Die Weißhexe Elaine von Ellesmere ist seit 566 a. C. amtierende kaiserliche Legatin des Nordens. Als solche soll sie demnächst die neue Provinz Hausrya dekontaminieren. Anastratin.de hat sie zuvor auf ihrem Amtssitz in Fornost interviewt.
Anastratin.de: Euer kaiserliche Majestät, wir danken Euch, dass Ihr uns hier auf Eurem Amtssitz empfangt und wir mit Euch zum ersten Mal in der Geschichte eine Legatin des Nordens interviewen dürfen.
Elaine von Ellesmere: Ich grüße Euch, Herr Kawomba. Dass es keine Interviews gab, lag allerdings nicht an mir und meinem Vorgänger, sondern eher daran, dass wir als Legaten des Nordens gemieden werden. Immerhin haben wir sonst nur mit Flüchen, Untoten oder Seuchen zu tun.
Anastratin.de: Ihr habt das Amt im Mai des Jahres 566 a. C. übernommen, nachdem Euer Vorgänger, Juniper Stratian, damals selbst Opfer der Sylvestrischen Pocken wurde. Damals wart Ihr noch eine sehr junge Weißhexe. War es schwer, in die Fußstapfen von Stratian zu treten?
Elaine von Ellesmere: Ich war tatsächlich noch recht jung und die Anfrage hat mich damals überrascht, zumal ich selbst erst kurz zuvor zur vollwertigen Hexenmeisterin aufgestiegen war. Allerdings hatte ich das Glück, dass sich in den ersten Jahren meiner Amtszeit keine so schweren Krisen mehr ereigneten, sodass ich mich in Ruhe in das Amt einarbeiten konnte.
Anastratin.de: Hatten Sie Probleme, weil Sie ja eigentlich selbst eine Hexe sind?
Elaine von Ellesmere: Mein lieber Herr Kawomba: Ich bin eine Weißhexe, keine Kinder fressende Lebkuchenhexe! Wir Weißhexen sind eigentlich genau genommen eher Hexenjägerinnen als Hexen im volkstümlichen Sinn. Unser Zirkel war bereits vor Jahrtausenden auf Jolandin im Einsatz, um das Böse in der Welt einzudämmen. Das ist eigentlich jedem in der Elbenwelt klar und auch den Tyrillianern und Andraskanern. Wenn überhaupt, gibt es einige Vorbehalte gegenüber uns nur von Seiten fundamentalistischer perillianischer Sekten, die allerdings gegen jeden Art von Magie sind und eigentlich selbst ein Fall für den Censor.
Anastratin.de: Manche Kritiker werfen den Weißhexen Sexismus vor, weil Sie in ihren Zirkel keine Männer aufnehmen.
Elaine von Ellesmere: Auch dieser Kritikpunkt kommt hauptsächlich von den eben genannten perillianischen Sekten. Wir sind keine männerverachtenden Amazonen. Wir würden ja schon gerne auch Männer in unseren Zirkel aufnehmen, wenn es denn männliche Weißhexen gäbe. Aber jede Weißhexe ist nun mal weiblich und man wird als Weißhexe geboren, man sucht sich das nicht aus, wir sind eine unisexuelle Spezies, die ähnlich wie Dryaden oder Luftfeen nur in weiblicher Form existiert. Wie diese sind wir auch naturmagische Wesen, keine rein biologische Spezies. Allerdings brauchen wir im Unterschied zu Dryaden oder Luftfeen tatsächlich die Männer anderer Spezies, damit wir uns fortpflanzen können, was wir irgendwann müssen, weil wir ja sterblich sind. Weibliche Kinder einer Weißhexe mit einem irdischen Vater sind dann auch manchmal Weißhexen, allerdings nicht immer.
Anastratin.de: Also sind nicht alle Töchter von Weißhexen selbst Weißhexen? Woran erkennt man, dass die Tochter auch eine Weißhexe ist?
