„Wir haben auch einen kulturerhaltenden Auftrag!“

Generalsekretär Mikas Raenarven in der Regierungsvilla in Velia, Averne (Grafik: Martin Dühning, KI-bearbeitet)
Generalsekretär Mikas Raenarven in der Regierungsvilla in Velia, Averne (Grafik: Martin Dühning, KI-bearbeitet)

Im Herbstinterview äußert sich Mikas Raenarven, der amtierende Generalsekretär der Neu-Nitramischen Konföderation, zu den aktuellen Geschehnissen.

Der amtierende Generalsekretär der Neu-Nitramischen Konföderation nahm sich für Anastratin.de Zeit für ein Interview, zu dem er in den Wintersitz der Föderationsregierung in der Stadt Velia in Averne (Tyndalis) einludt.

Anastratin.de: Herr Raenarven, wir freuen uns, Sie erneut befragen zu dürfen. Seit unserem letzten Interview bei Ihrem Amtsantritt hat sich eine Menge getan – seither waren auch einige neue Krisen zu bewältigen. Wie sehen Sie die aktuelle Lage?

Raenarven: Wir leben in „interessanten Zeiten“. Was im alten Menschenreich China als Fluch galt, kann man für sich aber auch als Lebensauftrag fruchtbar machen. Wäre es besser, in langweiligen Zeiten zu leben? Ich denke nicht. Letztlich bräuchte es auch weder Verwaltung noch Politik, wenn alles immer ganz von alleine funktionieren würde. Dass es in schwierigen Zeiten beherzte Maßnahmen braucht, ist eine der Begründungen dafür, dass Gesellschaften überhaupt Regierungen brauchen. Freilich gab es für unsere Regierung allerdings schon sehr viel zu tun durch die außerordentlich vielen Missernten, Klimakrisen und Umstürze. Leider, leider gesteht man uns im Ausland auch selten die Ruhe zu, die wir bräuchten, um wieder eine florierende Wirtschaft, Kunst und Kultur zu betreiben. Teils ist es auch schon recht keck, was da manch einer von uns abverlangt, und oft so ganz ohne angemessene Gegenleistung.

Anastratin.de: Meinen Sie damit die recht ruppige Behandlung der kaiserlichen Außenlegaten, beispielsweise im Foriensis Sektor?

Raenarven: Mitunter meine ich die auch. Ich finde es wirklich hochinteressant, wie selbstverständlich augenscheinlich uninformierte ausländische Politiker unsere Legaten für Versäumnisse verantwortlich machen, die sie eigentlich selbst zu verschulden haben. Das wäre teils Stoff für eine Tragikomödie oder aber eine gute Zeitungslektüre, wenn Pressefreiheit im Ausland mehr wäre als nur eine hohle Parole. Wenn ich in den Geschichtsbüchern blättere, was dort früher an Leistungen erbracht wurde, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dort kultureller Niedergang vielem die Substanz geraubt hat, was bleibt, sind Fassaden und morsche Nervositäten, die Moralität vorgaukeln. Oder aber eitles Blendwerk. Moralische Empörung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen, sagt man ja nicht umsonst. Aber eigentlich wäre das alles nicht unser Problem und unsere Legaten hätten nur halb soviel zu tun, wenn sie nicht ständig für anderer Leute Versäumnisse verantwortlich gemacht würden. Es absurd, dass man uns in der Regel demonstrativ warten lässt, umgekehrt aber sofortiges Handeln von uns fordert – und das in unmöglichen Situationen. Allerdings sind unsere Legaten sehr kompetent und krisenfähig, wir verkraften das. Unnötig und ärgerlich ist es allemal.

Anastratin.de: Mit den Planeten von Hausrya hat sich die Neu-Nitramische Konföderation schlagartig deutlich vergrößert. Die Übernahme belastet eine ohnehin überlastete Ökonomie. Hätte die Annektion nicht vermieden werden können?

