Abschied vom Wunderland

Tage kommen, Tage gehen – und am Donnerstag, den 30. August 2018 endete auch mein Aufenthalt in Nordwales.

Aus leidiger Erfahrung mit öffentlichen Verkehrsmitteln habe ich gelernt, immer zeitliche Sicherheiten einzubauen und mich daher entschieden, die Rückfahrt von Wales an den Hochrhein auf zwei Tage aufzuteilen, sodass ich in Manchester einen Puffer hätte. Zunächst würde ich per Zug von Llandudno bis nach Manchester fahren, dann schließlich per Flug von Manchester nach Basel und von dort mit Tram, SBB und Hochrheinbahn zurück nach Lauchringen.

Abschiedsfrühstück in Llandudno (Foto: Martin Dühning)
Abschiedsfrühstück in Llandudno (Foto: Martin Dühning)

Am Donnerstagmorgen, den 30. August 2018 um 10.00 Uhr britischer Zeit genoss ich zum letzten Mal mein Frühstück im Bodnant Guest House in Llandudno, räumte mein kleines Quartier, gab den Schlüssel zurück und verabschiedete mich von Joan, nicht ganz ohne Wehmut. Ich muss sagen, ich habe einen recht schlechten Schlaf, aber in Wales hatte ich zuletzt deutlich besser geschlafen als am Hochrhein, wo mich die grässliche Sommerhitze 2018 nachts kein Auge zudrücken ließ. Das Quartier war klein gewesen, aber doch irgendwie gemütlich. So war ich fast erholt nach den paar Tagen Walesurlaub, denn wenn das Wetter auch manchmal etwas arg nass und klamm war, nach acht Wochen Hitze war es wie eine Erlösung. Das Bodnant Guest House war mir eine heimatliche und gemütliche Herberge gewesen. Außerdem wusste ich leider auch, dass mich in Manchester sicherlich ein deutlich schnöderes Nachtlager erwarten würde.

Letztes Foto vom Bahnhof Llandudno (Foto: Martin Dühning)
Letztes Foto vom Bahnhof Llandudno (Foto: Martin Dühning)

Ich schritt also leicht wehmütig Richtung Bahnhof von Llandudno, wo ich noch ein letztes Mal auf den Zug von Arriva Trains Wales wartete. Ein letztes Mal schaute ich den Arbeitern zu, die gerade den Bahnhof reparierten und dabei fröhliche Liedchen pfiffen, betrachtete die wartenden Passagiere, unter anderem eine Gruppe Großeltern mit vielen Enkelkindern, rettete für eines der Kinder einen blauen Plüschwal vor dem Vergessenwerden und stieg dann eine Stunde später in den Zug, der Richtung Manchester Airport abfuhr.

Manchester City - aus dem Zug fotografiert (Foto: Martin Dühning)
Manchester City – aus dem Zug fotografiert (Foto: Martin Dühning)

Der Zug von Arriva Trains Wales war, wie gewohnt, pünktlich, sauste zunächst an walisischen, später an englischen Ortschaften vorbei, durchquerte die Großstadt Manchester mit ihren alten und neuen Bauten und traf dann fahrplanmäßig am Flughafen ein. Ich überlegte mir, ob ich, hätte ich der Pünktlichkeit der Züge mal getraut, nicht gleich einen Anschlussflug hätte buchen sollen, aber ich hatte das Zimmer im Britannia Airport Hotel ja schon vorab gebucht, und selbst, wenn dieser Zug pünktlich eingetroffen war, der Flug und die Hochrheinbahn waren eine Sache für sich – und schließlich war ein Zimmer in Manchester deutlich preisgünstiger als ein ad hoc gebuchtes in Basel, die recht teuer sind, wie ich noch von meiner Sizilienreise her wusste.

Das letzte Mal im Airport Manchester war es Nacht gewesen, nun war es Mittag. Was für ein Unterschied! Überall wuselten Passagiere und ich suchte erst einmal, wo ich am nächsten Tag würde einchecken, bevor ich dann später feststellen musste, dass an ein Taxi diesmal nicht zu denken wäre. „About one or two hours“, warnte mich der Taxivermittler am Schalter, sodass ich die Idee, die bequeme (und in Manchester überaus billige) Tour zu nehmen, aufgab. Also entschied ich mich für den Bus, dessen Abfahrtsplatz zu finden auf der riesigen Airportanlage gar nicht so einfach war. Der Bus kam auch zu spät, der Fahrer hatte mit allerlei technischen Schwierigkeiten zu kämpfen, nahm es aber recht gelassen und humorvoll scherzend und erzählte mir auf der Fahrt allerlei Anekdoten, von denen ich, seinem starken Akzent geschuldet, aber nur herzlich wenig verstand. Trotzdem war ich über seine Redseligkeit sehr erfreut, denn zu meinem großen Schrecken waren die Halteschilder der Vororte von Manchester offenbar in Schriftgröße 14 gedruckt und hießen zudem alle recht ähnlich, die Straßenzüge glichen sich extrem, von der Vielfalt der walisischen Architektur war keine Spur mehr: Backsteinhausreihe folgte auf Backsteinhausreihe.