Elaine von Ellesmere: Ob eine Tochter eine Weißhexe ist, erkennt man erst später, wenn sie ihre magische Gabe entwickelt, etwa mit 11 Jahren, dann ändert sich ihre Augenfarbe in das charakteristische Goldgelb der Weißhexen. Wir können das natürlich auch magisch verbergen, aber jede Weißhexe erkennt eine andere Weißhexe an ihren Augen. Das ist untrüglich. Deshalb kann ich auch ganz sicher sagen, dass wir noch nie jemals irgendeine männliche Weißhexe gefunden haben. Wir haben wirklich Jahrtausende zurückreichende Chroniken, eine männliche Weißhexe gibt es noch nicht mal in Legenden. Allerdings muss ich durchaus zugeben, dass es bei den Elben Legenden darüber gibt, dass Weißhexen angeblich Kinder stehlen – das stimmt so nicht wirklich, was darin meist unterschlagen wird ist, dass es sich dabei in der Regel um Sorgerechtsstreitigkeiten zwischen den Weißhexen und den irdischen Vätern ging. Weißhexen werden in unserer Kultur immer von Weißhexen erzogen, also bei der Hexenmutter. Wir heiraten auch nicht, für Männer interessieren wir uns eigentlich auch nicht wirklich. Da wir für die meisten elbischen Königreiche Jolandins sehr wichtig waren, um die Mächte der Finsternis in die Schranken zu weisen, gestand man uns Weißhexen von königlicher Seite auf Jolandin das Recht zu, unsere Kinder zu uns zu nehmen. Aber in manchen Sagen stehen wir trotzdem als „Kinderräuber“ schlecht da. Heute, im modernen Nitramien, setzt das nitramische Recht natürlich auch das Sorgerecht der Väter durch und das akzeptieren wir natürlich genauso wie die Gleichstellung und überhaupt den gesamten nitramischen Dekalog. Mein Vater ist übrigens ein Jatan-Lichtelbe, von dem ich auch meine äußeren Züge geerbt habe und meine Mutter und mein Vater haben mich gemeinsam aufgezogen, auch wenn sie getrennt gelebt haben. Ich lebte zwar die meiste Zeit bei meiner Mutter, habe trotzdem eine sehr herzliche Beziehung zu ihm entwickelt. Wie man meinem Nachnamen entnehmen kann, stamme ich aus der Magierstadt Ellesmere in den Marschlanden von Averne, wo Elben und Weißhexen schon seit Jahrhunderten friedlich zusammenleben.
Anastratin.de: Also sind Sie nicht adlig?
Elaine von Ellesmere: Wir Weißhexen geben nicht viel auf materielle Güter oder Adelstitel. Sie werden kaum eine Weißhexe finden, die einen Titel trägt. Mein Nachname leitet sich von meiner Heimatstadt ab. Und die Elben von Ellesmere, meist Evalan oder Nirvith, sind übrigens auch meistenteils nicht adlig.
Anastratin.de: Warum sind Weißhexen so wichtig im Kampf gegen dunkle Magie?
Elaine von Ellesmere: Erst einmal haben wir in unserem Hexenzirkel eine Jahrtausende alte Kunst entwickelt, wie man allerlei gräuliche Geschöpfe in ihre Schranken weisen kann. Dazu erhalten alle Weißhexen auch eine Kampfausbildung. Zu den Gaben unserer Spezies zählt aber auch eine unglaublich starke magische Intuition. Wir sind weitaus besser als andere magische Wesen begabt darin, Magie aufzuspüren, zu entschleiern und wenn nötig zu bannen. Diese Gabe kann man natürlich auch an magischen Akademien erlernen, aber selten entwickeln Magier darin eine so große Meisterschaft wie wir Weißhexen sie von Natur aus besitzen. Außerdem sind wir selbst, ähnlich wie weiße Feen bei den Luftfeen, immun gegen Verzauberungen und Verhexungen und auch gegen die meisten Flüche. Das können sonst in der elbischen Tradition nur die Warlocks der Dunkelelben. Und zum Dritten beherrschen wir noch grüne Magie, weshalb wir auch Heilzauber wirken können. Wenn man dann wie ich auch noch einen Elben zum Vater hat, kann man sogar noch Astral- oder Elementarmagie erlernen. Zudem sind wir körperlich stärker als die meisten Akademiemagier und wir haben in der Regel mindestens die doppelte Lebensspanne unserer Väter, sofern wir unsere magischen Kräfte nicht vor der Zeit auszehren. Denn ähnlich wie bei Feen oder anderen naturmagischen Wesen begrenzt unsere angeborene Magiemenge unsere Lebenszeit. Deshalb können manche Weißhexen unglaublich alt werden. Als Legatin des Nordens werde ich bei meinem Magieverbrauch aber wohl nur etwa 400 Jahre alt werden, was aber allemal doppelt soviel ist wie die Lebenszeit von Jatan-Elben. Vermutlich werde ich dem Kaiser also noch etwa 300 Jahre lang als Legatin zu Diensten stehen können.