Raenarven: Sie können entweder Verantwortung übernehmen als Politiker, dann müssen Sie vernünftige oder wenigstens effektive Maßnahmen ergreifen, beispielsweise, wenn eine verbündete Nation kollabiert, oder Sie drücken sich um Ihre Verantwortung, wie das heutzutage im Ausland sehr beliebt ist, und dann können Sie nur hoffen, von den Trümmern nicht mit erschlagen zu werden. Das ist aber nicht unser Stil, es wäre höchst unmoralisch und kurzsichtig. Hätten wir die regierungslosen Planeten sich selbst überlassen sollen und abwarten, dass Briganten und Piraten über sie herfallen? Wohl kaum. Daher gab es zur Annektion von Hausrya meines Erachtens keine Alternative. Allerdings hätte es einen sehr viel günstigeren Zeitpunkt für die Übernahme gegeben, wenn der zuständige externe Markgraf die Herausgabe nicht mutwillig verzögert oder einfach nur verschlampt hätte. Durch die fast einjährige Verzögerung ergab sich ein Machtvakuum, was die nitramischen Steuerzahler nun sehr teuer zu stehen kommt, und das verärgert mich sehr. Ich denke, das wird noch ein Nachspiel haben, denn alles lassen wir uns nicht gefallen.

Anastratin.de: Der kaiserliche Legat des Ostens konnte die Übernahme dennoch erfolgreich abschließen.

Raenarven: Nun, ganz abgeschlossen ist die Übernahme freilich noch nicht. Doch Legat Ian Delessian ist ein sehr fähiger Staatsmann und das alte Sprichwort „Ein kaiserlicher Legat ersetzt eine Armee“ passt hier ausgezeichnet. Durch sein diplomatisches Geschick haben wir nun wieder eine vernünftige Basis, auf der man Neues aufbauen kann. Ich kann mir nur wünschen, dass man ihm auch im Foriensis Sektor Gehör schenkt.

Anastratin.de: Welche Zukunft sehen Sie für Hausrya?

Raenarven: Angesichts der mangelhaften Datenlage ist das für mich zum aktuellen Zeitpunkt nur schwer zu beurteilen. Sicher ist nur, was wir für Aufgaben in der Gegenwart haben: Sichern, was geblieben ist. Da der Großteil der Bevölkerung dieses gefallenen Kaiserreichs leider schon vor Jahrzehnten in Seuchen und Aufständen nach dem Sturz der Kaiserin umgekommen ist, gibt es nur noch wenige Überlebende, zu wenige, um einen neuen Staat zu etablieren. Auch die Paläste und Schatzkammern haben wir nur noch geplündert vorgefunden. Allerdings dürfte sich in diesem Kaiserreich noch sehr viel an Kultur befinden, was derzeit vergraben und verschüttet ist. Wir werden dort also hauptsächlich archäologische Grabungen vornehmen und versuchen zu retten, was von dieser sehr geschichtsträchtigen Kultur noch übrig ist.

Anastratin.de: Wird das nicht sehr teuer werden und lohnt sich das überhaupt – immerhin wird die neue Kolonie sehr viele Ressourcen binden?

Raenarven: Ökonomie ist sehr wichtig, um einen Staat zu erhalten, aber nicht sein alleiniger Daseinszweck. Wir haben auch einen kulturerhaltenden Auftrag! Wir schulden es den vergangenen Generationen in Hausrya und Wyrtenberga, dass wir ihr Andenken sichern und wahren. Wie immer wird das dazu führen, dass wir Relikte sammeln, die für Außenstehende wertlos sind, die nur auf Materielles achten, nicht auf den höheren Sinn einer Sache. Das ist allerdings nicht ganz neu in der nitramischen Geschichte. Denken Sie nur an die Widerstände im Kibur’Gate-Sektor, wo Legat Camille Ezren seinerzeit verloren geglaubte Kolonien zu einer Wiedergeburt verhalf und beachtliche historische Archive rettete – teils auch gegen heftigen Widerstand. Freilich war der Glaube in der Galaxis schon größer als heute. Aber wer nicht an einen höheren Sinn glaubt, hat in Nitramien ohnehin nichts zu suchen. Hausrya ist nun bis auf Weiteres Teil von Nitramien und wir werden dort gemäß unseren Grundsätzen wahren, was erhaltenswert ist. Das braucht Zeit und leider auch Energie – auch wenn beides für uns sehr knappe Güter sind. Wer weiß, vielleicht ergeben sich dort aber auch neue Handelsbeziehungen, die Anrainerstaaten waren ja wohl offenbar nicht ganz abgeneigt, neue Verträge einzugehen.

