„Wir feiern in etwas bescheidenerem Rahmen“

Ian Delessian, Legat des Ostens, in seinem Büro in Saint Andrea (Grafik: Martin Dühning, KI-bearbeitet)
Ian Delessian, Legat des Ostens, in seinem Büro in Saint Andrea (Grafik: Martin Dühning, KI-bearbeitet)

In der Neu-Nitramischen Konföderation jährt sich das siegreiche Ende der Kontinuumskriege vor 276 Jahren. Zum „Tag der Freiheit“ hat Anastratin.de den amtierenden Legaten des Ostens, Ian Delessian, interviewt.

Anastratin.de: Commodore Ian Delessian, Sie bekleiden im Jahr 615 a. C. das Amt des Legaten des Ostens und sind damit so etwas wie der oberster Feldherr der Neu-Nitramischen Konföderation. Seit unserem letzten Interview sind etwa 80 Jahre vergangen, damals standen Sie zu Beginn Ihres Mandates, in ein paar Jahren werden Sie wohl in den Ruhestand eintreten. Haben sich Ihre Hoffnungen erfüllt?

Delessian: Genau genommen bin nicht ich, sondern der Kaiser als Imperator, oberster Feldherr in der Neu-Nitramischen Konföderation – und auch das nur im Kriegsfalle. Teil meines Aufgabenbereichs ist aber der Oberfehl über die 12. nitramische Raumflotte und ich bin Regent der Polis von Saint Andrea im Forensis-Sektor, wo unsere Missionen ihr Zentrum haben. In den vergangenen 80 Jahren durften wir an einer Reihe ganz außerordentlicher Erfolge mitwirken, immer mit der Prämisse, uns dabei eher im Hintergrund zu halten, was aber nicht heißt, dass die Erfolge weniger gewaltig gewesen wären. Sie brachten lediglich nicht in gleichem Maße Ruhm ein wie die Kriegsheldentaten eines Markus Julesdin vor 276 Jahren oder die Glanzleistungen von Legat Camille Ezren in den folgenden Jahrhunderten im Kibur’Gate-Sektor. Allerdings entsprachen die Erfolge, die wir zu meiner Amtszeit erringen konnten, mehr dem Nitramischen Dekalog und der tyrillianischen Lebensethik, was mich sehr zuversichtlich stimmt. Eine gewaltige Vorarbeit zu den Früchten, die ich ernten konnte, haben aber auch meine Vorgänger im Amt des Ostlegaten erwirtschaftet, allen voran Jitro Messalinas, aber auch Cassinor Tiroyuel. In den letzten 12 Jahren mussten wir aber – krankheitsbedingt – auch eine Reihe von Verlusten verzeichnen. Wir konnten, auch dank Automatisierung, gerade so unsere täglichen Missionen erledigen. Für grandiose Erfolge hat das aber so nicht gereicht.

Anastratin.de: Haben Sie auch Ziele aufgeben müssen?

Delessian: Wenn ich in den vergangenen 80 Jahren auch partiell Misserfolge miterleben musste, so freut mich doch, dass wir an unseren Zielen grundsätzlich festhalten konnten, auch, weil unsere Pläne und Projekte oft auf fruchtbaren Zuspruch stießen und destruktive Stimmen von Nörglern und Despoten dagegen keinen Bestand hatten. Man kann ja auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, sehr schöne Dinge bauen. Tatsächlich hat man uns und mir immer wieder Steine in den Weg gelegt, aber wir sind unserem Weg treu geblieben und haben – manchmal langsamer als erhofft, aber stetig – Fortschritte gemacht auf unserem Weg. Insofern mussten wir keine Ziele aufgeben, nein. Tatsächlich haben wir sogar manchmal mehr Erfolg gehabt, als sich unsere Vorfahren erträumt hatten.

Anastratin.de: Was gedenken Sie in den nächsten 12 Jahren zu tun?

Delessian: Wir hoffen natürlich sehr, dass es mit der Gesundheit unserer Pioniere und Mitarbeiter wieder aufwärts geht. Zur Zeit arbeiten wir ersatzweise mit Autoreeves, also Androiden, oder mit Helica, also Holo-Charakteren. Aber damit lassen sich nur Standardaufgaben abdecken, für Entdeckungsaufträge oder kreative Herangehensweisen bräuchten wir lebendiges Personal, das offen und entwicklungsfähig an die Sache herangeht. Leider haben wir in den vergangenen Jahrzehnten, teils durch Wegzug, aber auch durch Tragödien, eine Menge Verbündeter verloren, deren Hilfe wir nun gerade auch im Foriensis-Sektor schmerzlich vermissen. Unter den gegebenen Umständen war es uns leider auch nicht möglich, neue Verbündete zu gewinnen. Wir haben den Verlust und den internen Personalmangel so gut kompensiert, wie es eben ging, stoßen dabei aber an Grenzen. Wenn es etwas gibt, was wir in den nächsten 12 Jahren verbessern müssen, dann ist es unsere Bündnisfähigkeit. Das hängt allerdings nicht nur von uns ab.