Anastratin.de: Können Sie auch auf einem Besen fliegen?
Elaine von Ellesmere: (Lacht) Ich sehe schon, Sie kommen nicht leicht von Ihren Vorurteilen gegenüber Hexen los. Natürlich kann ich schon auf einem Besen fliegen, wenn das sein muss. Aber um zu fliegen, brauchen wir Weißhexen eigentlich keinen Besen, Levitation klappt auch ohne ganz gut. Nur menschliche Hexenmeister brauchen einen Gegenstand um zu fliegen. Und nein, Flugsalbe gibt es bei uns Weißhexen auch nicht und wir treffen uns auch nicht konspirativ auf Hexensabbaten um mit irgendwelchen Dämonen zu paktieren. Pakte haben wir gar nicht nötig als naturmagische Wesen. Das gilt im Übrigen auch für die mit uns verwandten Mondhexen. Das einzige, was vielleicht zur Legende passt ist, dass wir in der Nacht auf Beltaine unser Jahresfest feiern, also das, was Menschen Walpurgisnacht nennen. Das machen wir allerdings sehr gesittet und es ist unser Frühsommerfest, wie übrigens auch bei den Elben, weshalb es ja auch ein Feiertag ist in der Neu-Nitramischen Konföderation. Daneben feiern wir auch Mittsommer und Mittwinter, unser Herbstfest haben wir aber am 22. September und nicht an Allerheiligen.
Anastratin.de: Kannten Sie Ihren Vorgänger Juniper Stratian persönlich?
Elaine von Ellesmere: Ich kannte den früheren Legaten des Nordens nicht persönlich, allerdings hat er sehr oft mit unserem Hexenzirkel zusammengearbeitet. Daher lag es für Kaiser Jitro Messalinas dann auch nahe, sich in unserem Zirkel nach einer Nachfolgerin umzusehen, zumal es nicht sehr viele andere Bannmagier mit den Fähigkeiten von Juniper Stratian gibt. Ich war dann aber schon sehr überrascht, dass er sich persönlich im Gespräch für mich entschieden hat. Es war natürlich eine Ehre sowohl für unseren ganzen Zirkel als auch für mich als Junghexe. Ich vermute mal, der Kaiser wollte uns Weißhexen damit auch öffentlich würdigen, weil wir ja letztlich auch eine Minderheit in der Gesellschaft sind – und es, wie man sieht, bisweilen immer noch Vorurteile gegenüber uns gibt.
Anastratin.de: Kaiser Jitro hat Sie nun damit beauftragt, die neue Provinz Hausrya zu dekontaminieren, auf etwaige Seuchen oder Flüche zu untersuchen und für eine Rekolonialisierung vorzubereiten. Wie sehen Sie dieser Aufgabe entgegen?
Elaine von Ellesmere: Ich habe mir bereits vor Ort am 16. Oktober 618 a. C. einen kurzen Überblick verschafft, konnte allerdings noch nicht mit der Arbeit starten, weil es wohl noch ein paar Probleme mit den orbitalen Schilden und mit dem planetaren Reaktor gibt. Das ist mir so noch ein wenig zu unsicher. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin recht kampferprobt und meine Truppen auch, allerdings kann ich mich nicht auf meine eigentlichen Aufgaben konzentrieren, wenn ich mit lästigen Überfällen von Briganten aus dem Orbit rechnen muss oder mit technischen Defekten. Daher warte ich noch ab, bis die 10. Flotte ihre Arbeiten an den Schilden und Abwehrsystemen beendet hat.
Anastratin.de: Sie sprachen von Problemen mit dem planetaren Reaktor. Was hat es damit auf sich?