Anastratin.de: Kann man dem aber trauen? Immerhin dürften die Nachbarstaaten dort nicht ganz uneigennützig sein.

Raenarven: Wer uneigennützig erscheint, lügt meist nur. Ich halte Parteien für stabiler und berechenbarer, wenn sie transparente Eigeninteressen haben, statt diese zu verschleiern. Das haben diese Leute. Wenn deren Interessen mit unseren übereinstimmen, stimmt ja die Richtung, dann kann daraus durchaus Nützliches entstehen. Viel ist noch nicht über sie bekannt, doch scheint der Wohlstand dort größer zu sein als im Umfeld von Ninda, so müssen wir zumindest nicht fürchten, wieder ausgeplündert zu werden – das wäre dann nämlich wohl ohnehin auch schon passiert mit den Planeten, als sie brach und ohne Regierung lagen, weil sich dieser Markgraf nicht wirklich darum gekümmert hat. Wir kümmern uns nun darum. Es wäre doch sehr törricht, jetzt übergriffig zu werden, wo unsere Truppen da stationiert sind. Gefahr droht uns derzeit wohl eher anderswo.

Anastratin.de: Was ist aus Ihren Vorsätzen geworden, die Sie bei Ihrem Amtsantritt formuliert haben?

Raenarven: Der Gang der Ereignisse hat mir meine Sichtweise zumindest teilweise bestätigt. Außerdem hat unsere Fiskalpolitik durchaus Wirkung gezeigt, auch wenn uns die außenpolitische Lage mal wieder das Arbeiten deutlich erschwert. Es hilft ja wirklich nichts, wenn wir Geld sparen, nur um es dann in Löcher zu stopfen, die andere für uns auftun. Aber wir arbeiten daran, das abzustellen. Ich möchte trotz aller außenpolitischer Erschwernisse jedenfalls auch mein Ziel nicht aufgeben, die Neu-Nitramische Konföderation in sich zu stabilisieren, indem die Teilstaaten gestützt werden, wo sie Hilfe brauchen und der Binnenhandel gestärkt wird. Ich denke, die aktuelle Entwicklung zeigt sehr deutlich, dass wir uns auf den Außenhandel und Hilfe von außen nicht mehr verlassen können. Das hat zwar meines Erachtens auch früher nicht wirklich funktioniert, aber jetzt wird doch mehr als klar, dass von außen eher Schaden kommt, mal abgesehen von den ganz wenigen Nationen, die mit uns einen Handelsvertrag haben, wie Veamoris.

Anastratin.de: Manche werfen Ihnen Aktionismus vor, weil Sie doch oft pressewirksam beim Verteilen von Hilfsgütern dabei sind.

Raenarven: Wenn Sie irgendetwas tun, wird es immer Leute geben, die daran etwas zu kritisieren haben. Aber wäre es deshalb besser, nichts zu tun? Ich möchte kein unnahbarer Kanzler sein, sondern ein Generalsekretär, der auch Hand anlegt bei Hilfsaktionen für Bürger, für die er arbeitet. Wenn es nötig ist, verteile ich Care-Pakete auch selbst. Außerdem höre ich mir gerne an, was mir die Leute zu sagen haben, das erweitert auch meinen Horizont. Politische Entscheidungen dürfen nicht in irgendwelchen Hinterzimmern getroffen werden, sondern transparent und im Austausch mit dem Volk. Verstehen Sie mich nicht falsch: „Vanae voces populi non sunt audiendae“ – man darf rationale Entscheidungen nicht unter dem Eindruck einer aufgebrachten Menge treffen. Aber zuhören sollten Sie schon, damit Sie zu einem objektiven Urteil kommen. Und damit man nicht Gefahr läuft, theoretische und praxisferne Entscheidungen im politischen Elfenbeinturm zu treffen halte ich es für geboten, eben auch mit dabei zu sein bei den Geschehnissen der Zeitgeschichte – den guten wie den bedrohlichen. Davon bin ich überzeugt. Ich möchte im Übrigen auch Hausrya besuchen und der dortigen Bevölkerung Gehör schenken, sobald der Planet nicht mehr unter Quarantäne steht.