Sehr dankbar nahm ich also die Hilfe des Busfahrers an, damit ich das Britannia Airport Hotel in Northenden auch nicht verfehlen würde. Das Britannia Airport Hotel, so meinte er, sei eine bekannte Sehenswürdigkeit von Northenden. Ich vermute mal, das ist so, weil der Betonbau eben kein Backsteinreihenhaus ist – und außerdem scheint Northenden, abgesehen von der nebenstehenden „Assembly Hall of Jehovah’s Witnesses“, nicht viel an Sehenswürdigkeiten zu haben.

Der Bus nach Northenden (Foto: Martin Dühning)
Der Bus nach Northenden (Foto: Martin Dühning)
Northenden bei Manchester (Foto: Martin Dühning)
Northenden bei Manchester (Foto: Martin Dühning)
Ortsschild in Northenden (Foto: Martin Dühning)
Ortsschild in Northenden (Foto: Martin Dühning)
Das Britannia Hotel - die große Sehenswürdigkeit von Northenden (Foto: Martin Dühning)
Das Britannia Hotel – die große Sehenswürdigkeit von Northenden (Foto: Martin Dühning)

So dankbar ich war, als ich das Hotel endlich erreicht hatte, so tief sank meine Laune, als ich mein Hotelzimmer sah. Diesmal hatte ich eines mit direktem Blick auf die Mülltonnen des Hinterhofs und den Parkplatz, wo eine Autotüre nach der anderen klatschte, zudem war das Bett sichtbar windschief und mir graute vor der Nacht. Hatte ich bislang als absoluten Tiefpunkt von Reiseaufenthalten Stettin in Erinnerung, so toppte diese Lokation dessen Plattenbauarchitektur locker. Vielleicht war es auch einfach der Kulturschock nach dem schönen, schönen Wales.

Romantischer Ausblick aus dem Britannia-Hotel mit Vanitas-Motiv (Foto: Martin Dühning)
Romantischer Ausblick aus dem Britannia-Hotel mit Vanitas-Motiv (Foto: Martin Dühning)

Es war noch viel zu früh, kaum nach 16.00 Uhr und ich wollte in dem schaurigen Zimmer nicht zu lange verbringen, also entschied ich mich zu einem kurzen Spaziergang durch Northenden, der mich, weil dem Ort irgendwie eine Mitte oder Seele fehlte, aber enttäuschte, zudem fand ich auch kein Restaurant, das mir zusagte. Also schlenderte ich etwas ernüchtert zum Hotel zurück und nutzte dann den Imbissdienst der Bar, der Barkeeper war wirklich nett, aber die Speisen eindeutig Tiefkühlkost. Nachdem ich mich an den Quizshow-Sendungen, die auf den Monitoren liefen, satt gesehen hatte, verbrachte ich noch ein Stündlein vor dem Hotel auf ein paar Sitzen, die allerdings hauptsächlich von Rauchern genutzt wurden, und betrachtete die ankommenden Taxis, die Gäste aufnahmen und entließen. Dann schlenderte ich zur Bar zurück, betrachtete auch ein wenig die Spielautomaten, bevor ich dann deprimiert auf mein Zimmer zurückschlich.

Abends chattete ich dann ein wenig mit meinem Lieblingsmenschen, hatte allerdings kaum noch brauchbares Fotomaterial, was ich hätte versenden können, um sie neidisch zu machen, und auch sonst nichts interessantes, außer ein paar Aufnahmen vom Zimmerfernseher, wo eine recht lange und immerhin gefällige Sendung über britische Lieblingsgärten lief. Das erinnerte mich an meinen Ausflug in die Gärten von Bodnant, ebenso aber auch an meinen eigenen Garten im Klettgau, den ich ja nun bald wiedersehen würde. Vielleicht würde ich ja eines Tages tatsächlich auch ein paar der englischen Rosen einpflanzen, die ich in Wales bewundert hatte. Die Gemüseweisheiten des Fernsehgärtners Monty Don belächelte ich dagegen eher, immerhin waren aber ein paar interessante Tipps zur Gartenarchitektur dabei. Später würde ich sie sogar teilweise noch umsetzen.

"The Joy of Gardening" im Fernsehen (Foto: Martin Dühning)
„The Joy of Gardening“ im Fernsehen (Foto: Martin Dühning)

Nach dem Gartenfilm zappte ich durch das Programm, fand aber kaum noch etwas, was mich interessierte, denn Polizeiberichte und Klatsch aus Manchester waren nicht mein Ding, Krimis oder Horrorfilme wollte ich auch nicht sehen. Also kochte ich mir einen Tee mit einem Teebeutel, den ich noch vom Bodnant Guest House mitgenommen hatte, dachte über die schönen Ansichten nach und wie schade es war, dass ich die Reise wieder hatte alleine machen müssen und irgendwann so nach 22.00 Uhr beschloss ich dann auch, den Tag zu schließen. Der Parkplatz vor dem Fenster machte mir bange, hoffentlich würde ich die Nacht schlafen können, denn mir war klar, der nächste Tag würde stressig werden…

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Martin Dühning, geb. 1975, studierte Germanistik, kath. Theologie und Geschichte in Freiburg im Breisgau, arbeitet am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut und ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Anastratin.de.