„Die meisten Menschen begleiten unseren Lebensweg für eine Weile, bevor wir dann wieder alleine weitergehen“, verriet mir einst mein Professor für neuere deutsche Literatur, damals war ich 26 Jahre alt und es war eine andere Zeit und Welt.
Ich bin eine Menge Wege gegangen inzwischen und habe viele Menschen kennengelernt. Recht hatte mein Professor insofern, als die meisten Menschen in meinem Leben Begleiter auf Zeit waren, was auch an meinem Beruf liegt, weil es als Lehrkraft meine Aufgabe ist, junge Menschen für eine kurze Weile zu begleiten, bevor sie dann alleine ihren persönlichen Weg weitergehen. Auch privat habe ich viele Freundschaften in den vergangenen 25 Jahren gewonnen und wieder verloren. Doch seine Aussage fasst nur einen Teil der Wahrheit, weil es die meisten Menschen, die uns viel bedeuten, doppelt gibt, einmal in der Objektwelt, und dort nähern wir uns nur ungenügend an ihre Realität an und auf Zeit. Doch alle Seelen existieren noch ein zweites Mal, in uns selbst, und hier bleiben sie ein Teil unseres Erfahrungsbaumes, weil wir selbst, unser Bewusstsein, letztlich nur ein Produkt der Beziehungsnetze ist, die wir im Leben knüpfen. Diese Beziehungen wurden uns von außen angetragen, doch es liegt in unserer eigenen Verantwortung, wie wir mit dem umgehen, was uns daraus erwächst.
Life is not a construct
(World Poetry Day 2021)
Our life is not a construct, but relationship
And relationships can be authentic or false
And therefore we are also responsible for them
For those with whom we live and for those
Who are assigned to us by disposition.
Nothing is predetermined and there is no fate
But there is what suits into the fabric of our life:
We are interwoven with the world, interwovenness
That makes up who we are and who we become.
We can deny this and concoct all sorts of things
But what does not fit, does not match
And what does not exist outside of ourselves
That cannot intertwine with us either.
For only real relationships are sustainable,
For life is not a construct, but organic.
* * *
Ich persönlich war noch nie ein Freund davon, anderer Leute Lebensfaden abzutrennen, auch nicht in mir selbst, denn das ist meinem Wesen zuwider und auch Bäumen gehe ich nur ungern mit einer Säge zuleide, zumal wenn es sich um den eigenen Lebensbaum handelt. Freilich, ästhetisch ist es nicht immer, was uns im Leben erwächst und oft ist es auch tragisch, doch ohne Zweige können auch keine Blätter und keine Früchte gedeihen. Und es sind die Verzweigungen unseres Lebensbaumes, die uns einzigartig machen, so sind sie in allem würdig und unsere personale Würde auch verbunden mit der Einzigartigkeit, die uns daraus entsteht, dass wir in einmaligen Gefügen erblüht sind.
Nun ist es klar, dass ein solch erwachsener Baum kein unschuldiges Pflänzchen mehr ist, er hat eine Form gewonnen und mit jedem Jahresring schwinden die Möglichkeiten des Wandeln in andere Richtungen, wenngleich Leben immer Wandel ist und nichts bleiben kann. Und wie eine Reise keine Reise wäre, wenn wir die Wege, die wir gehen, nicht weiterführen würden, denn eine Reise ist nicht nur das, was vor uns liegt, sondern auch die Wege, die wir gingen, so kann ein Baum nicht leben ohne die Wurzeln, aus denen er sein Wasser schöpft. Mit jedem Jahr erhebt er sich mehr, vielleicht gibt es auch Rückschläge in den Stürmen des Lebens, doch gegründet in Wurzeln, Stamm und Ästen flechtet sich der Baum unseres Lebens voran.
Treeness (2021)
If we would live more consciously,
If we would use our senses more attentively,
Then we would realise that trees show us
What we are truly like:
Born from tiny seeds, unfolded over years,
Indigenous and intertwined with what is around us
We have a solid trunk and many branches:
The future lies before us as a treetop of possibilities,
Upwards it tapers many times,
And yet the squirrel only leaps onto one branch out of many.
And into the unconscious, into our roots, it ramifies too,
But we cannot understand that,
That our origins, too, flow into diversity,
A vast subterranean network that is our root system,
And because we don’t see it, we don’t believe it,
And yet we draw all our force from it,
For not from the sunny workings of heaven alone,
But also from the waters of the underworld
We gain our strength to live.
* * *
Wir sind am Ende unseres Lebens dann wie ein Vogel Phönix, der in den hohen Zweigen eines Baumes sitzt mit vielgestaltigen Verzweigungen im Geäst, auf das wir herabblicken, bevor wir in den Äther hinaufsteigen, diesen einen Baum verlassend, um vielleicht den gesamten Wald in Augenschein zu nehmen…
Und so der Himmel uns gnädig ist – gleiten und flügeln wir dann durch einen gelösten, licht gefluteten Himmel als ein neues Wesen, das einzigartig und doch ewig ist.









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