Lore

Brennendes Buch (Foto: Tima Miroshnichenko via Pexels)
Brennendes Buch (Foto: Tima Miroshnichenko via Pexels)

2026 scheint es fast so, als seien die großen Erzählungen der westlichen Populärkultur zu einem Ende gekommen: Star Trek und Doctor Who sind als Franchise ausgesetzt, Starwars und selbst Happy Potter schwächeln und auch beim Tolkien-Universum sah es schon mal besser aus. Teils liegt das an der Ideenlosigkeit der Macher, teils an toxischem Fandom, so sagt man.

Kurzum, ich sehe das Hauptproblem aktueller Fiktion in ihrer konsumindustriellen Ausrichtung. Eine gute Story zielt nicht primär darauf ab, ein Kassenschlager zu sein. Auch ist es nicht ihre Aufgabe, dem Zeitgeist zu huldigen. Wo Geschichten gut sind, prägen sie die Gesellschaft – und nicht umgekehrt. Daher ist sicher mithin einer der Gründe, warum es mit der westlichen Popkultur bergab geht der, dass man die Stories kassenwirksam zerdehnt und – oft unnötig – auf politische Correctness hin sterilisiert, was ihnen leider die Widerspenstigkeit raubt, die einer guten Geschichte gegenüber ihrer Leserschaft – bzw. Zuschauerschaft eigentlich immer zu eigen ist. Beides stört mich und so überrascht es mich auch nicht weiter, dass diese zweifelhafte Inszenierung von „Kunst“ ökonomisch stagniert.

Insbesondere, was Fantasy und Science Fiction betrifft, ist das zudem auch deshalb bedauernswert, weil diese beiden Genres dazu prädestiniert wären, Utopien (oder Dystopien) neu zu entwerfen statt nur vorhandene Stereotype zu kopieren, und dabei spielt es dann auch keine Rolle, inwiefern diese Stereotypen irgendwelchen gegenwärtigen Idealvorstellungen entsprechen. Heuchlerisch wird es insbesondere, wenn Idealwerte dann ohnehin nur deswegen eingepflanzt werden, um als Medienkonzern gesellschaftlich besser dazustehen. Hoch riskante Geschichtsklitterung ist es, vorhandene oder nur eingebildete Vorurteile in den Vorlagen aus dem 20. Jahrhundert zu „korrigieren“. Meines Erachtens ist dies sowohl ein Zeichen zunehmender spießbürgerlicher Borniertheit als auch von gesellschaftlicher Verblödung, oder, wenn dies zu primitiv klingt, von kognitiv bedingter Ambiguitätsverweigerung. Es ist echtem gesellschaftlich-moralischem Fortschritt hinderlich. Darunter muss vor allen Kultur leiden, die ja dann brilliert, wenn sie sich – befreit von gesellschaftlichen Zwängen – gedanklich zu geistigen Höhenflügen aufschwingt. Davon kann bei aktuellen Massenmedien kaum noch die Rede sein. (Popkultur war auch schon früher recht trashig, aber doch irgendwie oft innovativ.)

Neben diesen ganz offensichtlichen Fehlentwicklungen liegt aber tatsächlich eine gewisse Mitschuld am Scheitern fiktionaler Narrative auch beim Publikum, oder genauer: bei den Fans. Ich würde nicht soweit gehen, generell von einem „toxischen Fandom“ zu sprechen, weil ein wesentlicher Nerdfaktor von Fans ist, sich heftigst über Inhalte zu streiten, insbesondere über die „Lore“ – also die internen Regularien fiktiver Universen. Problematisch wird das allerdings, wenn durch eine nicht näher bestimmte Fangruppe ein Kanon „heiliggesprochen“ wird, sodass jede Änderung und auch Erweiterung an einem Franchise als Häresie angesehen wird. Das sieht man besonders bei den Franchises Star Trek und Doctor Who, wo um die neueren Produktionen regelrechte kulturelle Grabenkämpfe ausgebrochen sind.

Ich muss zugeben, dass ich selbst kein Fan von Star Trek Discovery oder Star Trek Academy bin, weil diese eher emotionale Seifenoper als Science Fiction in meinem Sinne sind, auch vom Adams Universum habe ich nie viel gehalten, würde allerdings nicht soweit gehen, beides ganz aus dem Franchise zu verbannen. Die Streitereien um Doctor Who verstehe ich schon zweimal nicht, zumal hier „Wokeness“ bekämpft wird, die eigentlich immer schon Teil von Doctor Who war. Sicher, man hätte einige Geschichten um Jodie Whittakers 13. Doktor und Njuti Gatwas 15. Doktor etwas weniger moralisierend erzählen können. Es ist allerdings so, dass im klassischen Whoniverse die heute als „woke“ kritisierten Themen schon Teil der Lore waren. Das allein kann das Problem nicht sein. Zudem sind die Erzählstränge von Star Trek und Doctor Who immer schon teils in sich widersprüchlich gewesen – ganz im Unterschied zu den penibel ausgetüftelten Universen von Tolkien und J. K. Rowling.

