St. Martins verlorenes Erbe

Eine kleine Apologie für das Martini-Fest

In früheren Zeiten, als man den Dingen um uns selbst noch einen gewissen Sinn zutraute und sie deshalb immer mal wieder auch besinnlich hinterfragte, war man sich der Bedeutung von Zeit und Raum noch bewusst. Was wir heute negieren, dass Entfernung auch Verhinderung ist und verlorene Zeit etwas Unwiderbringliches – da, was verloren, niemals wiederkehrt – heute aber glauben, weder Zeit noch Raum könnten dem Fortschritt strotzen. Und doch verfallen wir bei jedem kleinen Schneechaos in Weltuntergangsängste, wenn uns die objektiv vorhandene Natur darauf hinweist, dass sie doch noch da ist. Oder wenn trotz aller moderner Technik wieder einmal der Tod aufblitzt im Alltag, meist in einer nicht hollywood-kompatiblen Form. In jener Zeit, als man sich dessen noch bewusst war, schuf man Bräuche, um Zeit und Raum Sinn zu geben.

Gebräuche und Feste schaffen wir uns auch heute noch, doch sie sind ein Armutszeugnis der selbstgefälligen Wohlstandsgesellschaft. Betrachtet man den unausweichlichen Wandel von Kultur, das Auf und Nieder von Symbolen und Ritualen, fällt auf, dass wir heute doch einiges an moralischem Potenzial, auf das wir im freien Westen angeblich so stolz sein können, zwischenzeitlich verschenkt oder versenkt haben. An Werten eigentlich so ziemlich alles – außer uns selbst. Uns selbst nehmen wir noch halbwegs ernst.

Nehmen wir das alte Martinsfest, dann wird der Wandel sichtbar. Bis ins fünfte Jahrhundert zum historischen Martin von Tours ist es rückführbar und wurde schnell als Pachtzinstag ein wichtiger Meilenstein im Jahreskreis. Hier feierte man – unüblicherweise – den Geburtstag statt das Martyrium eines Heiligen, der wie kaum ein anderer für Wahrhaftigkeit, soziale Gerechtigkeit  und Fairness im Sinne des Teilens und Heilens steht und machte ihn zum Dreh- und Angelpunkt des Pachtsystems, das über viele Jahrhunderte realiter für soziale Not stand – denn am 11.11. begann einst nicht die fröhliche Fastnacht, sondern es war der Tag, an dem Zinsen und Schulden bezahlt werden mussten, an welchem die adventliche Fastenzeit begann und das dunkle Viertel. Für manchen Bauern war es jedes Jahr wieder ein kleiner Tag des Jüngsten Gerichts. Wehe, wenn die Pacht nicht beglichen werden konnte. So ein zweischneidiges Symbol wie Martins mantelteilendes Schwert ist selbst die Martinsgans – sie war ja Teil der Abgaben und wer sie schlachten konnte, war nicht immer klar. Eine von beiden Parteien ging oft leer aus. Das Wertideal ist aber gemeinschaftliches Teilen statt bloßes Einheimsen.

Martin von Tours als streitbarer Fechter für Gerechtigkeit in spätantik-autoritären Zeiten wachte also symbolisch über den zeitlichen Angelpunkt einer Wirtschaftsordnung, die wir als viel plumber und ungerechter empfinden als unsere heutige (definitiv auch wohl zurecht). Doch Sinn stiftet das Martinsfest gerade deswegen: Ist der Heilige, vor dessen prophetischer Kritik selbst römische Kaiser nicht sicher waren, doch ein würdiger Wächter über den „Tag der Wahrheit“ im Leben vieler Bauern und Feudalherren. Reichtum teilen und abgeben denen, die es mehr bedürfen ist ein Dienst direkt an Jesus Christus – das ist im Kern die Botschaft und wurde zum neuen Tugendideal für viele Jahrhunderte, in Symbole gegossen in Form vielfältigster Martinsbräuche in Europa. Als neues, unblutiges Heiligenideal fand Martin auch viele Nachahmer bis heute.

Doch sein Fest ist heute längst verblasst wie so manch anderes, die Symbole sind zerfallen und machten anderen Platz. Die gesamte Gesellschaftsordnung hat sich gewandelt, da ist dies auch nicht weiter erstaunlich. Wie in keiner Zeit davor wurde aber auch die Bedeutung von Raum und Zeit relativiert in der Moderne, wo wir uns selbst Sonne, Mond und Sterne selbst erschaffen und zu jeder Zeit an- und ausknippsen können, der Atomkraft sei Dank, die von der Natur unabhängig ist. Demgemäß haben wir es mit festen Zeiten und zeitlichen Festen auch nicht mehr so, fühlen uns aber dennoch bemüßigt, solche optional anzubieten, allein schon, um Wirtschaft und Konsum anzukurbeln. Doch was symbolisieren wir eigentlich in unseren modernen Feierlichkeiten?