Elaine von Ellesmere: Offensichtlich hat dort wohl jemand vor unserer Übernahme den Reaktorkern unsachgemäß heruntergefahren, weshalb sich die Techniker neben all dem anderen auch noch darum kümmern müssen, obwohl er jetzt momentan noch nicht gebraucht wird, weil die nitramischen Systeme im Orbit autark arbeiten. Das könnte sich aber noch ändern und dann wäre der planetare Kernreaktor systemrelevant. Womöglich war es wieder dieser berüchtigt unfähige externe Markgraf, aber letztlich ist es nicht meine Aufgabe, mich darum zu kümmern. Meine Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass auf dem Planeten keine Gefahren für die künftige Ziviladministration bestehen. Das betrifft mögliche Seuchen, schließlich ist der Großteil der ursprünglichen Bevölkerung durch solche umgekommen, aber auch Flüche oder Untote, was man bei der tragischen Vergangenheit des Planeten auch nicht ausschließen kann. Allerdings gehe ich momentan nicht davon aus, dass hier eine sehr große Gefahr besteht. Ich habe inzwischen zwar Grund zur Vermutung, dass Seuchen zum Fall der Kaiserin und zum Sklavenaufstand geführt haben und nicht umgekehrt, wie man oft hört, aber all das ist nun schon 48 Jahre her und es gibt nicht sehr viele Erreger, die eine so lange Zeit überstehen würden. Spuren von untoter Aktivität oder Flüchen habe ich auf Anhieb auch keine festgestellt, dafür allerdings allerlei magische Schutzartefakte gefunden, womit wir ehrlich gesagt nicht gerechnet hätten. Offensichtlich gab es sowohl im Althausrischen Reich unter Altkaiserin Magdalena als auch unter der späteren Herrschaft der Wyrtenberga doch einige fähige Magier oder zumindest Kleriker. Davon wusste die Geschichtsschreibung nichts. Es erklärt allerdings, wie im Norden des Planeten doch noch einige Bewohner im Verborgenen bis heute überleben konnten. Vielleicht gibt es auch noch weitere verborgene Enklaven. Wenn es allerdings so viele Schutzartefakte gibt, hielt man das vielleicht auch für nötig aus unbekannten Gründen. Bekannt ist auch aus den historischen Berichten des altmedeanischen Abenteurers Kapitän Migongi, dass Altkaiserin Magdalena eine Menge magischer Schutzbestien hielt, was irgendwie den Schattenläufern in der emolanischen Kultur ähnelt, die dort gegen Dämonen eingesetzt werden. Sollte es allerdings heute noch etwas mächtiges Böses in Hausrya geben, verbirgt es sich sehr gut. Ich muss da noch weiter nachforschen.
Anastratin.de: Inwiefern können Sie es mit Ihren durchaus begrenzten Truppen schaffen, das ganze Planetensystem zu dekontaminieren?
Elaine von Ellesmere: Das kann ich nicht. Wir machen dort kein Terraforming. Es geht nicht darum, in großem Stil den Planeten wieder urbar zu machen. Es reicht, auf dem Planeten eine Zone wiederherzustellen, wo eine zivile Administration die verbliebenen Kulturgüter für künftige Generationen sichern kann. Wir gehen nicht davon aus, dass sich auf dem weithin geplünderten Planeten noch irgendetwas befindet, was materiellen Wert besitzt, was einen Abbau in großen Stil rechtfertigen würde, allerdings hat sich gezeigt, dass sich mancherorts durchaus einige Kulturgüter befinden, die speziell für uns Nitramier wertvoll sind, weil sie historische und kulturelle Bedeutung haben. Dies soll gesichert werden, dafür werden wir eine kleine Kolonie und eine Stadt errichten, in der nitramische Gelehrte die Überreste der Kultur aufarbeiten können. Wir schätzen, dass dies in maximal sieben Jahren abgeschlossen ist. So lange wird der föderale Rat auch Mittel zur Verfügung stellen. Das reicht für die Rettungsmission, um aber den ganzen Planeten zu retten, wären Ressourcen in ganz anderer Dimension notwendig. Wenn wir ehrlich sind, stehen wir Nitramier in der Galaxie so ziemlich allein da, wir sollten uns da keine falschen Hoffnungen machen, das alte Kaiserreich Hausrya kehrt nicht wieder, es teilt das Schicksal aller Dinge: Es hatte seine Zeit und geht nun wieder über ins Reich der Ideen. In manchem erinnert dieses verlorene Kaiserreich an Ninda, in manchem auch nicht – hoffen wir mal, dass wir genug daraus lernen können, dass wir es besser machen.