Um eine glaubwürdige Erzählung zu schaffen, muss die Lore einer Fiktion meines Erachtens zudem auch nicht perfekt konstruiert sein – das ist im Gegenteil sogar eher hinderlich, wenn später narrative Strukturen weitergeführt werden sollen. Wichtig ist, dass grundsätzliche Gesetzmäßigkeiten nicht unbedacht ignoriert werden und dass, wenn es denn Widersprüche gibt, diese auch thematisiert werden. Inwiefern Widersprüchlichkeiten in einem fiktionalen Universum plausibel wirken, hängt auch von der Erzählweise ab. Bei personalen Erzählstrukturen ist es nicht erforderlich, objektiv korrekt zu sein, weil das Personale ja gerade von der subjektiven Perspektive lebt, die auch irren kann. Manchmal überkommt mich das Gefühl, dass das Fans nicht bewusst ist. Ich kann durchaus selbst im durchstrukturierten Tolkien-Universum die Geschichte der Ringe der Macht neu erzählen aus der Perspektive Saurons, ohne gegen die Lore zu verstoßen. Das wäre eigentlich kein Problem. Im Universum von Doctor Who, wo jede neue Inkarnation eines Doktors eine neue Persönlichkeit besitzt, sollte es eigentlich selbstverständlich sein, dass sich mit der personalen Identität auch die Perspektive ändert – und dass man das gerade in den letzten Jahren viel zu wenig berücksichtigt hat, ist wohl auch das Problem, welches das Franchise mit dem 13. und dem 15. Doctor hatte und was jetzt zur Absetzung der Serie führte. Bei beiden Inkarnationen wurde deren Andersartigkeit zum bisherig männlich-europäischen Modell viel zu wenig fruchtbar in den Geschichten umgesetzt, stattdessen wurden nur Stereotypen in politisch korrekter Weise doziert. So erzählt man keine glaubwürdigen Geschichten, so gewinnen Charaktere auch keine Substanz – und das war dann auch bei einigen Serien von Star Trek ein Problem.

Umgekehrt ist die Lore aber wichtig, um einer Story durch Hintergründe Tiefe zu geben. Beachte ich nicht die narrativen Gesetze des fiktionalen Universums, in dem ich erzähle oder spiele, wirken sowohl Charaktere als auch die Story selbst unglaubwürdig. Daher reicht es auch nicht aus, einfach nicht gegen die Regeln des Lores zu verstoßen, die Regeln müssen auch dann und wann wechselwirken. Dies bedeutet aber auch, dass in einem lebendigen Franchise am Lore weitergeschrieben wird. Idealerweise geschieht das dort, wo die vorhandenen Stories noch erzählerische Lücken und damit Möglichkeiten für neue Wege offen ließen. EIn gutes Beispiel dafür war – zumindest zu Beginn – im Starwars Universum „Der Mandalorianer“ und „Andor“, weil hier tatsächlich – im Rahmen des Lores – Neues erzählt werden konnte. Bei den letzten großen Starwars-Kinofilmen hat man diese Chance dann aber vertan und viel alten Wein in neuen Schläuchen erzählt. Letztlich scheiterte auch die Disneyadaption von Doctor Who am Grundproblem vieler Disneyserien und auch des Marveluniversums: Es wurde Altbekanntes effekthascherisch aufbereitet und kopiert, weil es ja früher funktionierte. Mit dieser Methode kann man kurzfristig Kapital generieren, aber für ein lebendiges Franchise ist dies auf Dauer tödlich.

Gerade im Zeitalter der KI, die Bekanntes problemlos effektiv kopieren kann, ist es überaus riskant, Fans mit langweiligen Aufgüssen abzuspeisen, weil nicht wenige Fanprojekte dank KI-Effekte und besserer Einfälle deutlich mehr überzeugen als die kommerziellen „Originale“, denen es allzu oft an wahrer Kreativität ermangelt. Man könnte jetzt im Sinne von Brechts Radiotheorie erhoffen, dass sich das Fandom dank KI-Hilfe und der vielfältigen medialen Möglichkeiten im Jahre 2026 von der Kommerzialisierungsfalle der Medienbranche emanzipieren könnte. Dabei würde man aber völlig ignorieren, dass man den Teufel mit dem Beelzebub austreibt, wenn man Medienkonzerne durch KI ersetzt, die ebenfalls von kommerziellen IT-Konzernen kontrolliert wird.

Allerdings halte ich (als Idealist) die Fantasie der Fans bei Fiktion für das wichtigste Element. Ein Franchise – das haben sowohl Star Trek als auch Doctor Who mehrfach bewiesen – ist lebendig durch die Menschen, die in diesen fiktionalen Welten träumen. Demgegenüber sind die kommerziellen Traumfabriken zweitrangig. Das mag man in den kapitalistischen Medienkonzernen und in Hollywood anders sehen, aber groß wird eine Fantasiewelt durch Leserschaft und Zuschauerschaft, wenn sie von diesen wirklich aktiv rezipiert und nicht bloß passiv konsumiert wird.

Es mag sein, dass die kommerzielle Ausschlachtung von Star Trek, Doctor Who, Marvel und vielleicht auch Starwars und Tolkien absehbar an ein Ende gekommen ist, aber das Fandom ist in allen diesen Franchises weiterhin lebendig. Daher sehe ich für die Zukunft keineswegs so düster, denn man kann ja noch von neuen Welten träumen – und bei Utopien ist dies am wichtigsten. Nicht selten entstanden aus solchen Fanträumen dann auch ganz neue Welten.

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Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau sowie Informatik in Konstanz, arbeitet als Lehrkraft am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.

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