Erstaunlicherweise verehren wir nicht einmal so sehr die Technik in Symbolen – zumindest nicht in zeitlichen oder räumlichen. Wo sie herrscht, werden die beiden Dimensionen eher großzügig ausgeblendet oder ganz in Frage gestellt. Da aber Menschen in ihrer Körperlichkeit trotz aller Technik immer noch beides benötigen, Raum wie auch Zeiten, um wirklich feiern zu können, wird die Lücke anders gefüllt: In relativ zeitlicher Nähe zum einstigen Martinsfest, das heute nur noch in Kindergärten einen gewissen Wert besitzt, stehen im 21. Jahrhundert Halloweenzeit auf der einen und die allmächtige Weihnachtszeit auf der anderen Seite.

Mit Halloween wird das unausweichliche Thema „Tod“ konsumfreundlich aufgewärmt, quasi als Fastfoodvariante der alten Totensonntage und mit neuen, etwas unterhaltsameren Inhalten. Die unausweichliche Macht des Endes aller Dinge, die auch dem stumpfsinnigsten Geschäftsmann im Herbst bewusster wird als sonst, wird zeitgemäß relativiert durch moderne und scheinbar religionslose Formen der Auferstehung: Sei es in der geadelten Unsterblichkeit als erotisch-noblesser Twilight-Vampir, oder als tumber Zombie – eine wirklich herrliche Metapher für den modernen und unmündigen, da letztlich hinlosen Konsumbürger. Es gibt aber noch mehr individuelle Schreckensformen, vom freudial-triebgesteuerten Werwolf über die ultra-feministische Hexe bis hin zum Teufel persönlich – für jeden ist etwas passendes dabei. Mit was man sich auch mehr identifiert, nach dem Tod kommt jedenfalls noch was: Das allgemeine, zeit- und raumlose Untot-Sein. Ist das nicht schön und beruhigend, wenn auch ein wenig gruselig?

Auf der anderen Seite, für alle, die mit einem solchen Nicht-Himmel immer noch zu wenig anfangen können, haben wir aber auch noch die schmackige Mär vom Weihnachtsmann, jener modernen Variante vom „Alten Mann mit Bart“, auf die selbst hartgesottene Atheisten in gefühlvollen Momenten noch jedesmal weihnachtlich hereinfallen. Glitzerumstrahlt, wohlbeleibt und an allem Guten mehr als nötig ausgestattet wacht der nette, altväterliche Bursche fürstlich und doch irgendwie ganz antiautoritär über seine weihnachtsgläubigen Kinderlein, beschenkt sie rücksichtsvoll-heimlich und bescheiden mit allerlei unbedingten Verköstigungen, die sie ja eigentlich nicht brauchen – denn Lebkuchen sind kein täglich Brot – schenkt sie aber dennoch allen, die einfachen Gemütes sind und geht damit noch weiter als die Sinnaussage der Halloween-Feierlichkeiten, wo sich die Kinder ihre Süßigkeiten immer noch selbst ergaunern müssen so wie die Zombies das Gehirn und die Vampire das Blut anderer. Die Weihnachtsaussage lautet: Halte in der kalten Winternacht einfach still, schlafe und tue selbst nichts, dann kommt deine Beschenkung wie von selbst.

Betrachtet man die Symbole kritisch, kann einen bei beiden Festen nur Schauder ergreifen. Was wird hier eigentlich noch gefeiert? Wo beim Martinsfest das Teilen als Ideal gesetzt wurde, ist es beim modernen Halloween das Einheimsen oder gar Lebenssaugen von anderen und beim modernen XMass das bloße fröhliche Beschenktwerden und unkritische Konsumieren. In Amerika hat man dazwischen immerhin noch das Thanksgiving-Fest, das den Wert der Familie hochhält, im modernen Europa dagegen geht inzwischen geht der Lebenssog der Totenparty direkt ins Weihnachtsbesöffnis über, ganz ohne alle Werte außer dem einen, dass man sich eben das gönnt, was man will – im einen Falle wie selbstverständlich bekommt, wenn man nur sanft genug schläft und den Weihnachtsmann nicht bei seiner Arbeit stört und im anderen Fall holt man sich eben einfach, was man will und geht dabei zur Not auch über Leichen. Symbolischer Grund beider Feste sind so gesehen Gier und Selbstbereicherung. Im weihnachtlichen Fall bestenfalls fremdgesteuertes Konsumieren.

Und da man dies ohnehin das ganze Jahr über tun kann oder auch tut, sind Feste heute auch nicht mehr als Steilvorlagen für die Konsumindustrie oder Mottogeber für eine weitere After-Work-Party von vielen, mit der wir Raum und Zeit und damit leider auch den größten Teil unseres Lebens negieren, weil wir keinem Ding außer uns selbst noch einen immanenten Sinn zutrauen und letztlich uns selbst auch keinen weiteren, als selbst zu sein und sich selbst zu bereichern.

Viel anders verhielt es sich auch nicht mit den Gutherren zu feudalen Zeiten, doch über sie wachte immerhin symbolisch einer der berühmtesten Verfechter christlicher Sozialgerechtigkeit, Martin von Tours, als mahnendes Beispiel, wo der Sinn hinter den Dingen wirklich zu finden sei – damals, in früheren Zeiten, als man den Dingen um uns, den Dingen selbst, noch einen gewissen Sinn zutraute und sich selbst auch mal besinnend hinterfragte.