Neid ist ein schlechter Ratgeber!

"Grün vor Neid" (Foto: Irene Constatino via Pexels)
"Grün vor Neid" (Foto: Irene Constatino via Pexels)

Wir leben in neidischen Zeiten. So wie einst der Slogan „Geiz ist geil“ die Runde machte, so tragen viele Menschen unserer Gesellschaft den Neid stolz vor sich her, so, als wäre er eine große Errungenschaft. 

Aber Neid gilt traditionell nicht umsonst als eine der sieben Todsünden. Neid für zu sozialen Zerwürfnissen, zerstört Solidarität und vergiftet den Charakter. Aktuell sieht es fast so aus, als wenn extreme Parteien, die sich als Alternative gerieren, neue Höchststände erreichen werden bei den anstehenden Wahlen. Das finde ich äußerst bedenklich, weniger nur, weil es solche Parteien gibt – denn die gab es immer wieder in der Geschichte der Bundesrepublik, als aufgrund dessen, dass so viele Menschen in ihnen offensichtlich wirklich eine Zielvorstellung sehen.

Einerseits liegt das meines Erachtens daran, dass die meisten dieser Menschen das Parteiprogramm nicht gelesen haben, das noch neoliberaler durchwirkt ist als das der demokratischer Parteien ohnehin schon (womit ein weiterer sozialer Raubbau zu befürchten steht), andererseits aber auch darum, weil populistische Parolen in erster Linie die Gefühlsebene berühren – was plastikwort-affine Politiker heute sonst in der Regel zu vermeiden suchen. Das ist vielleicht eine bedeutende Ursache für viele Fehlentwicklungen: Politiker, die nur ein System bedienen und Bürger als Zahnräder betrachten, haben die Bedeutung von Freiheit, Personalität und Solidarität nicht verstanden.

Und aus gutem Grund prägte der französische ehemalige Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel genau dagegen 2010 die Parole: „Empört euch!“ – was damals in gewisser Weise das Wutbürgertum philosophisch legitimierte. Allerdings idealisierte Hessel damit ein wenig, was Wut bedeutet – denn, was Wut hervorruft, sind nicht immer Beweggründe von hoher Wertigkeit und 16 Jahre später darf man die Gesinnung so mancher Wutbürger durchaus anzweifeln. Denn das Gefühl, was aktuelle Alternativparteien in aller erster Linie berühren ist Neid.

Neid ist in Deutschland leider ein Grundzustand geworden. Neidisch ist der heutige Mensch prinzipiell auf allen anderen, denen es angeblich besser geht: Neidisch ist man auf andere Berufsgruppen, die Nachbarn, die angeblich unverdient ein besseres Leben führen oder andere Eltern oder Kollegen, die einfach so paradiesische Zustände genießen, während man selbst kaum über die Runden kommt. Neidisch ist man aber auch auf Hilfsleistungen, die der Sozialstaat Bedürftigen wie Kranken, Behinderten oder Migranten zukommen lässt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Sozialleistungen zu beantragen dank der überbordenden deutschen Bürokratie das gerade im Gesundheitswesen mehr einem Spießrutenlauf gleicht als einer Beschenkung. Das dürfte auch Migranten nicht besser gehen.

Der Sozialneid gegenüber Migranten verdreht vorhandene Missstände, verhindert Problemlösung eher, als dass er zu konstruktiven Lösungen führt. Eines vorweg: Die deutsche Demokratie hat sich die aktuelle Situation zu großen Teilen auch selbst zuzuschreiben – wer über Jahrzehnte hinweg in einer alles umfassenden Großen Koalition technokratisch eine TINA-Politik predigt („There Is No Alternative“) und Strukturprobleme, statt sie zu lösen, nur verschleppt, oder sie durch eine allzu glattgebügelte Rhetorik kaschiert, in seiner Filterblase ausblendet, ignoriert, muss sich nicht wundern, wenn Wähler aus Wut zu Extremisten abwandern. Außerdem muss ich kritisieren, dass die deutsche Politik in den Jahren 2020-2025 diverse Warnschüsse vor den Bug nicht ernst genug genommen hat. Die Mehrheiten wurden immer kleiner, aber man sah die Schuld eher bei den anderen.

Inzwischen ist jede Wahl für gemäßigte Wähler zu einer Zitterpartie geworden. „Wie schlimm wird es diesmal wieder werden?“ – fragt man sich meist. Politische Wahlergebnisse sind aber nur die Spitze des Eisberges, und Parteien zu verbieten oder soziale Netzwerke zu regulieren, jene Trollwiesen der Gegenwart, löst nicht die zugrundeliegenden Probleme in der Gesellschaft. Dazu müsste man dann endlich die zerfallenden Sozialstrukturen kitten statt weiter kaputt sparen und statt Wähler in ihren konsumistischen Privatutopien zu bestätigen müsste man etwas beherztere Taten folgen lassen, und zwar konstruktiv-soziale, nicht bloß destruktiv-finanzielle.

