Seinerzeit sorgte Gottfried-Wilhelm Leibniz „Lösung“ der Theodizee-Frage für viel Aufsehen. Überzeugen kann sie aus heutiger Sicht nicht, aber, wenn man sie umkehrt, weist sie in die richtige Richtung.
Die Theodizee-Frage, also der kritische Einwand, wie es sein kann, dass es (soviel) Leid in der Welt gibt, wo es doch einen allmächtigen und gütigen Gott geben soll, ist für jeden Denker ein Prüfstein, der einen Sinn im Universum vermutet.
Nicht nur Religionssysteme mit personalem Gottesbild sind davon betroffen, letztlich auch solche, die im Kern deistisch sind und sogar der Atheismus kommt nicht ganz umhin, sich damit auseinanderzusetzen, weil die Theodizée-Frage eigentlich alle Systeme mit einem höchsten Sinn in Frage stellt. Nicht zuletzt deshalb sieht sich auch Kant genötigt, einen moralischen Gottesbeweis zu liefern, der garantiert, dass ein vernunft-orientiertes Denken und Handeln sinnvoll ist – eben, weil die Welt – auch für vollkommen vernünftige und moralisch handelnde Menschen – eine recht leidvolle und oft sinnlose Wirklichkeit ist, nicht zuletzt deshalb, weil Leiden und Sinnlosigkeit miteinander zu tun haben: denn es macht Leid letztlich so unerträglich, dass es ja in sich sinnlos ist.
Doch zurück zu Leibniz: In rationalistisch-mathematischer Manier geht der Universalgelehrte in seiner Monadologie die Theodizee-Frage an, postuliert zunächst einige Prämissen und folgert dann seine Lösungen:
- Gott ist als allmächtig und allgütig anzunehmen. Denn ohne Allmacht wäre die Welt nicht bestmöglich, also unvollkommen, ebenso, wenn er nicht gütig wäre.
- Die existierende Schöpfung bietet größtmögliche Ordnung (Perfektion) bei größtmöglicher Vielfalt. Leid ist also ein Kompromiss, der zwischen Perfektion und Vielfalt (Freiheit) einzugehen ist.
- Leid lässt sich in metaphysische, moralische und physische Übel einteilen.
- Physische Übel sind wegen Annahme Nr. 2 sinnvolle Teilelemente der Schöpfung, um Individualität zu ermöglichen oder moralische Progression (Veränderung zum Guten).
- Im Verhältnis zur Gutheit der Schöpfung sei das Übel in der Welt nur sehr gering ausgeprägt. Die gesamte Weltgeschichte und eine makroskopische Sichtweise relativieren das vom Einzelnen empfundene Leid.
Aus heutiger Sicht – vor allem nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, unter anderem dem Holocaust – erscheint besonders Punkt 5 geradezu zynisch. Jedem modernen Menschen mit minimal ausgeprägter Empathie und einem Grundwissen in Psychologie dürfte klar sein, dass es keinen schlimmeren Umgang mit dem Leiden von Mitmenschen gibt, als deren Leid zu relativieren und kleinzureden. Im Übrigen widerspricht eine solche Sicht auch dem Grundprinzip der Personalität in der Soziallehre: Es ist unzulässig, das Leiden Einzelner zu missachten, um eine größere Ordnung schönzureden.