Anastratin.de: Was hat das Kaiserreich Hausrya denn richtig gemacht, was falsch?
Elaine von Ellesmere: Ich will mich nicht aufschwingen, moralische Urteile über andere zu fällen. Das wäre vermessen. Die Kaiserin von Wyrtenberga war in sehr vielen Dingen sehr klug und hat ihr Reich teils moderner und effizienter gestaltet als die alten Reiche von Ninda. Doch wenig tragfähig erwiesen sich ihre Verbündeten, die sie letztlich zu Fall gebracht haben. Sie selbst hat im Übrigen auch Kaiserin Magdalena an deren Ende nicht helfen können oder den Jestrischen Kaisern. Das war ihre Unterlassung, das fiel letztlich auf sie zurück. Vieles, was ganz zuletzt schiefging, mag an der Tatenlosigkeit des Verwalters gelegen haben, aber in den Abgrund zogen sie ihre sogenannten Verbündeten, die in guten Zeiten mit ihr feierten, sie in schlechten aber fallen ließen. Letztlich ging Kaiserin Gisela unter, weil niemand für sie gekämpft hat. Es haben sich allerdings doch erstaunlich viele Leute an ihr bereichert, bis zuletzt. Das ist tragisch und fatal und hinterlässt einen sehr bitteren Beigeschmack. Und genau aus so einer himmelschreienden Ungerechtigkeit entstehen dann Flüche oder Heimsuchungen, das erzeugt Rachegeister, mit denen dann ich mich als Legatin des Nordens zu beschäftigen habe. Man darf allerdings nie Ursache und Wirkung verwechseln: Dunkel sind nicht zuerst die Orte, sondern dunkel sind zuerst die Herzen der Menschen. Und es macht erst dann Sinn, sich über eine Reinigung von Orten Gedanken zu machen, wenn das Dunkel der Herzen verschwunden ist. Darum trete ich auch erst jetzt in Aktion, denn solange noch dunkle Kräfte von außerhalb in Hausrya wüten, wäre es substanzlos.
Anastratin.de: Legaten des Nordens treten oft als Lebensretter auf. Wie stehen Sie zum Engel des Todes?
Elaine von Ellesmere: Wie lange ein Leben währt, steht nicht in unserer Hand. Niemand, selbst der größte Magier, kann Leben substanziell verlängern. Das ist der göttlichen Sphäre vorbehalten. Man kann mit Magie oder Heilkunst das Leben vielleicht etwas dehnen, wie ein Gummiband, es wird dann scheinbar länger, aber nicht besser und vor allem nicht mehr. Letztlich erzeugt man damit nur Leid, indem man die Existenz schmerzvoll zerdehnt. So etwas zu versuchen ist nicht meine Aufgabe und auch nicht die eines Heilers. Heiler können Unreinheiten und vor allem Ungleichgewichte beseitigen, insofern Hilfe leisten, aber wirklich heilen kann sich ein Körper nur selbst. Krankheit ist metaphysisch betrachtet ein Zustand von Unausgeglichenheit und Unreinheit gegenüber sich selbst. Dagegen ist der Engel des Todes nur der letzte Ausweg, er kommt, wenn sonst nur noch Leid ist. Natürlich wird jeder in Nitramien versuchen, Leben zu retten. Es gibt allerdings Grenzen, auch unter Berücksichtigung des Nitramischen Dekalogs und der Lebensethik der Tyrillianer. Nur Narren versuchen vor dem Todesengel davonzulaufen oder generell gegen ihn ins Feld zu ziehen. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass viele unzeitige Tode vermeidbar wären, wenn man Kranke richtig behandelt und bei Krisen beherzt und kompetent eingreift. Ein Wettkampf mit dem Todesengel ist das aber nicht aus meiner Sicht. Immerhin gehört auch die Entscheidung über Leben und Tod in die göttliche Sphäre, nicht in meine Zuständigkeit.