Anastratin.de: In vielen anderen Nationen wird versucht, den Personalmangel durch KI-Agenten zu ersetzen, sehen Sie hier noch Potential?

Delessian: Die Neu-Nitramische Konföderation ist führend im Bereich sinnvoller Automation. Wir können eigentlich nur noch dort zusätzlich automatisieren, wo es nicht sinnvoll ist. Wo immer es geht, setzen wir Autoreeves oder Helica ein und für unsere Missionen können wir – trotz deutlich gestiegener Kosten- auf sehr moderne Infrastruktur zurückgreifen. Allerdings verärgern Sie Ihre Mitmenschen, wenn Sie zwischenmenschliche Interaktion mit Automaten ersetzen – und das völlig zu Recht. Für wahre Diplomatie und aufrichtiges Engagement brauchen Sie keine Automaten, sondern Zeit und Herz. Das ist keine Frage von Modernität, sondern von Wahrhaftigkeit. Unsere Kräfte sind da aber weitgehend erschöpft, wir können da nicht mehr viel leisten – und da würde auch Technik nichts verbessern, zumal wir da ja sehr gut ausgestattet sind.

Anastratin.de: Kritiker wenden ein, dass die nitramischen Legaten Ihre Prioritäten falsch setzen: Sie verbrauchen Ihre Kräfte mit Missionen, haben dann aber keine Kraft mehr, um die Früchte Ihrer Arbeit zu ernten und die Erfolge zu feiern. So sei es kein Wunder, dass Truppen ausbrennen.

Delessian: Ich kann mit solcher Kritik ehrlich gesagt nicht viel anfangen. Sollten wir stattdessen unsere Pflichten vernachlässigen, bloß, damit wir mehr feiern können? Das ist ja absurd! Ich weiß, dass es ausländische Völker gibt, die so handeln, aber ich halte das nicht für sehr erstrebenswert, zumal wir kulturelle und moralische Vorbildfunktion haben und im Dienste der Gesellschaft stehen. Die Diakonia hat also Priorität gegenüber Festivitäten. Natürlich hätte ich nichts dagegen wenn wir mehr Grund zum Feiern hätten und Zeit und Muße dafür, aber meine Aufgabe ist es, die grundlegenden Dienste sicherzustellen. Wenn dem nicht so wäre, bräuchte man auch keine Legaten, das könnten dann auch Zivilbeamte machen.

Anastratin.de: Feiern Sie denn den „Tag der Freiheit“ am 23. Juli, also den Tag, als vor 276 Jahren die Kontinuumskriege erfolgreich beendet wurden, damals in Duranis Thajis, der Vorgängerstadt von Saint Andrea?

Delessian: Wir feiern in Saint Andrea natürlich den „Tag der Freiheit“, so wie überall in der Neu-Nitramischen Konföderation. Aber wir haben noch aktuelle Missionen am Laufen und Saint Andrea ist eine Militärbastion. Wir feiern in etwas bescheidenerem Rahmen als beispielsweise die nitramische Hauptstadt Julverne oder beispielsweise Ventadorn, wo das Nachbarreich gleichzeitig den Nationalfeiertag feiert. Gerade in den heutigen Zeiten halte ich es auch für sehr wichtig, an vergangene Erfolge und Ziele zu erinnern, damit wir nicht aus den Augen verlieren, was unsere gegenwärtige Aufgabe ist: Mit unserer kulturschaffenden Arbeit andere Welten zur Selbsthilfe anzuleiten. Brücken zu bauen, statt abzureißen. Interkulturelle Verständigung zu ermöglichen. Mögen die Zeiten vielleicht auch schwerer werden – diese Ziele bleiben.

Anastratin.de: Dann wünschen wir Ihnen Kraft und Erfolg für die kommenden Zeiten. Herr Legat, wir danken für das Gespräch.

Das Interview führte Nils Kawomba.

Nils Kawomba
Über Nils Kawomba 235 Artikel
Nils Kawomba, ehemals Chefredakteur der NNZ (Neue Nitramische Zeitung), ist unser nitramischer Korrespondent in Ventadorn (Ninda).

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