Allerdings krankt Leibniz Argumentation schon vorweg an einem logischen Zirkelschluss – in seiner Prämisse setzt er eigentlich schon voraus, dass wir aufgrund der Allmacht und Güte Gottes in der besten aller möglichen Welten leben würden, eine steile Behauptung, die er eigentlich nirgends wirklich überzeugend begründet, zumindest aus heutiger Sicht. Das liegt an seinem Weltbild, das, noch in Folge einer deterministisch-spätbarocken Weltsicht, Perfektion mit Ordnung und Absolutismus gleichsetzt. Wäre die Welt dann absolut perfekt, also absolutistisch durchstrukturiert, vergleichbar einem barocken Garten, gäbe es keinerlei Gestaltungsfreiheit mehr, alles wäre vorherbestimmt und auch gleichartig, da vollkommen geordnet – daher schließt Leibniz daraus, dass die Welt eher auf Vielfalt hin geordnet ist, dass die Schöpfung nicht Ordnung als alleiniges Prinzip hat. Dies macht sie aus zeitgenössischer Sicht weniger perfekt und in Ermangelung anderer Optionen wird das Leid zum Gestaltungsgeber von Vielfalt. Ein heutiger Mathematiker hätte stattdessen auf die Fraktaltheorie zurückgegriffen, was deutlich besser als Gestaltungsprinzip taugt, zumal sich hier Vielfalt auch mathematisch-logisch erarbeiten lässt, während sich eine kaum fassbare metaphysische Kategorie wie „Leid“ eigentlich weder für mathematische, noch logische Konstrukte eignet. Wir würden heutige auch nicht in metaphysische, moralische und physische Leidkategorieren teilen sondern in psychische und physische.
Im Übrigen war Leibniz Theorie auch schon unter Zeitgenossen sehr umstritten, als Lektüre bietet sich hier Voltaires köstliche Satire „Candide“ an.
Was bringt uns Leibniz Theorie von der besten aller möglichen Welten heute – außer als philosophiegeschichtliches Exempel?
Tatsächlich kann man aus Leibniz Teilthesen durchaus einiges daraus ableiten. Die Prämisse, dass Gott als allmächtig und allgütig anzunehmen ist, da die Schöpfung ohne Allmacht nicht bestmöglich wäre, enthält zwar ein Postulat, doch auch, wenn man als heutiger Christ die Schöpfung als nur grundsätzlich (da anfänglich) sinnvoll annimmt, ist ein zumindest gütiger Gott Grundvoraussetzung. Die Allmacht Gottes dagegen ist keine Grundvoraussetzung von Schöpfung mehr, da die heutige Theologie sowohl die These von der „creatio ex nihilo“ (die nicht biblisch ist) als auch die theologisch-philosophische Konzeption von Schöpfung als perfekter Ordnung nicht mehr voraussetzt. Verbreiteter ist die These von der Schöpfung als Sinnwelt innerhalb des Urchaos (biblisch: „Tohuwabohu“, Gen 1,2) und einer veränderlichen Schöpfung als „work in progress“. Gott ist als Schöpfer dann immer noch Anlass, muss allerdings an dieser Stelle nicht allmächtig sein, sofern die durch seine Güte vorgegebene Richtung stimmt.
Für einen Christen allerdings ist die Allmacht Gottes an anderer Stelle nötig: Denn nur ein allmächtiger Gott kann das Leid in der Welt wieder reparieren, indem er den einzelnen Menschen die Sünden vergibt. Die Vergebung von Sünden ist weder ein symbolischer Akt noch bloß ein verbales Freisprechen sondern – sowie sie von Jesus verkündet wird – eine individuelle Heilung, also ein göttlicher Eingriff in die Schöpfung des Einzelnen, aber auch strukturell in dessen Beziehungen zur Gesellschaft. Mit der Sünde wird deshalb auch das getilgt, woran der Mensch krankt – letztlich sein Leid. Würde dagegen das Leid an sich bestehen bleiben und nur ein „Happy End“ im Sinne einer überindividuellen Entwicklung Botschaft des Christentums sein, wäre auch ein nicht-allmächtiger Gott im Sinne des jüdischen Theologien Harold Kushner eine Option, der durch seine reine Weisung die Menschen anleitet, auch wenn er nicht direkt eingreift. Doch eine Grundbehauptung der Botschaft Jesu ist, dass der barmherzige Gott den Menschen die Sünden vergibt und somit massiv eingreift. Tatsächlich Sünden tilgen kann aber nur ein allmächtiger Gott, weil hier nicht nur Leid abgestellt, sondern letztlich kausal komplett getilgt wird. Das ist ein tiefer metaphysischer Eingriff in den Kosmos, der durch Güte allein nicht zu begründen ist. Solche Gnade setzt auch Vollmacht voraus. Wenn Jesu Zeitgenossen sich die Frage stellen „Wie kann dieser Mensch Sünden vergeben“ (Mk 2,7) – so geht es bei diesem empörten Einwurf keineswegs nur darum, dass dem Wanderprediger Jesus hier durch seine Zeitgenossen Gotteslästerung vorgeworfen wird. Vielmehr ist den Menschen damals klar, dass die Vergebung von Sünden ein kosmischer Eingriff auf der gleichen metaphysischen Ebene ist, wie auch Wunder in der Antike einzuordnen sind. Denn aufgrund des Prinzips der ethischen Kausalität kann man Schuld nicht einfach so vergeben, nicht einmal als normaler Gott. Dazu braucht es schon einen allmächtigen Gott.
