Es war ein langer und anstrengender Tag gewesen, weit weniger gekühlt als angenommen, doch für mich war die Qual der Hitze nichts im Vergleich zu der der Hummel, die ihr Leben verlor.
Generell mag ich Hitze eben sowenig wie Kälte und wäre für die gemäßigten Breiten in Europa wie geschaffen, wenn es sie denn noch gäbe. Doch die – sehr wahrscheinlich – menschengemachte Höllenhitze setzt mir jedes Jahr mehr zu. Auch leide ich sehr unter dem Missstand, dass die Urlaubssaison in Baden-Württemberg immer erst im August einsetzt, sodass ich mich durch den höllisch heißen Juli quälen muss in nicht klimatisierten Bauten, die sich irgendein Sparfuchs und Menschenfeind ausgedacht hat, um Jugendliche zu quälen. Insofern war ich sehr froh, als ich an diesem Montag um 15.40 Uhr endlich den Schienenersatzverkehrsbus betrat in der Hoffnung, dass sich dieser zwar langsam, aber stetiger als die einstigen Züge, Richtung Lauchringen aufmachen würde.
Ich hatte mich kaum gesetzt auf meinen Lieblingsplatz, links hinter den Fahrer, damit mich der chaotische Verkehr in Waldshut möglichst wenig nerven würde, als mich ein Insekt in meinen weißen Haaren aufschreckte. Da ich eine Bienenstichallergie habe, macht mich das immer etwas nervös, aber es war nicht wie befürchtet eine Biene oder Wespe, sondern eine sehr große Hummel.
Auch Hummeln haben es im Juli nicht leicht. Diese hier hatte die fürchterlich überhitzte letzte Woche überlebt, hatte sich nach einem morgendlichen Regenguss wahrscheinlich mit frischem Mut aufgemacht, um, was nicht leicht ist in Waldshut, entweder eine noch blühende Linde oder ein Lavendelbeet zu finden, hatte es vielleicht sogar gefunden, nur um dann versehentlich in einem Schienenersatzverkehrsbus zu enden. Das war fatal.
Ich mag Hummeln eigentlich sehr und bemühe mich in meinem Garten immer, sie durch den Juli zu bringen, der für Insekten eine sehr spärliche Jahreszeit ist. Daher reichte ich der Hummel, die sich inzwischen ans Fenster neben mich gesetzt hatte, ein wassergetränktes Taschentuch, womit sie sich dann etwas stärkte, nur um dann wieder wilde gegen die Fensterscheibe zu fliegen. Hätte ich, wie zuhause üblich, so etwas wie ein Glas gehabt, oder wenigstens Allergiemedikamente dabei, hätte ich vielleicht versucht, sie aus dem Bus zu retten. So aber wechselte ich sicherheitshalber auf den Platz auf der rechten Seite und ließ die Hummel am linken Fenster patrouillieren. Dabei bemerkte ich, dass die Hummel zudem auch noch von einer Varoamilbe befallen war, die sie nicht abzustreifen vermochte. Was für ein armes und leidendes Ding! Mich schauderte.
So setzte sich der Schienenersatzverkehrsbus in Bewegung, schob sich an den Ampeln des Bahnhofs vorbei, die ewig bestaute Straße entlang Richtung Schmittenau, Zoll und dann zum ehemaligen Lonzaareal.
Da entschied sich die Hummel, ihr Glück auf der anderen Seite des Busses zu versuchen, wahrscheinlich, weil sich das Fahrzeug gedreht hatte und die verlockende Sonne nun auf der anderen Seite schien. Sie flog zum Busfahrer vor und dann mehrmals heftig gegen die geschlossenen Einstiegstüren. Womöglich wäre das bei einem normalen Bus dann letztlich auch die Rettung gewesen, denn hätten sich die Türen an einer der vielen Haltestellen geöffnet, wäre sie vielleicht ins Freie gelangt – zwar weitab von ihrer Heimat – aber ins Offene hinaus! Doch dieser Bus war ein Schienenersatzverkehrsbus und er hielt nicht an den vielen normalen Haltestellen, so schob er sich, deutlich überhitzt, weiter durch den ruckelnden Verkehr und irgendwann gingen der kleinen Hummel dann wieder die Kräfte aus und sie kauerte sich auf den Boden vor der Einstiegstüre, was ein schrecklicher, tödlicher Fehler war.
Denn als sich die Türe an der Haltestelle Tiengen Mitte dann endlich doch öffnete, wurde sie von den Einsteigenden sofort unbarmherzig zertrampelt: Nicht einmal, nicht zweimal, nicht dreimal – denn das überlebte sie zu meinem Erstaunen irgendwie noch – sondern viele Male. Und einer dieser Passanten, ein sonst recht anständiger kleiner Junge von fünf Jahren, gekleidet ganz in Grün, setzte sich direkt neben mich und nuckelte dann den Rest der Fahrt neben mir an seiner Zuckerflasche, die tote Hummel vor ihm nicht bemerkend. Und ich dachte mir: Wenn die Menschen doch bewusster Leben würden, könnten sie viel Leid verhindern. Doch sie leben nicht bewusst, sondern nur in sich hinein und die wenigen, die sich ihrer Umwelt bewusst sind, haben zu wenig Kraft.
Da dachte ich mir, wie viel Unglück sich wohl täglich ereignet, was wir gar nicht bemerken und wie wenige aufmerksame Seelen es gibt, die Mut und Kraft haben, das kleine Leben zu retten. Denn jeder ist doch entweder mit sich selbst beschäftigt oder will die Welt erobern, und dafür gibt es dann Applaus, doch die kleinen Wesen gehen meist unter, unbemerkt. Man könnte jetzt einwenden, dass Kleingetier ohnehin keine Gefühle hat, doch gerade für Hummeln trifft das nicht zu, denn nicht nur, dass sie wie alle Wesen mit Nervensystem, Schmerz empfinden, wie ich gelesen habe, kann hat man auch festgestellt, dass sie Ball spielen – woraus zu schließen ist, dass sie wohl auch sowas wie Spaß oder Freude empfinden.
Für diese eine Hummel war der Tag aber nicht freudig und ich hoffe sehr, worauf ich vertraue, dass es im Himmel unter den vielen wenigstens einen Engel gibt, der sich um Wesen wie die Hummel kümmert, denn wie armselig wäre der Kosmos, wenn er sich nur um so engstirnige Wesen wie Menschen drehte.









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