Anastratin.de: Hätten Sie das Leben der Kaiserin von Wyrtenberga verlängern können?
Elaine von Ellesmere: Ich bin der Kaiserin nie persönlich begegnet und sie befand sich auch nie in meinem Jurisdiktionsbereich. Ihr Exil lag außerhalb der Konföderation und ich bin eine Legatin des Inneren. Nach Aussage meines Kollegen, dem Legat des Ostens, ist allerdings schon von einem Versagen der Mediziner im Foriensis-Sektor auszugehen, von denen man auch sonst nichts Gutes hört. Die schlechte Presse ist meines Erachtens berechtigt. Gesünder wird man dort nicht gemacht, nur ärmer. Das kommt davon, wenn man nur dem Geldgott huldigt, nicht die Menschen heilt. Nitramische Ärzte hätten wohl kompetenter gehandelt. Allerdings war wohl auch nicht mehr viel Lebenswille bei der Kaiserin vorhanden. Vermutlich hätten nitramische Ärzte ihr Leben um ein paar Monate oder Jahre verlängert, heilen hätten sie sie nicht können und der Schaden, den der externe Markgraf durch seine Misswirtschaft anrichtete, wäre dann noch schlimmer gewesen. Letztlich war er auch für das Wohl der Kaiserin verantwortlich, womit sie schlecht beraten war. Wir Legaten sind doch recht froh, dass uns der Allianzvertrag der Dunischen Triarchie erlaubt, auf Ninda im Notfall direkt einzugreifen, dass hat bei den Altduniern und Hajoiden zu einer sehr viel besseren medizinischen Versorgung geführt und wir konnten Krisen so deutlich besser bewältigen. Aber unsere Kräfte sind begrenzt und wir können nicht die ganze Welt retten, zumal auch niemand da ist, der uns retten könnte, wenn es nötig ist. Daher muss auch ich als kaiserliche Legatin des Nordens immer mit Augenmaß handeln. Seine Aufopferungsbereitschaft kostete ja auch meinen Vorgänger das Leben.
Anastratin.de: Glauben Sie auch, dass in Nitramien zu wenig Geld für die medizinische Versorgung ausgegeben wird und zuviel für Militär und den Kultursektor?
Elaine von Ellesmere: Nein, das glaube ich sicher nicht. Die Kosten für die medizinische Versorgung machen den Großteil der Ausgaben der Neu-Nitramischen Konföderation aus, worüber ich von Amts wegen natürlich gut informiert bin. Das Militär braucht gerade jetzt sehr viel Geld, das lässt sich allerdings nicht vermeiden in der aktuellen Situation. Die Kultur ist nicht wirklich ein Kostenfaktor, da wir eine Kulturnation sind – da wird natürlich viel investiert aber sehr viele Nitramier verdienen damit ihren Lebensunterhalt und es ist wohl das einzige Gut, was von uns aktuell noch gewinnbringend ins Ausland exportiert wird. Da zu sparen scheint mir nicht sinnvoll. Geld geht uns hauptsächlich sekundär dadurch verloren, weil wir so viele Krisen gleichzeitig bewältigen müssen. Aber ich sehe nicht, dass irgendetwas besser würde, würden wir davon ablassen. Wenn Sie eine Krise nicht rechtzeitig bewältigen, werden Sie von der Krise bewältigt. Das führt nicht zu einem wünschenswerten Ende. Vermeiden lässt sich das Ende der Dinge nicht – aber wir sollten und können doch darauf hinarbeiten, dass es ein Happy End wird. Dazu müssen Sie ihre Geschichte aber selbst schreiben und das kostet Zeit und Geld. Zu mehr sollten Sie aber besser den Finanzminister befragen oder unseren Generalsekretär. Ich bin nur die kaiserliche Legatin des Nordens und für die Bekämpfung von medizinischen und metaphysischen Großkrisen verantwortlich.
Anastratin.de: Dann wollen wir Sie mal nicht weiter davon abhalten. Frau Legatin, wir wünschen Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Arbeit!
Elaine von Ellesmere: Herr Kawomba, das wünsche ich Ihnen auch!
Das Gespräch führte Nils Kawomba.









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