Klangweltenfestival 2013 in Tiengen

Am Dienstagabend des 10. Dezember 2013 gastierte das Klangweltenfestival im ALI-Theater in Tiengen. Während draußen Hochrheinnebel die Landschaft frosteten, heizten innen nie zuvor gehörte Klänge den Zuhörern ein.

Man kann es leider nicht von allen Kulturveranstaltungen in Waldshut-Tiengen sagen, diesmal aber hatte das ALI-Theater ein volles Haus und das Glück strahlte sichtbar von den Betreibern der Kulturstätte. Glück war es wohl auch gewesen, den legendären Rüdiger Oppermann in die Waldshuter Provinz zu locken, womit zum ersten Mal seit 27 Jahren das Klangwelten-Festival in der Hochrheinmetropole gastierte.

Wie üblich stellte Oppermann besondere, sonst in Europa nie zu hörende Musiker aus aller Welt vor, diesmal waren es „African Heart Beat“, eine Dorfmusikgruppe aus Uganda, die mit ihrem gewaltigen Erd-Xylophon Embaire in mehrerer Hinsicht im Zentrum der Veranstaltung standen, flankiert vom Solisten Sugna Ram aus Rajasthan (Nordindien), der urindische Klänge sowohl seiner Ravanttha, einer nordindischen Geige entlockte, als auch singend seine Kultur vorstellte, sowie der in Borneo bekannte Lutenist und Künstler Ngau Jau, der ebenfalls in traditioneller Weise sang und seine Sape-Laute spielte. Als ständige Mitglieder des Ensembles wirkten der Harfenist Rüdiger Oppermann mit und sein langjähriger Partner, der Tabla-Meister und Perkussionist Jatinder Thakur. Dem Schlagzeuger kam auch oft die diesmal nicht eben leichte Aufgabe zu, die drei Solostile musikalisch zusammenzubinden. Auch von den Zuhörern wurde von der Musik aufmerksame Offenheit gefordert, denn hier spielte keine gefällige Multikulti-Popband, sondern echte Weltmusik mit Klängen, die sich den gewohnten Normalitäten europäischer Musiktradition sperrten. Die so ganz anderen Klangteppiche und Muster mussten erst „eingehört“ werden, bevor sie sich dem europäischen Ohr in ihrer besonderen Eigenart erschlossen.

Die Kombination erwies sich in diesem Jahr als besonders gewagt, da die Stile nicht nur sehr unterschiedlich, sondern auch die Musiker sehr individuell waren, alle komplett improvisierten (es gibt keine Noten) und das gewaltige Klangfeuerwerk des mittig plazierten Erdxylophons auch unverstärkt alle anderen Instrumente übertönte. Wohl daher, aber auch, weil es ein Unikum ist, dass es echte afrikanische Dorfmusiker überhaupt mal nach Mitteleuropa schaffen, wurde ihm die meiste Spielzeit eingeräumt. Die Mitglieder von „African Heart Beat“ schienen auch schier unermüdlich und energiegeladen und hätten womöglich locker die ganze Nacht durchspielen können – im Gegensatz zu Oppermann, der am Schluss recht erschöpft wirkte. Obwohl sein Instrument dagegen viel zarter klang, wusste auch der nordindische Solokünstler Mahindra Khan sowohl klanglich als auch optisch – mit seinem leuchtend roten Turban, seinem kunstvollen Schnurbart und einem immer fröhlichen Minenspiel sich in Szene zu setzen. Dagegen eher zart und zurückhaltend wirkte Ngau Jau mit seinen Sape-Lautenklängen. Bei den Solostücken erweiterte dies das Klangspektrum des Abends beachtlich, wenn auch diesmal irgendwie Blasinstrumente fehlten (von einem Muschelhorn, das Khan mitunter spielte, einmal abgesehen). Bei den gemeinsamen Stücken hatten es die Saiteninstrumente eher schwer, gegen die Perkussion anzukommen. Das traf sogar auf Oppermanns elektrisch verstärkte Harfen zu. Wer Solostücke von Oppermann auf der Harfe erwartet hatte, wurde ebenso enttäuscht – sodass diesmal wenig Harfe zu hören war, obwohl drei prominent auf der Bühne standen.

Wie gewohnt stellten die Musiker nicht nur ihre Klangwelten vor, sondern Oppermann informierte die Zuhörer auch in lockerem Plauderton über kulturelle aber auch lebenspraktische Hintergründe – z. B. dass es bei aller Bürokratie nicht eben leicht ist, echte nichtkommerzielle Musiker überhaupt auf europäische Bühnen zu bringen, er ging aber auch immer wieder besonders auf das „normalen“ Leben der Musiker in ihrer eigenen Lebenssphäre ein, auf den „Platz im Leben“, den die Musik im afrikanischen, nordindischen Alltag oder auf Borneo hat. Zu sich selbst und seiner Musik, wohl weil er es nach 27 Jahren für selbstverständlich hielt, sagte Oppermann dagegen kaum etwas und versuchte sich musikalisch eher im Hintergrund zu halten.

Die Stimmung im zahlreich erschienenen Publik  – das ALI-Theater war vollbesetzt – war allgemein aufmerksam interessiert und gegen Ende für deutsche Verhältnisse sogar ausgelassen fröhlich. Wir hatten beim Konzert nur das Pech, vor drei untypischen Zuhörern zu sitzen, die sich wohl ganz definitiv im Konzert geirrt hatten und immer wieder ihren Unmut herausließen. Man darf sich ernstlich fragen, wozu solche Leute in ein Klangwelten Konzert gehen (wo die Karten immerhin 25 EUR das Stück kosten), wenn sie weder die Klänge fremder Kulturen, noch von Rüdiger Oppermann Hintergründe dazu, noch seine Harfe hören wollen. Eigentlich störten sie sich und uns hauptsächlich und ich fand es ebenso erstaunlich wie schade, dass die drei nach der Pause immer noch da waren. Glücklicherweise übertönte das gewaltige Erdxylophon auch ihr dummdeutsches Geschwätz sehr gekonnt und flutete den Saal mit afrikanischer Herzenswärme.