Anastratin.de: Passt das denn zu der luxuriösen Villa, in der wir dieses Interview gerade abhalten? Ist es doch nicht sehr künstlich, wenn sich ein wohlhabender Staatsbeamter gnädig zu den Armen und Notleidenden herabbeugt.

Raenarven: Nun provozieren Sie schon arg. Das hier ist kein fürstlicher Palast, sondern eine Villa, die für nitramische Verhältnisse zudem recht zurückhaltend eingerichtet ist. Soll ich nun ein schlechtes Gewissen bekommen, weil wir in Nitramien – trotz der ganzen Missernten und Schicksalsschläge noch ein wenig Lebenskultur und Wohlstand haben? Es geht den Armen nicht besser, wenn Sie sich in Lumpen hüllen und so tun, als seien Sie selbst arm. Außerdem dürfen Sie sich hier ruhig umschauen: Mein Ziel habe ich erreicht, wenn überall in der Neu-Nitramischen Konföderation solcher Wohlstand und solche Ästhetik herrscht wie in dieser repräsentativen Villa, in der wir Staatsgäste empfangen und Kulturbotschafter. Und auch, wenn es kühn klingt, tatsächlich gibt es Überlegungen, Hausrya zumindest teilweise wieder aufzubauen und für den Tourismus zu öffnen. Dann würden auch dort wieder solche Villen stehen – so wie vor etwa 120 Jahren, als die dortigen Kaiserreiche noch in Blüte standen und sehr viel prächtigere Paläste die dortigen Besucher erstaunten. Eine kleine Renaissance? – unmöglich ist das jedenfalls zum aktuellen Zeitpunkt nicht. Insofern, wenn ich mich „herunterbeuge“ zu Notleidenden, dann um ihnen zu diesem Wohlstand hochzuhelfen. Ich unterscheide durchaus zwischen Mitleidigkeit und Barmherzigkeit. Letztere hilft auf. Das ist auch das Ziel von nitramischer Entwicklungshilfe. Man hat mich oft kritisiert  dafür, dass ich bei der Entwicklungshilfe Einschnitte gemacht habe – dabei wird allerdings oft unterschlagen, dass wir durchaus zwischen sozialer Hilfe unterschieden haben und verzichtbaren Kulturangeboten, die man ohnehin meist nicht gewürdigt hat. Letzteres war ein Luxus, das erstere ist und bleibt ein Gebot der Nächstenliebe, an der wir nicht sparen. Dabei darf man aber auch sein Selbstwertgefühl nicht über Bord werfen.

Anastratin.de: Haben Sie Ihrer Agenda von einst inzwischen noch etwas hinzuzufügen?

Raenarven: Ich bin mit meinem Programm von damals noch lange nicht fertig, neue Programmpunkte gibt es frühestens in der nächsten Legislaturperiode und wenn aktuelle Erfordernisse Spontanität erfordern, muss man sowieso pragmatisch bei der Umsetzung sein. Aber sehr gerne werde ich mich mit Ihnen wieder unterhalten, wenn es soweit ist.

Anastratin.de: Herr Generalsekretär, wir danken für das Gespräch.

Das Gespräch führte Nils Kawomba.

Nils Kawomba
Über Nils Kawomba 249 Artikel
Nils Kawomba, ehemals Chefredakteur der NNZ (Neue Nitramische Zeitung), ist unser nitramischer Korrespondent in Ventadorn (Ninda).

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