mit bis zu sieben Jahren Gefängnis bestraft werden.
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Nils Kawomba, ehemals Chefredakteur der NNZ (Neue Nitramische Zeitung), ist unser nitramischer Korrespondent in Ventadorn (Ninda).