Wenn wir allerdings dann doch wieder einen allmächtigen, gütigen Gott und eine grundsätzlich sinnvolle Schöpfung annehmen, bleibt die Theodizee-Frage auch für heutige Christen aktuell und lässt sich auch nicht bloß mit dem Verweis auf Schöpfung als „work in progress“ lösen. Denn eine bessere Welt wäre dann eben doch denkbar gewesen und die Frage, warum es immer noch soviel Leid gibt, wird umso akuter.
An dieser Stelle ist es allerdings nützlich zu bedenken, dass man Leibniz Prämisse von der besten aller möglichen Welten auch umdrehen kann: Wir leben zwar vielleicht nicht in der besten aller möglichen Welten, aber so zu handeln, dass diese Welt zu der besten aller möglichen Welten werden wird, ist eine sinnvolle Grundkonzeption, die sich dann zudem auch biblisch mit den Schöpfungsliedern und Geschichten stützen lässt: Die Welt ist zum Guten hin konzipiert, auch wenn sie sich im leidvollen Zustand der Sünde befindet. Und es ähnelt nicht ganz zufällig der Botschaft vom Reich Gottes, die uns von Jesus überliefert ist, wenn wir das überwinden sollen. Zwar löst sich so nicht die Grundfrage, warum die Welt aktuell so leidvoll ist, wie sie es leider ist, doch sie zeigt eine Lösung auf, wie sie besser werden kann – nämlich indem man im Angesicht des Leides nicht verzweifelt, sondern versucht, die Welt besser zu machen, allerdings im Wissen, dass dies durch Menschen allein nicht möglich ist, sondern Gottes Mithilfe voraussetzt. Dieser Gott muss dann allmächtig und gütig sein, aber gleichzeitig auch bei den Menschen im Leid – also ein mit-leidender Gott, wie ihn, im Aspekt von Jesus als Sohn Gottes, der das Leid der Menschen auf sich nimmt, eben gerade das Christentum predigt. Sowohl die Passion, das Kreuzigungsleid Jesu (als Gott) wie auch die Auferstehung, also Neu-Schöpfung durch den Schöpfer-Gott sind theologisch notwendige Teilelemente, damit eine neue, leid-freie Schöpfung im Reich Gottes denkbar wird.
Damit sie nicht nur denkbare Konzeption, sondern gelebte Realität werden kann, muss sie allerdings auch im menschlichen Leben geglaubt und umgesetzt werden, wenngleich dies in einer eben nicht perfekten und oft leidvollen Welt geschieht und womöglich immer nur anfänglich bleibt. Die Theodizee-Frage lässt sich daher nicht philosophisch-logisch überwinden, sondern nur in einer Lebenpraxis, die Glaube, Liebe und Hoffnung einbringt (1. Korinther 13,13), mithin metaphysische Werte, die sich einer rein mathematisch-logischen Bewertung entziehen.




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