Sonnenaufgang

Die Sonne, wenn sie denn schon mal da ist, hat seltsame, ja mysteriöse Wirkungen auf den menschlichen Organismus. Selbst nach einer schlaflosen Nacht vermag ihr goldener Glanz, hat er sich aus den frühsommerlichen Auen erhoben, neue Kräfte zu wecken.

Sonnenaufgang am 23. Mai 2009

Frühmorgens, wenn die Welt im Dunst noch heile ist, wenn die letzten Nachtgespenster heimwärts zogen, trägt die Luft ein zartes Gefühl von Geborgenheit. Nichts schöneres gibt es, wenn man Frühaufsteher ist zumindest, als im frühen Sommer, früh am Tag über die noch unberührten Felder zu schreiten, vorbei an grünen und kupfernen Ähren, vorbei an blühenden Wildrosen, deren Köpfchen noch verschlafen sind, vorbei am eben verblühten Raps und auf die aprikosenen Wolken zu blicken, wie sie in Gold und Zitrone explodieren.

Und wenn man nicht Frühaufsteher ist, so wie ich, allerdings medikamental bedingt nachts keine Ruhe fand und noch immer – statt schon wieder – umherwandelt, dann ist die junge Sonne dennoch wunderschön, der Sonnenaufgang heilsam.

Während sich die Sonne langsam erhebt, schweigt man. Blickt um sich und sieht nur eine weite, sanfte Flur. Man denkt an Sinnsprüche, wie den vom frühen Vogel, der den Wurm fängt. Aber auch an den vom frühen Wurm, der vom Vogel gefangen wird. Oder man denkt überhaupt nicht und genießt nur – die Ruhe zum Beispiel, die aus den letzten Nebelschleiern ragt oder über die Sonne, dieses unglaubliche kleine goldene Ding, das sich aus den Wäldern am Horizont hebt und irgendwie an Auferstehung erinnert, im ganzen Gold und Wolkensilber.

Und wenn man sich satt daran gesehen hat am neuen Tag, dann geht auch der letzte übermüdete Schläfer nachhause, während sich der Frühaufsteher bereits von Neuem an sein Tagwerk macht, die Sonne aber weiter ihre Bahnen zieht.