Das Hauptproblem liegt meines Erachtens nicht etwa bloß in Ignoranz gegenüber den Wählern, sondern auch an einer verqueren Anspruchshaltung in Politik wie auch der Wählerschaft, der Masse von Bundesbürgern, die in einer Konsumgesellschaft aufgewachsen sind, wo man Lifestyle mit Ethik verwechselt und wo die ästhetische Ausformung des gesellschaftlichen Diskurses wichtiger nimmt als Wahrhaftigkeit. Daher wurden aufrichtige Diskussionen lange vermieden um der Schönheit der Politik wegen oder die eigene Karriere nicht zu gefährden. Das entbehrt der Wahrhaftigkeit. Wahrhaftigkeit wohlgemerkt, nicht bloß Wahrheit. Denn man kann auch mit der Wahrheit seine Spiele treiben, indem man unappetitliche Sachverhalte verschweigt, um potentielle Wähler nicht vor den Kopf zu stoßen. Das hat sich unter dem aktuellen Bundeskanzler merklich geändert, was ich tatsächlich auch positiv sehe, allerdings doch noch nicht in einer Weise, die dem Diskurs abhelfen würde. Dazu müsste man vielleicht doch wieder etwas stärker sozialethische Werte in den Vordergrund rücken statt bloß Wirtschaftsstatistiken und andere technokratische Faktoren. Oberste Tugend einer Gesellschaft sollte das Gemeinwohl sein, unabhängig von der parteipolitischen Ausformung. Dann wäre auch klarer, dass „Geiz“ und „Neid“ keine plausiblen ethischen Maximen sind.

Neid ist ein sehr schlechter Ratgeber, in Politik, aber auch im Privatleben. Wenn ich neidisch das Umfeld um mich herum beäuge, verschließe ich mich konstruktiven Möglichkeiten, weil ich die Gerechtigkeit an sich in der Gesellschaft infrage stelle. Ich sehe im anderen nur einen missliebigen Konkurrenten um mein Glück, sehe weder dessen Leid, noch fühle ich mich veranlasst, etwas für die Gesellschaft zu tun. Während ich Eifersucht als Gefühl noch eine Berechtigung abgewinnen kann, sollte man Neid meines Erachtens stärker negativ bewerten. Denn Neid gibt es auch nur, wenn noch ein schlimmeres Laster mitwirkt, die Hybris. Nur wenn ich mich selbst für besser als andere halte, kann ich überhaupt auch den Gedanken kommen, anderen etwas abzusprechen, weil sie es angeblich nicht so verdienen, wie man selbst. Rassismus, Faschismus und Nationalismus sind aktuell noch kein Selbstwert, sondern Folge eines ausufernden Grund-Neides.

Da ja ethische Prinzipien eher abstrakt sind, kann man sich in konkreten Fällen im Alltag vielleicht mit der 44. Maxime von François de La Rochefoucauld behelfen, die da lautet:

„Bevor man etwas brennend begehrt, sollte man das Glück dessen prüfen, der es bereits besitzt.“
François de La Rochefoucauld (1613–1680), Maximen und Reflexionen, Maxime 44

Dieser Tipp hat mir selbst im Leben schon oft geholfen, wenn mich neidische Gefühle überkamen. Er wäre vielleicht auch für Wähler nützlich, die andere Sozialgruppen beneiden, beispielsweise Migranten. Möchte man denn wirklich deren Lebenserfahrungen teilen, in Flucht und Verfolgung und mit allerlei Traumata leben? Ich denke nicht, dass dies die Mehrheit der Bevölkerung wirklich will. Es wäre aber auch praktisch, wenn die Regierenden im Lande sich ab und zu überlegen würde, ob es dem „einfachen Volk“ wirklich zu gut geht, wie das bisweilen unterstellt wird. Auch darin spiegeln sich Neid und Ungunst.

Die Zeiten sind seit 2020 nicht einfacher geworden, aber gerade deshalb bräuchten wir mehr Solidarität und Nächstenliebe und sollten zusammenhalten, statt uns durch Neid und Geiz aufspalten zu lassen.

 

Über Martin Dühning 1.727 Artikel
Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau sowie Informatik in Konstanz, arbeitet als Lehrkraft am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.

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